Sonntag, 9. August 2009

dein sex, mädchen

Charlotte Roche konnte mir auch nicht helfen. Letzten Frühsommer war es, da sie mit ihrem Bestseller "Feuchtgebiete" und einem angeblich feministischen Impuls im Gepäck durch die Republik tourte. Geschlechts- und generationsübergreifend wurde nun fleißig über die Analfissur der Protagonistin Helen Memel gelesen - und über ihr außergewöhnliches Sexempfinden. Da war was Neues, da musste man mitreden. Manch einer soll die leichte Lektüre gar als sexuell anregend empfunden haben, faktisch war der pinke Schmöker mit dem Pflaster jedenfalls an jeder erdenklichen Ecke im Gespräch - sprichwörtlich in aller Munde.

Und Charlotte Roche sagte weiter in jedem Interview fleißig das Sprüchlein ihrer zweifelhaften Mission auf - Frauen müssten ein unverkrampfteres Verhältnis zu ihren Körpersäften entwickeln und überhaupt lockerer werden im Umgang mit den Bedürfnissen ihrer biologischen Hüllen, soweit in etwa die Botschaft. Das ließ sich gut hören, bis sich beim Lesen der ersten Seiten die ersten Zweifel breitmachten. Was sie definitiv erreicht hat: man redete über Intimrasur, Avocadokerne als Liebeskugeln und Analsex "mit Schokodip" - jedoch beließ man die heikle Thematik lieber bei Helen Memel. Und du selbst? Nein, nein, das ist mir doch zu krass. Die Dialoge griffen nie auf die persönliche Ebene über, denn Helen Memel war schlussendlich nicht mehr als eine Schockfigur. Dabei hätte es der sexuellen Emanzipation deutlich mehr geholfen, hätte Frau Roche statt ihrem Rasierklingengruselkabinett etwas über Frauen, ihren Körper und ihren Sex geschrieben, dass im erlebbaren Bereich jenseits der Ekelschwelle rangiert. So hat sie lediglich geschockt und Geld sowie Aufmerksamkeit verdient, letztere währte jedoch nicht lange. Schock ist ein abruptes und kurzfristiges Empfinden.

Gesellschaftlich befindet sich weibliches Lustempfinden noch immer in einer Art Tabuzone, wobei doch so viele junge Frauen dieses No-Go als längst nicht mehr zeitgemäß empfinden - und es doch wenn überhaupt nur zaghaft und leise überschreiten.

Die wow-hatte-ich-gestern-tollen-Sex-Konversation kenne ich hauptsächlich aus den Mündern meiner männlichen Freunde, während die Damen sich an vielen Stellen weiter in nichtzeitgemäßer Zurückhaltung üben. Sex hat man zu haben, aber die Details bleiben im Gespräch oft sicherheitshalber außer Betracht. Die Freundinnen, mit denen ich das persönliche Lustverhalten en detail erörtert habe, kann ich an zwei Fingern abzählen. Vielleicht wird es mit meinen jungen Neunzehn im Laufe der Zeit noch ein Finger mehr, unter Umständen werden es auch weitere zwei, aber die Hoffnung halte ich bisher eher klein.

Viele Frauen meines Alters schrecken in unserer so dermaßen aufgeklärten Zeit vor dem dermaßen verschobenen gesellschaftlichen Empfinden der weiblichen Sexualität zurück, denn: zu schnell gelangt man bei zu häufig wechselnden Partnern an ein dubioses Flittchen-Image - und das nicht nur in jener schwäbischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. 90.000 Einwohner, unter denen sich die Jugendlichen im selben Alter alle über höchstens drei Ecken kennen oder einmal gekannt haben, man erfährt hier schnell, wer mit wem was genau hatte, Sie wird bei entsprechender Frequenz One-Night-Stand-ähnlicher Vorkommnisse als leichtes Mädchen gehandelt während Er nur eine weitere Trophäe für den Schrein seiner Männlichkeit ergattert, oft miterlebt. So niederschmetternd die Assoziation mit altem Mief daherkommen mag ist diese Form des sozialen Urteils noch immer Gang und Gäbe.

Fast jede_r in meinem Alter, plusminus einiger Jahre, kann sich vermutlich an die Szene aus dem Teeniefilm "Crazy" erinnern, in welcher ein paar pubertierende Jungs auf einen Doppelkeks wichsen, wer am nächsten trifft gewinnt. Auch abseits fiktiver Pubertätsgeschichten sehen Jungs mit Fünfzehn gemeinsam Pornos, erzählen sich nicht ohne eine gehörigen Portion Stolz gegenseitig von den ersten sexuellen Erfahrungen zu zweit während die Mädchen, soweit das Klischee, von Rosenduft und Kerzen träumen. Den heranwachsenden jungen Frauen wird ein ums andere Mal vom Dr.-Sommer-Team erzählt, dass es vielleicht ein bisschen wehtut beim ersten Mal, darüber werden sich ein paar Gedanken gemacht, ansonsten hat man dann die Schwelle zum vermeintlichen Erwachsenwerden, den ersten Sex, irgendwann glücklicherweise überschritten, der Rest bleibt im Dunkeln.

Das Klischee ist hier von der Realität nicht weit entfernt. Wenn auch manches Mädchen mit dreizehn den Traum vom Bed of Roses nicht mehr träumt, bleibt das Gewaber der pubertätsbedingten hormonellen Übersteuerung ohne Ausdruck, zumindest jenseits der von Postern bedeckten vier Wände. Das männliche Pendant redet offener und guckt weiter erotische oder weniger erotische Filmchen, mann probiert sich aus und sammelt, wenn nicht am eigenen Leib, dann doch wenigstens visuelle Erfahrung.

Der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen sexuellen Empfinden mag vorhanden sein - und doch sind wir uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in unseren Bedürnissen sehr ähnlich. Wenn auch mit der Zeit auf weiblicher Seite die Hemmschwelle sinkt, selbige zumindest gegenüber dem Partner zu artikulieren, bleiben die Details über Sex zu zweit oder allein in den meisten darauffolgenden Gesprächen in freundschaftlichem Umfeld im Verborgenen wie die Kiste Tittenheftchen, derer Mann sich ab einem gewissen Alter zu schämen beginnt. Denn auch unter Frauen besteht die Gefahr, den ein oder anderen schiefen Blick auf sich zu ziehen. Nicht anders lässt sich erklären, dass die Seite the-clitoris.com über weibliche Masturbationsmethoden einen Einzelfall auf weiter Flur im Web markiert. Man könnte weiter feststellen, dass die Existenz einer solchen Seite - im Übrigen ein positives Beispiel feministischer Unverkrampftheit - die ansonsten weit verbreitete Tabuisierung der Thematik anschaulich illustriert.

Aus heutiger Perspektive scheint die Nackt- und Freiheit der Siebziger eine nur kurzzeitig entfesselnde Wirkung gehabt zu haben. Unsere Zeit ist geprägt von der Schizophrenie zwischen medialer Omnipräsenz der Lust und der Biederkeit des Alltags, hinter der sich in den meisten Fällen leider vornehmlich Frauen verstecken. Im Kino erschienen sie in Massen, Frauen zwischen Sechzehn und Sechsunddreißig, die sich mit High Heels beschuht zum Sex-and-the-City-Film tief im Kinosessel zurücklehnten und den Darstellerinnen begeistert dabei zuhörten, wie sie sich ungeniert über ihr Sexleben unterhielten. Und nach dem Film, als das zu völliger Dunkelheit gedimmte Licht im Saal wieder hochgefahren wurde, stöckelten sie hinaus, die Offenheit haben sie lieber an der Leinwand hängengelassen. Ich bin weit davon entfernt, die dahinplätschernden Sexkonversationen der amerikanischen Serie zu einem Positivbeispiel sexueller Emanzipation zu stilisieren, sie bleiben dennoch ein Exempel der mir unverständlichen Ambivalenz junger Frauen bezüglich ihrer Bedürfnisse. Wie erholsam ist war es, als mich eine Freundin nach der ersten Nacht mit neuem Typen fragte "und, wie war's so? Also wird er zum Beispiel gern geritten?"

Es gibt keinen Grund, sich hinter falscher Zurückhaltung zu verstecken, denn nicht durch Schweigen, sondern durch einen offenen Umgang mit der eigenen Sexualität besteht die Chance, Vorurteile und Befangenheiten nach und nach auszuräumen. Der Hochgenuss sexuellen Empfindens ist es nicht wert, unter längst eingestaubte Teppiche gekehrt zu werden.

Kommentare:

  1. Hey Stadtpiratin.

    Ich glaube bei den Sexgesprächen ist das bei Jungs/Männern so wie wenn man sie danach fragt, wie oft sie schon haben: Viel heisse Luft. Ja, Männer reden viel über Sex und viel über Frauen, aber eigentlich NIE im Detail. An ein "nice ass" schließt sich im Regelfall nur ein wissendes Nicken der Runde oder ein "yeah" an, keine Diskussion über Erfahrungen mit verschiedenen Rundungsvarianten oder deren sexuelle Vor- oder Nachteile. Ich habe einen guten Kumpel, der im Moment täglich diverse Male von seiner Liebsten rangenommen wird und sich ein wenig unter Leistungsdruck sieht, aber mehr als das hat auch noch niemand gehört. Frauen diskutieren über Technik und Ausdauer vom Küssen bis ggf. zum Geschmack des Ejakulats. Daß man in diesem Zusammenhang besser Ananas statt Spargeln essen sollte, weiß ich aus Gesprächen mit Freundinnen, nicht mit Kumpels. Meine Gespräche mit Frauen sind vermutlich nicht so detailliert wie das bei Frauen untereinander wäre, ich habe halt anderes Equipment und das macht die Kommunikation schwerer, aber in jedem Fall detaillierter und komplexer als das mit Männern je der Fall war und vermutlich sein wird. Männer unter sich haben eigentlich nur einen binären Begriff ja oder nein, keinen qualitativen wenn es um die intrageschlechtliche Diskussion geht. Sie haben natürlich auch einen qualittativen - aber den diskutieren sie nicht untereinander... Ich würde mir das männliche Kommunikationsverhalten nicht als Vorbild nehmen, nur weil wir eher darüber reden, daß wir uns schon mal einen runtergeholt haben oder damit prahlen, dass uns das Mädel gestern Nacht aneglächelt hat...

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  2. Nunja - da sollte ich vielleicht klarstellen, dass männliche sexkonversationen nicht unbedingt vorbildhaft dargestellt werden sollten. auch wenn die ein oder andere prahlerei durchaus dabei sein mag herrscht hier jedoch oft ein unbefangenerer umgang mit dem thema. ich zum beispiel kenne die detailberichte meist nur von männern während auf weiblicher seite leider oft noch eine art falscher prüderie vorherrscht. Die ejakulat-geschichte gehört dabei vielleicht zu den themen, über die eine ungezwungenere frau noch spricht, lapidar, aber kennst du frauen, die sich auch untereinander darüber austauschen, was sie besonders anmacht - ob zu zweit oder allein? das wird den meisten dann doch zu persönlich, man lächelt und schweigt.

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  3. Intelligenter, witziger, ehrlicher und wahrer Text! Ich sehe die fair trade Kaffee trinkende taz-Redakteurin Eva, wohnhaft in Prenzl Berg, bereits lebhaft vor mir ;-)

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  4. "aber kennst Du Frauen..."

    mehr als Männer, definitiv. War mal bei einer Frauendiskussion zum Thema Küssen dabei, sehr interessant. Bei uns ist das eher nur "Mann a: gestern habe ich mit abc geknutscht. Mann b: score! Und war gut? Mann a: ja, war cool." Mit meiner besten Freundin habe ich dagegen schon detailliert über ihre und meine Vorlieben gesprochen...

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  5. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Frauen eher detailliert über Sex reden, Männer dafür umso mehr allgemeine Kommentare machen. Bei vielen Frauen ist es vielleicht ein "Vertrauensbeweis", ich rede jedenfalls nur mit engen Freundinnen ausführlich über mein persönliches Sexleben, wobei bei Männern eher eine "oberflächliche Bindungstaktik" für Kumpels ist, die auch öfters angewendet wird. Aber sind natürlich alles nur Tendenzen, ich bin schliesslich überhaupt kein Fan von Frauen sind so...und Männer so.

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  6. Interessante Gedanken..Das ist doch die Wahrheit! Danke für den schönen Blog, weiter so!

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  7. Das Patriarchat ist doch Schuld, dass man uns Frauen zum minderwertigen, prüden Sexobjekten erzogen hat! Der Artikel ist zwar schön, sollte aber mit den patriarchaischen Machenschaften viel schärfer ins Gericht gehen!!

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