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Montag, 10. Januar 2011

Energie wie nie

zuerst erschienen auf atomconcern.wordpress.com

Liebe Wutbürgerinnen und Wutbürger.

Es war kalt, im November auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben. Und es war noch kälter im Dezember, auf der Schiene vor dem Zwischenlager Nord bei Lubmin. Aber es waren Tausende unterwegs, im Zeichen des Protestjahres 2010 und im Zeichen davon, dass Dinge schieflaufen. Wir waren dort, haben gefroren und getanzt um unsere Zehen wieder zu spüren, neben Feuertonnen ein Stück Revolution geplant und als Anschein einer Erklärung unsere Banner in Kameras gehalten. Uns in goldglänzende Rettungsdecken gehüllt bis wir aussahen wie wandelnde Weihnachtsbäume, in den frühen Morgenstunden auf Strohsäcken sitzend die stetig herannahenden Polizeikräfte in Empfang genommen. Wir waren dankbar für die Kameras, die dann noch auf uns gerichtet waren als wir weggetragen wurden und gehen davon aus, dass es nicht die Herren waren, mit denen wir vorher Waffeln geteilt hatten, die uns über den Asphalt schleiften als genügend Bilder im Kasten waren.

Wir sind nach Hause gefahren, haben uns gefragt, ob es das jetzt gewesen ist, die Castoren sind angekommen, verspätet aber mit Erfolg. Wir haben Zeichen gesetzt, aber nicht genug, um in Zukunft ohne weiteres Atomgift zu leben. Es gab Berichte, Kommentare, Reportagen, die die Problematik in das flackernde Licht medialer Aufmerksamkeit getaucht haben, und tiefgründige darunter, die an Tschernobyl erinnerten und an die auch jetzt aktuelle Gefahr. Während die Reaktoren weiterlaufen und wir unzufrieden, wütend zurückbleiben. Man müsste mehr tun können - und man kann.

Es müsste Atomstrom geben den niemand kauft und eine Politik, die weder finanziell noch ideell das Gift zu tragen bereit ist. Es müsste beleuchtete Bäume Unter den Linden geben, die nachts statt durch Vattenfall ökologisch leuchten. Jeder Haushalt, jede WG, jede Penthousewohnung müsste mit Strom von Anbietern versorgt sein, die die Netze mit erneuerbarer Energie versorgen. Und das im besten Fall ausschließlich. Es müsste ein soziales Gedächtnis geben für Klimagerechtigkeit und demokratische Strommärkte.

Gute Gründe dafür, eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, die einen Anfang bedeutet. Wir wollen mit euch tanzen für Energie wie nie, für den persönlichen Atomausstieg im Wohnzimmer. Wir werden euch vor Ort mit Informationen über unabhängige Anbieter versorgen, die sich nachhaltig und mit eigenen Mitteln für den Ausbau von regenerativen Energiequellen einsetzen. Wenn ihr eure Zählernummer dabeihabt, werdet ihr am Tatort wechseln können und dafür nicht nur free drinks sondern ein Stück bessere Welt bekommen. Und weitertanzen bis eure Füße schmerzen.

Es war kalt, als wir Utopien träumten und wir finden noch immer, auch in beheizten WG-Küchen, dass Utopien da sind, um sich ihnen zu nähern - egal wie groß die Schritte sind. Wenn wir WutbürgerInnen sind, haben wir ein Gefühl entgegen der Gleichgültigkeit. Und es gibt da so eine Band, die hat das, was wir hier sagen wollen, schonmal in Worte gefasst.

"Glaubst du auch, dass wir vielleicht die Wut verliern

den Mut verliern

glaub nicht dran, dass ich und er und sie

jemals die Wut verliern." //Auletta - Schlagt Alarm

lesen: +++ Genug ist genug // Erklärung des Bündnisses Atomausstieg selber machen +++ Empfehlenswerte Anbieter +++

Dienstag, 28. Dezember 2010

Der Fetzen Liebe im Statusupdate

Die Liebe sei als Projekt angelegt, schreibt Malte Welding in der Weihnachtsnummer des Freitag. Ein Projekt auf Dauer, wahlweise die Vereinsamung als Single vor dem Bildschirm:

"Warum diese Vereinzelung? Als Hauptverdächtiger gilt das Phänomen Narzissmus im Verbund mit der Selbst­darstellungsmaschine Internet. Der Tanz um sich selbst mag nach Erotik aussehen, aber es bleibt beim Schein."

All das während Mark Zuckerberg die Welt verbindet und das Post-Privacy-Zeitalter proklamiert. Was aber, wenn Facebook gar nicht oder wenigstens nicht allein der Faktor ist, der uns mehr zu Statusupdates als zu direktem sozialem intercourse bewegt?

Es ist halb drei in einem Neuköllner Hinterhaus, dritter Stock, die Turntables sind geliehen, es gibt Sternburg Export aus der Badewanne. Der Typ links neben dem Kühlschrank ist sichtlich angetan von ihrem Plan, durch Thailand und Vietnam zu backpacken und überhaupt von dem ganzen Mädchen. Aber bevor er sie je küsste im Laufe der Freitagnacht ist sie ihm zu wild und die Geschichte zu aussichtslos, mit einem lauwarmen Rest Bier quetscht er sich kurze Zeit später durch den Flur Richtung Dancefloor. Sie bleibt in der Küche und beschäftigt sich noch ein paar Minuten halbherzig mit der Frage, wen der Anwesenden sie mit nach Hause nehmen könnte ohne sich zum romantischen Frühstück zu verpflichten. Am Ende entscheidet der Alkohol und das, was bei Dunkelheit noch vielversprechend aussah fühlt sich Stunden später an wie der Anblick der zerdrückten Kippen im Waschbecken. Das größte Wagnis bleibt betrunkenes Knutschen in der U-Bahn, etwas wie Liebe im Moment und ohne Fragen.

Wir haben die Freiheit, in WG-Wohnzimmern an der Alternativität unserer Erwerbsbiografien zu feilen, den Zwang zu unter- bis unbezahlten Praktika und die Grenzenlosigkeit möglicher Beziehungsmodelle. Wir lieben unsere Freiheit und tun dies zu Recht, niemand wünscht sich zurück in die zähe Selbstverständlichkeit einer Vernunftehe. Auch wenn, wie Sven Hillenkamp in Das Ende der Liebe schreibt, die Vernunftehe zum Resultat eines zu verzweifelten und zu simultanen Strebens nach gesicherten Lebensverhältnissen, Liebe und satisfaction avancieren könnte. Denn wir fürchten unsere Freiheit mindestens ebenso sehr. Wenn wir heiraten, dann verheiraten wir uns mit Projektideen, insofern auch mit der Idee von der gesicherten Langzeitbeziehung. Und wir fürchten uns nicht genug, um nicht trotzdem alles zu wollen- doch hinreißen lassen wir uns höchstens zu Sturm und Drang in Zeitlupe. Während die Verfügbarkeit von Informationen und die Chance, uns multidimensional selbst zu entfalten, das Tempo des Alltags beschleunigt, werden wir zaghaft im Umgang mit dem Irrationalen. Auch wenn wir uns wünschen, wild und heftig zu lieben: nicht Leistung, sondern Herzblut soll sich lohnen. Für alles andere die Unverbindlichkeit eines one-night-stands.

Die Welt steht uns offen, aber ein aufgeklapptes Notebook gereicht im Zweifelsfall zum Sicherheitsabstand. Sie ist immer direkt vor unserer Nase, die Welt, via Internet sehen wir ihr beim Zusammenwachsen zu und arbeiten währenddessen auf dem Sofa am perfekten Lebenslauf. Der Erwartungsdruck, den wir durch die Fülle der Möglichkeiten auf uns projiziert glauben, führt zu einem Pragmatismus, der Sven Hillenkamp an der Möglichkeit der Liebe zweifeln lässt. Doch sobald der Versuch, mit handwerklichen Methoden Beziehungsglück zu konstruieren der Erkenntnis des Chaos weicht, darf auch ein Kuss zwischen Tür und Angel unter dem Label Liebe existieren. Es ist die Reproduktion vorzeitlicher Lebensformen, die hierfür eine Bereitschaft zum Einfamilienhaus voraussetzt. Schließlich entsteht aus dem Chaos oft nicht nur eine Idee, sondern ein neues Ideal. Und vielleicht eine neue Definition von Liebe, die der Unstetigkeit gerecht wird.

+ soundtrack: Clara Luzia feat. Emma McGlynn // Faces

Freitag, 29. Januar 2010

Die Bettkante für britpop boys

Auch sechs Tage nach Ende der Fashion Week in Berlin löst sich der inhaltliche Knotenpunkt nur stockend. Debatten über die Existenzberechtigung der Hauptstadt als Modemetropole, die Rolle des Diskurses in der Blogosphäre und die gebotene Kost für hungrige Konsumenten halten mich und das Netz in Atem, noch immer, ein wenig. Nach nervenaufreibendem Waten durch gewohntes Schneetreiben, Absolvieren des Universitätsalltags und ausgiebiger Textproduktion für das Missy Blog komme ich an einem Freitagnachmittag vor dem Laptop langsam zu Kräften - neue Formen des Winterschlafs, aus denen man am Ende der Woche mit müden Augen erwachend aus dem Fenster blickt.

Tanzen. Bei den ersten sanften, sektperlenden Berührungen einer Jugend mit dem Nachtleben verkehrte man vorwiegend in vereinzelten süddeutschen Kellerclubs, in denen für fünf Euro die im wesentlichen mit Gitarren ausgestattete Indie-Avantgarde den Sound für Teenierebellionen zum Besten gab. Die gute Zeit der Subkultur begann früh, mit dem Kommerz zu flirten bis eines Tages Dance with Somebody von Mando Diao die Ehe vor den Augen ihres skeptischen Publikums besiegelte. Daneben reihenweise hübsche Bübchen mit zerzausten Haaren, inthronisiert von der Musikindustrie und fitgemacht für den Trend der Masse. London als Zentrum der Macht und der stetigen Reproduktion des Britpopjungen fungiert unterdessen im selben Moment als Quelle einer neuen musikalischen Strömung, the so called wonky pop. Schräg, laut, bunt und trotzdem Pop, durchsetzt von karibischen Klängen, Rap und Elektrobeats distanziert er sich bewusst von einst Indie getauften plastic boys und nimmt damit die Clubs mehr und mehr in Beschlag.

Bezeichnend ist allem voran die Weigerung der Künstler_innen, ihre echten und exquisiten Persönlichkeiten einer Marketingstrategie unterzuordnen. Eine von ihnen, The Cocknbullkid, die ihre Musik mit sounds like crying and trying not to laugh at the same time beschreibt, erzählt den Leuten von Arte (//Tracks vom 28.01.) zwischen zwei Liedern, dass sie wohl irgendwann früher einem industriellen Ideal entsprochen hätte - schlanker und mit geglättetem Haar, das sie heute in seiner ursprünglichen Afrokrause trägt, das sei alles scheiße, sie wollte sein wie sie ist, nur für sich, hätte sie sich damals gedacht. Man glaubt ihr, wie sie auf der Bühne steht und einem Weltschmerz ein farbenreiches Kleid aus markanter Popmusik überstreift, es ist die Überzeugungskraft ihrer Authenzität. Hörproben findet ihr hier.

+++

Bevor ich mich nun dem Sog des Wochenendes hingebe noch eine Textempfehlung bei der Mädchenmannschaft - Gebt den Mädchen ihre Sexualität zurück - ein Artikel, der auf den Text von Malte Welding zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag Bezug nimmt:

"Bis heute akzeptieren wir, dass der erste Geschlechtsverkehr für Mädchen häufig mehr „naja” als „geil” ist, impfen ihnen „mach nichts, was du nicht willst” ein statt „finde heraus, was dir gefällt”, geben uns damit zufrieden, wenn der Partner verständnisvoll ist."

[Bild: The Cocknbullkid via derbyandfirst.com]

Montag, 28. September 2009

new international music

mit müden Montagsaugen sitze ich wieder in der Bibliothek und lasse Hamburg hinter halb geschlossenen Lidern an mir vorbeiziehen. Tagsüber Cappuccino um Cappuccino geleert, durch die Straßen und Cafés gezogen um abens von Kneipe zu Kneipe ziehen zu können, quer über den Kiez, das Reeperbahnfestival 2009 hat Spuren hinterlassen.

Glücklicherweise sind es nicht lediglich Spuren der Müdigkeit, die mich das vergangene Wochenende Revue passieren lassen, sondern Menschen, Musik, Stil und Nachtkultur. Um das Erlebte in eine einigermaßen logisch nachvollziehbare Ordnung zu bringen, sollte ich wohl chronologisch vorgehen.

Donnerstag, 24. Sept., 17:30 Uhr: Ankunft in Hamburg, Hauptbahnhof. Meinen karierten Rollkoffer hinter mir her zerrend bewege ich mich Richtung U-Bahn, Gepäck bei Bekannten abstellen, keine Zeit für längere Zwischenstops, da wir nicht vorhaben, uns allzu viel des dichten Programms entgehen zu lassen. Also zurück in die U3 bis St. Pauli.

First Stop: Doktorjewski treten auf, in der Meanie Bar am Spielbudenplatz. Die kleine Kneipe packed with people, inmitten von Menschen mit Astraflaschen singt ein hellblonder Typ in ausgewaschenen Jeans über Revolutionen zwischendurch, eine Frau namens Katharina, die ihn benutzen soll, zusammen mit einem braungelockten Typen, rotzig-poppiger Deutschpunk at its best. Die Akklimatisierung funktioniert auch für mich mit einem kalten Astra in der Hand ganz wunderbar, irgendwie machen wir das ab jetzt immer so, mit dem neuen Bier kommt neue Musik. Mit ab und an leicht verwirrtem Blick den Lageplan zückend schlagen wir uns weiter durch den Kiez, sehen einen berührenden Björn Kleinhenz in der Hasenschaukel und drei schwächelnde Elfen aus New York, zusammengesetzt als Au Revoir Simone im Imperial Theater. Während die letzten nicht in der Lage sind, mich mit ihren unglaublich gewollt märchenhaften Keyboardklängen und wehenden Stimmchen zu überzeugen, bin ich hin und weg von der Musik des Schweden Kleinhenz. Er steht einfach da und singt, als würde er niemals irgendetwas anderes tun, begleitet sich selbst mit einer einfachen Akustikgitarre. Eine Frau mit kurzen weißblondierten Haaren lehnt neben mir an der Wand während ihr Tränen über die Wangen rinnen, das beste Kompliment, was dieser Mann von ihr bekommen kann. Ich stehe daneben, angerührt. Zum Schluss verpassen wir die letzte U-Bahn und begeben uns auf eine windig-kalte nächtliche Odyssee per Nachtbus und Taxi durch Hamburg.

Nach einem Tag mit Läden gucken, dem besten Apfelwalnusskuchen der Welt im Yoko Mono // Karoviertel und einigen weiteren Cappuccinos finden wir uns auch am Freitagabend am Spielbudenplatz wieder. Dort entern wir ohne große Umwege den D-Club um zu Pöbelei und Poesie die Arme in die Luft zu reißen, denn die Jungs von Auletta wollen mit uns pöbeln und machen mich tanzen zu ihrer mit rockigen Gitarrenriffs unterlegten Straßenpoesie, die Nacht nimmt einen guten Anfang. Ein paar Straßenecken weiter kehren wir in die Hasenschaukel zurück um mit Dan Costello weiterzutanzen. Der New Yorker kreuzt mit Hut und Gitarre auf, die Location ist auch heute wieder voll, immer mehr festivalstreunende Menschen drängen sich in der Tür, auch wenn man drinnen keine Gliedmaßen weiter als 2 Zentimeter vom Körper wegbekommt. Ich unterhalte mich nach dem Konzert noch mit ihm als ich zwei seiner drei Alben erstehe, ich kann any price dafür bezahlen, er will einfach nur, dass jeder seine Musik haben kann, der sie gerne möchte. Ich kann nur sagen: es lohnt sich zu wollen. Der retrogitarrige Indietanzmusiktouch tut gut, in der U-Bahn, morgens zum ersten Kaffee oder wann und wo immer, tanzen und Bier trinken dazu funktioniert ebenso.

dan costello

Der letzte Abstecher des Abends geht danach ins Knust zum abgedrehten Sound von Katzenjammer. Die vier Damen kommen dabei nicht etwa wegen ihres Namens aus Deutschland, sondern aus Norwegen und jammern nicht, sondern machen Tanzmusik vom Allerfeinsten. Dazu benutzen sie eine eigenwillige Instrumentkombination aus unter anderem Banjos und Mandolinen und fragen das Publikum, ob jemand on a date hier sei. Wer mit seinem Date nicht nur knutschen sondern rumspringen und Leben genießen will, dem seien die vier Damen wärmstens ans Herz gelegt, starke Frauen mit unglaublich gutem Sound.

Der dritte Festivalabend steht also noch aus. Der Koffeinkonsum am Tag erreicht seinen wochenendlichen Höhepunkt während der Astrakonsum im Vergleich zu den vergangenen beiden Nächten deutlich abfällt, Ermüdungserscheinungen, die sich aber in Sekunden verflüchtigen als wir uns von Orka feat. Yann Tiersen gleich zu Beginn des Abends im Übel&Gefährlich den Sound ihrer selbstgebastelten Instrumente um die Ohren dröhnen lassen. Ich brauche etwas länger als die anfänglichen Sekunden, um mich an die zunächst widerwillig als Lärm empfundene Musik zu gewöhnen (es muss ja etwas bedeuten, wenn der zu Recht gefeierte Komponist Yann Tiersen mit ihnen durch Europa tourt), bis ich beginne, die Strukturen darin zu entdecken. Nicht unbedingt empfehlenswert als Hintergrundmusik für ein gemütliches Frühstück, denn Orka sind besitzergreifend. Man sollte die Musik lautdrehen und sich flach auf den Boden legen, für andere Tätigkeiten lässt dieser Sound keinen Millimeter Platz. Ich stehe schräg rechts von der Bühne und höre ihnen zu, ohne tanzen oder nebenbei im Takt mit dem Fuß wippen zu können, Orka müssen und wollen nicht tanzbar sein, denn wenn man die erste Schreckminute überwunden hat, sind sie melodisch, tief und beeindruckend.

orka feat. yann tiersen

Zwei Singer-Songwriter-Typen begleiten uns weiter durch die Nacht: zunächst der schüchterne Ian Hooper in der Washington Bar, der jedoch sichtbar aufblüht sobald er zu singen anfängt und dabei wahnsinnig rührend ist. Wax Mannequin in der Hasenschaukel verfolge ich hingegen nur am Rande, ab und an hinhörend während mich das samtige grüne Flohmarktsofa im hinteren Bereich der Bar vollständig in Beschlag genommen hat. Obwohl sich die Musik des Kanadiers von meinem Polstermöbelplatz aus unglaublich gut, neu, interessant und sowohl leichtfüßig-poppig als auch abgründig und darin irgendwie ergreifend anhört, die weichen Sprungfedern sind stärker. Sobald aber der Auftritt der wundervollen Simone White näherrückt, scheint auch wieder ein bisschen Leben in meine asphaltgeschundenen Füße zu kommen. Trotzdem nehmen wir eines der Velotaxis zum Grünspan am Ende der Großen Freiheit, lassen uns also auf einem umgebauten Fahrrad über den voll und ganz vom Saturday Night Fever befallenen Kiez tragen. Simone White hat schon angefangen zu singen als wir die Location erreichen. Sie sitzt auf einem Hocker, nippt zwischen den Liedern an einer Wasserflasche und zerschneidet daraufhin den Raum mit ihrer glasklaren Stimme, die mich ebenso einhüllt wie eine Fleecedecke sonntagmorgens auf der Couch. Dabei singt sie von großen Gefühlen in kleinen Geschichten, unterlegt nur von ihrer Gitarre, und von Krieg und davon, dass die Amerikaner vergessen haben, wofür sie eigentlich kämpfen. Dieses Konzert ist ohne Zweifel mein mit großem Abstand nachträglich favorisiertes Erlebnis rund um die Reeperbahn, ich lasse mich auf einen Barhocker fallen und genieße.

simone white (Quelle: reeperbahnfestival.com)

Dagegen kommen hinterher auch Kante nicht an, ein paar Meter weiter in der Großen Freiheit 36. Sie klingen rockig, die Texte sind naivpoetisch, sie legen sich ordentlich ins Zeug und spielen nicht schlecht, reißen mich aber doch nicht wirklich mit - keine Ahnung, ob das an meiner Müdigkeit liegt, an ihrem nach ein paar Liedern etwas eintönigen Sound oder daran, dass ich die blonde Metalmähne des Leadsängers nicht mag, vielleicht hört mein Auge mit.

Es ist 1:25 Uhr. Kante waren die letzten, wir können uns nun dem Kiez oder unserer Müdigkeit hingeben. Wir landen auf ein letztes Bier in der 3-Zimmer-Wohnung, einer wunderbar retrogemütlichen Bar, die tatsächlich aus einer Küche, einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer besteht, wo man im letzteren auf dem Bett liegend Playstation spielen kann. Oder eben auf dem Wohnzimmersofa gammeln. Wir entscheiden uns für die verlockende Couch und trinken ein letztes Bier dazu bevor wir die U-Bahn nehmen. 3 Tage, vollgestopft mit neuer Musik, die mich begeistert und nach mehr schreien lässt - die Veranstalter des Reeperbahnfestivals sind den Erwartungen seines Untertitels new international music mehr als gerecht geworden. Schon unterwegs habe ich massenhaft Geld ausgegeben, um meinen Hamburgsoundtrack mit nach Hause nehmen zu können, wo ich mittlerweile angekommen bin und Simone White höre und weiß, wo ich nächstes Jahr am letzten Septemberwochenende wieder sein will.

3-Zimmer-Wohnung

Nebenbei habe ich lange nicht mehr so viel Döner gegessen wie an diesem Wochenende, für mehr Abendessen blieb meistens keine Zeit. Die letzten drei Tage vor der Bundestagswahl sind zumindest politisch weitestgehend spurlos an mir vorbeigerauscht, und ich frage mich, ob es denjenigen, die noch eifrig Informationen konsumiert haben, nicht ähnlich ergangen ist. Ein Blick in die Hamburger Morgenpost im Café hat mich nicht weiter neugierig gemacht auf die immer hohler werdende Wahlkampfmakulatur. Gestern Abend wieder in Heidelberg angekommen stehe ich vor vollendeten Tigerententatsachen und wünsche der SPD eine gute Regeneration auf der Oppositionsbank. Hello again Atomkraft, not nice to meet you.

Sonntag, 26. Juli 2009

pogo, schweiß und bier

gestern Abend gaben sich anlässlich des Sommerfests im Karlstorbahnhof Gerald Mandl und Florian Zwietnig von der Mediengruppe Telekommander, diesen Sommer auf beinah jedem Festival quer durch Deutschland vertreten, nun auch in Heidelberg die Ehre. Die neue Popularität der Band lässt sich leicht an der nicht enden wollenden Schlange am Einlass sowie der spürbaren Anspannung der Türsteher messen - ein Phänomen, dass trotz der auch sonst gut besuchten Parties und Konzerte in der Location seinesgleichen sucht.
Nach unterhaltsam angetrunkenen Gesprächen im Pulk vor der Türe schließlich die rotgekleideten Hüter der Nacht passiert begeben wir uns in die tanzende Menge, die Instrumente stehen noch unbemannt auf der Bühne. Erstmal Bier besorgen während das größtenteils studentische Publikum bereits euphorisch zu Mando Diao und Co. die Hüften schwingt.
Die Jungs lassen nicht lange auf sich warten und ohne mich vorher musikalisch akklimatisieren zu können bin ich bereits mittendrin in der Menge wild umherspringender Leiber. Innerhalb von Sekunden klebt der Schweiß aus ungezählten Zusammenstößen vermischt mit etwas Bier an meinem Blusenkleid, die Kamera klatscht im Takt gegen meinen Hüftknochen, das Resultat ist nun am nächten Tag als markantes Hämatom zu bewundern.
Ich erinnere mich dunkel an alkoholisierte Pogo-Orgien mit 15, als ich mit Lederjacke und Doc Martens bekleidet die Punk-Szene meiner beschaulichen Heimatstadt erkundete, muss grinsen und lasse mich treiben.
Die musikalische Rekapitulation der vergangenen Nacht ergibt ein ähnliches Bild, die bei Myspace eingestellten Lieder der Mediengruppe wecken durch ihre punkig angehauchte Gitarrenschrummeligkeit und die lauten Texte mit gesellschaftskritischem Einschlag Assoziationen mit den Kellerraum-Konzerten meiner frühen Teeniezeit. Trotz des hohen Mitgröhlfaktors wirkt die Musik auf mich jedoch auch bei kritischer Tageslicht-Betrachtung nicht flach, auch wenn die Lieder auf den ersten Klick eher einfach gestrickt im Ohr ankommen - denn: Texte und Sound der Gruppe haben Witz und Charakter, insgesamt ein Format, zu dem auch mein geringfügig gealtertes Ich noch spielend Zugang findet. Der perfekte Soundtrack für den Sonntagnachmittag hört sich für mich jedoch trotzdem ein bisschen anders an.

Samstag, 11. Juli 2009

nachtfieber

mein Kopf ist voller Ideen, über was ich dringend schreiben könnte//will//sollte. Und an diesem Punkt kommt mir die samstägliche Abendplanung in die Quere. Ein so evatypischer Samstag heute, mit leicht verkatertem Aufwachen in den frühen Mittagsstunden, Erschöpfungsspuren vom Freitagnachtfieber beseitigend im Zweifelsfall erstmal liegenbleiben. Riesenkaffeetasse und Zigaretten, ziellos das Netz durchstöbern. Ein schöner Tag, reichlich ineffektiv zwar, aber schön. Mit Mann und Coffee to go den Neckar entlanglaufen, bis uns der Hunger irgendwann zurück in Küche treibt.
Und ehe man sichs versieht ist schon Saturday Night, aufraffen, im Schnelldurchlauf aufhübschen und los, vor diesem Punkt stehe ich gerade. Und finde die Sofa-Laptop-Konstellation aber eigentlich noch viel zu gemütlich... nun gut, morgen mehr zum Inhalt, bis dahin Ideen festhalten und Wein trinken.

Freitag, 5. Juni 2009

freitag


Guten Abend.
Es fühlt sich nach Wochenende an, seit ich mir vorhin einen Kaffee gemacht und mich mit meinem neuen Buch - Juli Zeh`s "Corpus Delicti" - in die Sonne gesetzt habe. Der Kaffee dampft und duftet hier vor sich hin und ich freue mich des Lebens.
Heute abend werden wir uns bei einer Freundin treffen, das ein oder andere Glas trinken, Leben genießen, einfach so. Noch losziehen gegen später, die Nacht erobern oder irgendwo auf dem Weg dorthin hängenbleiben. Ich will noch nicht an die nächste Woche denken, oder an Sonntag, wo ich nach meinem mehr oder eigentlich weniger ehrgeizigen Lernplan vorhatte, mit der Vorbereitung auf die nächste Klausur zu beginnen. Nein, ich will wirklich nicht an Sonntag denken. Ich will in der Abendsonne lesen und Kaffee trinken, bis sie untergeht. Und vielleicht noch was schönes kochen. Oder so, ich bin ja frei, noch anderthalb Tage lang. Ahhh, da ist es wieder.
Aber wozu ist der Mensch denn in der Lage, ab und zu ein paar Kleinigkeiten zu verdrängen. Und wenn es durch die Sonne noch nicht ganz gelingt, werde ich später mit einem Gläschen Sekt nachhelfen. Ich fühle es prickeln, und das ist die Message des heutigen Tages: Genießen.
Ich wünsche einen angenehmen Freitagabend.

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