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Montag, 2. Mai 2011

Die unspezifische Revolution

Eine kurze Zwischenbilanz der Berichterstattung zum revolutionären ersten Mai: Spiegel Online spricht von gebremstem Zorn, die Berliner Zeitung erzählt über viel Party und wenig Randale und der Tagesspiegel labelt die Vorkommnisse unter "Ritual und Geplapper". Auch die taz beschränkt sich darauf, über friedliche Festivitäten und nur geringfügige Ausschreitungen zu schreiben - ganz der Eintönigkeit zwischen Staatsgewalt und Radikalen treubleibend.

All das, während die ProtagonistInnen der Demonstration auch in diesem Jahr den Versuch anprangern, den Widerstand durch das Kreuzberger Myfest sedieren zu wollen. Und zwischen gegenseitigen Schuldzuweisungen geht ein wichtiger Aspekt der Debatte verloren: die Frage nach den intellektuellen Grundlagen eines linken politischen Diskurses. In manchen Artikeln zum ersten Mai tauchen in Nebensätzen spöttische Bemerkungen zur Inhaltslosigkeit der Mai-Demonstration auf - ohne zu reflektieren, dass das eigene Medium selbst Teil der Leere ist.

Die Integrationsdebatte war und ist Beweis dafür, dass etwas fehlt. Dass es an Personal, vielleicht an Geld und oft an Willen mangelt, empört zu sein und aus dieser Empörung heraus Gegenentwürfe zu entwickeln. Im linksliberalen bürgerlichen Spektrum ist eine unspezifische Unzufriedenheit mit dem Tonfall rassistischer Forderungen zwar vorhanden - jedoch eine Unzufriedenheit, die nicht zu dem Mut gereicht, sich mit dem Konstrukt Integration an sich kritisch auseinanderzusetzen.

Auch in Datenschutzfragen ist die gesellschaftliche Aufmerksamkeitsspanne kurz - und das nicht zuletzt, weil journalistische Zielsetzungen vor allem der klassischen Medien sich mehr an Aktualität denn an Beständigkeit und politischer Meinungsbildung orientieren. So bestätigen auch hier Ausnahmen zuweilen die Regel: mit großem Wohlwollen lese ich heute seit langer Zeit das Wort Widerstand im Text eines sogenannten Qualitätsmediums.

Ähnlich ergeht es letztendlich auch der thematischen Bandbreite der Demonstration zum "revolutionären ersten Mai". Der Protest gegen Gentrification, Rassismus, soziale Ausgrenzung und die Macht wirtschaftlicher Lobbygruppen bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung als unkoordinierter Krawall zurück. Die Ursachen dafür, dass scheinbar keine oder nur wenig inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet, bleiben unhinterfragt. Dabei macht ein großer Teil der DemonstrantInnen am ersten Mai zumindest eines vor, dass in einem größeren soziologischen Kontext kaum mehr zu finden ist: Herrschaftskonzepte zu hinterfragen und sich aktiv und sichtbar gegen Missstände einzusetzen.

Um berechtigten Unmut gesellschaftsfähig zu machen brauchen wir allerdings mehr als das Potential der weitgehend auf Berlin begrenzten linken politischen Strukturen. Der heute an vielen Stellen undefinierte linke Diskurs verlangt konzeptionelle Tiefenschärfe, die mit der Bereitschaft von VordenkerInnen einhergeht, ihm eine solche zu verleihen. Ein Prozess, der von Schulen und Universitäten bis in die Politik und transmedialen Journalismus hineinreichen muss.

Aus meiner Perspektive hat die systemische Ordnung der Bundesrepublik einen Grundpfeiler, der in seinem Wert nicht unterschätzt werden kann: Artikel 1 Grundgesetz - "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Über alles andere kann und sollte gestritten werden.

+++ Anfänge machen: Reclaiming Alexanderplatz. Widerstandscamp zum Atomforum vom 15. - 18. Mai +++

Freitag, 22. April 2011

We are all lovers, in a way.

My first Berlin impression was that nearly everyone seemed to be riding a bike, smiling, erzählt ein Freund, der Deutschland zum ersten Mal aus der Nähe betrachtet.

Und auf flannelapparel finden sich ein paar wunderbare Fotos zu Fahrradliebe und Großstadtdschungel.

Um mehr als Frühlingsgefühl geht es in einem mehr als lesenswerten Text von Antje Schrupp über Liebe und Freiheit: "Wir müssen die Liebe wieder als Differenzbeziehung denken" schreibt sie dort.

Ich werde ab jetzt auch unterwegs sein, mit dem Fahrrad in Berlin, die Differenzbeziehung zu meiner Stadt pflegen. Ansonsten empfiehlt es sich, die nächsten drei Tage zwischen Parks, Demos und Nachtasylen mindestens mit diesem Soundtrack zu verbringen:

Samstag, 16. April 2011

Digital Rhapsody


Spätestens im Rahmen der offiziellen Verabschiedung von der re:publica11, bei der die versammelte Netzgemeinde mit is this the real life, is this just fantasy zur Bohemian Rhapsody ansetzt, verliere ich ein Stück Herz an die Nerdkultur.

Einige der Inhalte aus drei Tagen zwischen Kalkscheune und Friedrichstadtpalast habe ich im Blog auf freitag.de zusammengefasst >>

+ Shitstorm? You can do it. Mit Helga Hansen und Kathrin Ganz
+ Guck mal, wer da spricht. Wie viel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre? Mit Kübra Gümüsay, Sebastian Mraczny, Urmila Goel und Verena Reygers
+ Speak up. Erkenntnisse der Netzwelt - eine Zwischenbilanz über klassische und neue Medien und Selbstrepräsentation im Netz

Zwei weitere Highlights können per Video nachgeholt werden und sind unter anderem ebenfalls beim Freitag zu finden >>

+ Gunter Dueck - Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem
+ Till Kreutzer - Geistiges Eigentum vs. Kreativität 2.0


[Bild: Jakob Wagner]

Dienstag, 12. April 2011

Flirte mit mir, Pluralismus.

Rasant ansteigender Konsum von Social Media mit den Tagen, in denen die re:publica11 näher rückt. Dieses Jahr werde ich nicht nur da sein, sondern mich auch schriftlich bei meinem aktuell liebsten Teilzeitarbeitgeber, dem Freitag, dazu äußern.

Seit der letzten re:publica ist viel diskutiert worden über Pluralismus im Netz und die Problematik der Wahrnehmung. Ansätze von Erklärungen der digitalen Welt in Bezug auf die Frage, ob die Schwächen der Netzwelt die selben oder andere sind als die der klassischen Medien. Und während feministische Themen mit vielen klugen Bloggerinnen inzwischen breit vertreten und dabei sind, digital Fuß zu fassen, bleiben die Printmedien mehrheitlich Jungsblätter.

Doch obwohl in diesem Spektrum eine unverkennbare Diskrepanz zwischen Print und Online besteht: auf einem weiten sozialpolitischen Feld ist das Netz so wenig pluralistisch wie andere Quellen der Information und Diskussion. Noch immer ist die Debatte um Sarrazins verächtliche Äußerungen nicht abgestorben und bleibt intermedial geprägt von bürgerlicher Bequemlichkeit. Und es ist nicht nur die Eintönigkeit der Integrationsdebatte und ihrer Akteure, es sind umweltpolitische und wirtschaftliche Fragen, Diskriminierung und der Flirt mit dem Elitegedanken, die kühlem Pragmatismus und damit einer einseitig konservativen Sicht zum Opfer fallen.

Man könnte die Frage stellen, warum Sarrazin in Deutschland 2010 zum Topseller avancierte während Frankreich mit Empört euch von Stéphane Hessel vergleichsweise glänzte. Und man könnte die Aufgabe mit einer roten Schleife an die Parteien weiterreichen, Menschen zu empören, zu bewegen und Lethargien zu beseitigen. Dabei sind die Medien unverzichtbarer Teil dieses Diskurses und bestehen zu Recht auf dieser Funktion. Es könnte so einfach sein, Ausgrenzung, Diskreditierung, Ignoranz mit einer argumentativ fundierten Gegenöffentlichkeit zu begegnen. Was ich lese, in der Zeit, der Süddeutschen und diversen Politblogs ist dennoch oft mehr Wellness als Streitkultur. Und denen, die sich auseinandersetzen, werden wenige Klicks zuteil.

Ich werde vermutlich viel rauchen in den nächsten drei Tagen der #rp11 - und pluralistische Netzwerke schmieden.

+++ who did a better job: Hilal Sezgin (Hrsg.) // Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu +++

Samstag, 19. März 2011

I decided to stay concerned.

Ein paar Minuten für Kaffee, Laptop und Zigaretten, um mein Kleinod ein wenig aufzupäppeln. Mir ist nach Politiken zumute, nach Riotgirlism, Demonstrationen und dem Verfassen von Pamphleten gegen Atomkraft und Polizeigewalt. Stattdessen lese ich Akten und betrachte die ungeschminkten Seiten des Rechtsstaats am Kriminalgericht Moabit aus der Nähe. They call it Studienpraktikum, wenig Zeit für digitale Politromanzen. All das während Japan im Chaos versinkt und die energiepolitische Kurzsichtigkeit von Regierungen wieder Menschenleben kosten wird. Und selbst diejenigen unter meinen Facebook friends, die in diesem Punkt sonst mit freundlichem Desinteresse glänzten, schmücken nun ihre Profilfotos mit rotgelben Anti-Atom-Applikationen. Es ist nicht so als wäre ich damit unzufrieden, dass eine neue Debatte angestoßen wurde - höchstens besorgt, dass sie so schnell vorbei sein könnte wie die letzte Fußball-WM. Oder höchstens für die Dauer eines zweifelhaften Moratoriums mit Schlagzeilen befeuert wird. Dazwischen Betroffenheit und Anspannung bezüglich dessen, was noch droht.

Ich hoffe zumindest, dass die oft zu kurze Aufmerksamkeitsspanne ausreicht, um am nächsten Wochenende auf die Straße zu gehen. Ich werde da sein.

Montag, 10. Januar 2011

Energie wie nie

zuerst erschienen auf atomconcern.wordpress.com

Liebe Wutbürgerinnen und Wutbürger.

Es war kalt, im November auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben. Und es war noch kälter im Dezember, auf der Schiene vor dem Zwischenlager Nord bei Lubmin. Aber es waren Tausende unterwegs, im Zeichen des Protestjahres 2010 und im Zeichen davon, dass Dinge schieflaufen. Wir waren dort, haben gefroren und getanzt um unsere Zehen wieder zu spüren, neben Feuertonnen ein Stück Revolution geplant und als Anschein einer Erklärung unsere Banner in Kameras gehalten. Uns in goldglänzende Rettungsdecken gehüllt bis wir aussahen wie wandelnde Weihnachtsbäume, in den frühen Morgenstunden auf Strohsäcken sitzend die stetig herannahenden Polizeikräfte in Empfang genommen. Wir waren dankbar für die Kameras, die dann noch auf uns gerichtet waren als wir weggetragen wurden und gehen davon aus, dass es nicht die Herren waren, mit denen wir vorher Waffeln geteilt hatten, die uns über den Asphalt schleiften als genügend Bilder im Kasten waren.

Wir sind nach Hause gefahren, haben uns gefragt, ob es das jetzt gewesen ist, die Castoren sind angekommen, verspätet aber mit Erfolg. Wir haben Zeichen gesetzt, aber nicht genug, um in Zukunft ohne weiteres Atomgift zu leben. Es gab Berichte, Kommentare, Reportagen, die die Problematik in das flackernde Licht medialer Aufmerksamkeit getaucht haben, und tiefgründige darunter, die an Tschernobyl erinnerten und an die auch jetzt aktuelle Gefahr. Während die Reaktoren weiterlaufen und wir unzufrieden, wütend zurückbleiben. Man müsste mehr tun können - und man kann.

Es müsste Atomstrom geben den niemand kauft und eine Politik, die weder finanziell noch ideell das Gift zu tragen bereit ist. Es müsste beleuchtete Bäume Unter den Linden geben, die nachts statt durch Vattenfall ökologisch leuchten. Jeder Haushalt, jede WG, jede Penthousewohnung müsste mit Strom von Anbietern versorgt sein, die die Netze mit erneuerbarer Energie versorgen. Und das im besten Fall ausschließlich. Es müsste ein soziales Gedächtnis geben für Klimagerechtigkeit und demokratische Strommärkte.

Gute Gründe dafür, eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, die einen Anfang bedeutet. Wir wollen mit euch tanzen für Energie wie nie, für den persönlichen Atomausstieg im Wohnzimmer. Wir werden euch vor Ort mit Informationen über unabhängige Anbieter versorgen, die sich nachhaltig und mit eigenen Mitteln für den Ausbau von regenerativen Energiequellen einsetzen. Wenn ihr eure Zählernummer dabeihabt, werdet ihr am Tatort wechseln können und dafür nicht nur free drinks sondern ein Stück bessere Welt bekommen. Und weitertanzen bis eure Füße schmerzen.

Es war kalt, als wir Utopien träumten und wir finden noch immer, auch in beheizten WG-Küchen, dass Utopien da sind, um sich ihnen zu nähern - egal wie groß die Schritte sind. Wenn wir WutbürgerInnen sind, haben wir ein Gefühl entgegen der Gleichgültigkeit. Und es gibt da so eine Band, die hat das, was wir hier sagen wollen, schonmal in Worte gefasst.

"Glaubst du auch, dass wir vielleicht die Wut verliern

den Mut verliern

glaub nicht dran, dass ich und er und sie

jemals die Wut verliern." //Auletta - Schlagt Alarm

lesen: +++ Genug ist genug // Erklärung des Bündnisses Atomausstieg selber machen +++ Empfehlenswerte Anbieter +++

Dienstag, 28. Dezember 2010

Der Fetzen Liebe im Statusupdate

Die Liebe sei als Projekt angelegt, schreibt Malte Welding in der Weihnachtsnummer des Freitag. Ein Projekt auf Dauer, wahlweise die Vereinsamung als Single vor dem Bildschirm:

"Warum diese Vereinzelung? Als Hauptverdächtiger gilt das Phänomen Narzissmus im Verbund mit der Selbst­darstellungsmaschine Internet. Der Tanz um sich selbst mag nach Erotik aussehen, aber es bleibt beim Schein."

All das während Mark Zuckerberg die Welt verbindet und das Post-Privacy-Zeitalter proklamiert. Was aber, wenn Facebook gar nicht oder wenigstens nicht allein der Faktor ist, der uns mehr zu Statusupdates als zu direktem sozialem intercourse bewegt?

Es ist halb drei in einem Neuköllner Hinterhaus, dritter Stock, die Turntables sind geliehen, es gibt Sternburg Export aus der Badewanne. Der Typ links neben dem Kühlschrank ist sichtlich angetan von ihrem Plan, durch Thailand und Vietnam zu backpacken und überhaupt von dem ganzen Mädchen. Aber bevor er sie je küsste im Laufe der Freitagnacht ist sie ihm zu wild und die Geschichte zu aussichtslos, mit einem lauwarmen Rest Bier quetscht er sich kurze Zeit später durch den Flur Richtung Dancefloor. Sie bleibt in der Küche und beschäftigt sich noch ein paar Minuten halbherzig mit der Frage, wen der Anwesenden sie mit nach Hause nehmen könnte ohne sich zum romantischen Frühstück zu verpflichten. Am Ende entscheidet der Alkohol und das, was bei Dunkelheit noch vielversprechend aussah fühlt sich Stunden später an wie der Anblick der zerdrückten Kippen im Waschbecken. Das größte Wagnis bleibt betrunkenes Knutschen in der U-Bahn, etwas wie Liebe im Moment und ohne Fragen.

Wir haben die Freiheit, in WG-Wohnzimmern an der Alternativität unserer Erwerbsbiografien zu feilen, den Zwang zu unter- bis unbezahlten Praktika und die Grenzenlosigkeit möglicher Beziehungsmodelle. Wir lieben unsere Freiheit und tun dies zu Recht, niemand wünscht sich zurück in die zähe Selbstverständlichkeit einer Vernunftehe. Auch wenn, wie Sven Hillenkamp in Das Ende der Liebe schreibt, die Vernunftehe zum Resultat eines zu verzweifelten und zu simultanen Strebens nach gesicherten Lebensverhältnissen, Liebe und satisfaction avancieren könnte. Denn wir fürchten unsere Freiheit mindestens ebenso sehr. Wenn wir heiraten, dann verheiraten wir uns mit Projektideen, insofern auch mit der Idee von der gesicherten Langzeitbeziehung. Und wir fürchten uns nicht genug, um nicht trotzdem alles zu wollen- doch hinreißen lassen wir uns höchstens zu Sturm und Drang in Zeitlupe. Während die Verfügbarkeit von Informationen und die Chance, uns multidimensional selbst zu entfalten, das Tempo des Alltags beschleunigt, werden wir zaghaft im Umgang mit dem Irrationalen. Auch wenn wir uns wünschen, wild und heftig zu lieben: nicht Leistung, sondern Herzblut soll sich lohnen. Für alles andere die Unverbindlichkeit eines one-night-stands.

Die Welt steht uns offen, aber ein aufgeklapptes Notebook gereicht im Zweifelsfall zum Sicherheitsabstand. Sie ist immer direkt vor unserer Nase, die Welt, via Internet sehen wir ihr beim Zusammenwachsen zu und arbeiten währenddessen auf dem Sofa am perfekten Lebenslauf. Der Erwartungsdruck, den wir durch die Fülle der Möglichkeiten auf uns projiziert glauben, führt zu einem Pragmatismus, der Sven Hillenkamp an der Möglichkeit der Liebe zweifeln lässt. Doch sobald der Versuch, mit handwerklichen Methoden Beziehungsglück zu konstruieren der Erkenntnis des Chaos weicht, darf auch ein Kuss zwischen Tür und Angel unter dem Label Liebe existieren. Es ist die Reproduktion vorzeitlicher Lebensformen, die hierfür eine Bereitschaft zum Einfamilienhaus voraussetzt. Schließlich entsteht aus dem Chaos oft nicht nur eine Idee, sondern ein neues Ideal. Und vielleicht eine neue Definition von Liebe, die der Unstetigkeit gerecht wird.

+ soundtrack: Clara Luzia feat. Emma McGlynn // Faces

Sonntag, 26. Dezember 2010

Boy, it's just a TV Show

Es muss beklemmend sein, schweißgebadet aus einem Traum aufzuwachen, in dem man auf dem Boden liegend zu einem elfenhaften Wesen mit himbeerroten Lippen aufblickt. Erst recht, wenn dieses Wesen einen an der Krawatte zieht und einen High Heel in die schwache Brust rammt. Und schlimmer noch, wenn die bösen Anzeichen aus dem Traum über den Frühstückstisch kriechen, wenn die Tageszeitung in Form einer Studie den nächsten vermeintlichen Beweis für das Aufziehen einer neuen Mädchenelite vermeldet. Vor diesem Szenario scheinen geschlechterpolitische Fragen aus einer dem Feminismus entgegengesetzten Richtung an Relevanz zu gewinnen. Maskulismus wird zur verführerischen Fluchtperspektive vor der überhand nehmenden Weiblichkeit.

Der Maskulismus, per definitionem eine politische Betrachtung des Geschlechterverhältnisses mit dem Ziel der Beseitigung von männlicher Diskriminierung, ist in den 80er Jahren als Antonym zur Frauenbewegung entstanden. Die zugrunde liegende These geht also in erster Linie dahin, dass Männer von Frauen unterdrückt werden. Was nach verkehrter Welt aussieht, meinen die Protagonisten bitterernst. Dabei treten sie vorzugsweise unter dem Deckmantel der digitalen Anonymität in Internetforen auf, in denen sie sich in ihrer Wut auf starke Frauen gegenseitig bestätigen. Wahlweise kommentieren sie auf feministischen Blogs, deren Autorinnen sie – die Killerphrase - Frigidität unterstellen.

Wenn die Debatte nicht schon derart von Vorurteilen aufgeladen und von argumentativer Niveaulosigkeit geprägt wäre, würde man sie gern bei der Hand nehmen und ein paar Dinge klarstellen. Der Mangel an Verständnis der Situation, aus dem sich Maskulismus nährt, setzt dort ein, wo eine Frau mit rotem Kussmund und High Heels als Bedrohung empfunden wird. Sie ist, wie vieles andere, eine mediale Inszenierung, die von Werbeagenturen ins Leben gerufen wurde, um Produkte abzusetzen. Und dies nicht etwa mithilfe eines qualifizierten Statements zu Rollenbildern, sondern durch die Darstellung einer Frau als Objekt. Und der Mangel an Verständnis gipfelt in einer Auffassung von Feminismus, nach der das kaltherzige Weib nichts anderes im Sinn hat, als grausam die Herrschaft über das männliche Geschlecht an sich zu reißen. Klingt nach neunzehntem Jahrhundert.

Liebe Maskulisten, würde man gerne sagen, habt keine Angst! - Wenn man als Frau nicht selbst in einer Position stecken würde, die keine generösen Gesten erlaubt. Während konservative Medien den Strom von Meldungen nicht abreißen lassen, in denen von benachteiligten Schuljungen und Abiturientinnenquoten die Rede ist, treten die tatsächlichen Aufstiegshindernisse von Frauen in den Hintergrund. Untermalt wird die Geschichte von den benachteiligten Jungs durch das spezifische Förderungsprogramm von Schwarz-Gelb unter Federführung von Kristina Schröder. Dabei ist es noch nicht an der Zeit, dass Frauenförderung von Männerförderung abgelöst werden könnte. Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht, wenn ein paar Prozent mehr Mädchen für hochschulreif befunden werden und später diejenigen bleiben, die maßgeblich Verantwortung für Küche und Kinder tragen. Und es geht genau darum: um Gleichberechtigung. Denn welche intelligente Frau träumt allen Ernstes davon, einen Mann vor sich im Staub liegen zu sehen? Wahre Größe von Männern wird auch aus weiblicher Sicht eher dort zu verorten sein, wo Frauen als stark, aber nicht als stärker oder schwächer wahrgenommen und akzeptiert werden. Augenhöhe eben – nicht mehr, aber auch kein Finger breit weniger.

Zuerst erschienen in der Freitag 51-52/10: Die Weihnachtsnummer.

[Bild: Mariah Jelena via photodonuts.com]

Dienstag, 2. November 2010

Was wollen wir eigentlich?

Beim Barcamp Frauen in der Berliner Kalkscheune wurde zwischen Pornografie und Familienplanung ein breites frauenpolitisches Spektrum diskutiert. Zurück bleiben mehr Fragen als Antworten.

Je breiter die Themen, desto größer die Gefahr, sich in Diskussionsfetzen zu verlieren. Und so ließ die offene Gestaltung des Barcamp Frauen, veranstaltet von der SPD und unterstützt von der Mädchenmannschaft, Vorwärts und dem Freitag, im Voraus zwei Schlüsse zu: Planlosigkeit oder Kalkül.

Die Veranstaltung ist kostenlos, eingeladen sind alle, die Interesse an Geschlechterfragen haben. Doch das Format Barcamp, welches als Nebenprodukt des Web 2.0 entstanden ist, trägt seinen Teil zum tatsächlichen Publikum bei: zwischen ein paar vereinzelten Männern sind hauptsächlich Frauen zwischen 20 und 30 gekommen. Und wie sich später herausstellt zum Glück auch eine Handvoll Frauen aus deren Elterngeneration. Das gemeinsam erstellte Programm beginnt mit Porno, wird unterbrochen von halbseidenen Statements zum heutigen Stand der Frauenbewegung, nach der Mittagspause fortgesetzt mit einer Debatte über Intimchirurgie und einer Session zu herrschaftskritischen Räumen, abgeschlossen mit Widersprüchen und Chancen zwischen Mode und Feminismus. Womit das Angebot nur in Umrissen skizziert ist.


Die Ursachen für den verstockten Umgang der Gesellschaft mit weiblicher Sexualität etwa lassen sich kaum in 45 Minuten abhandeln. Doch hier realisiert sich vor allem der Nutzen des Veranstaltungsformats: Das große Interesse der BesucherInnen an Themen entlang der Intimsphäre geht über persönliche Voyeurismen hinaus – und ist Indiz für umfangreichen Gesprächsbedarf. Warum wachsen Mädchen mit der Vorstellung heran, Porno sei etwas für Jungs? „Der Busen gehört der ganzen Nation“, meint eine Teilnehmerin – während die Vulva tabu bleibt. Sichtbar wird sie höchstens auf Youporn, dafür in Nahaufnahme und wird damit Teil des zweifelhaften Trends, den eigenen Intimbereich kosmetischer Chirurgie zu unterziehen, um einer Norm zu entsprechen, die bereits in Biologiebüchern an heranwachsende Augen gelangt.

Weniger greifbar bleiben die Ergebnisse der Session zur Lage des Feminismus. Es scheint sich dazu ein Konglomerat von Müttern eingefunden zu haben, die über Anstrengungen zwischen Kindern und Karriere berichten. Ein Dauerbrenner, nicht zuletzt aufgrund der existentiellen Erfahrungen, die das Ideal eines gleichberechtigten Zusammenlebens auf seine härteste Probe stellen. Jedoch fehlt es der Debatte, in der der Satz „habt ihr das auch in der Nido gelesen...“ zum Einstieg gereicht, bereits im Ansatz an kritischer Bissigkeit und der ernsthaften Suche nach Lösungen. Das Stern-Magazin für die neue Generation hipper Bio-Eltern suggeriert Fortschrittlichkeit in Pastelltönen - und das transportierte Rollenbild schließt höchstens Väter ein, die ihren Beitrag zur Gleichberechtigung darin sehen, Designkinderwägen über den Prenzlauer Berg zu schieben. Auch unser Gespräch versickert ähnlich zwischen Klagen über schräge Blicke am Arbeitsplatz, „sich zerreiben“ fällt oft.

Aber was wollen wir eigentlich? Die Gründe dafür, dass Feminismus viel mehr als nur historische Relevanz besitzt, liegen viel tiefer unter der Oberfläche, als dass man sie ohne zu zögern lokalisieren und beheben könnte. Auch die Verhaltensweisen, welche Frauen einschränken, ihnen Kompetenzen absprechen und sie zu Objekten stilisieren sind subtiler als noch vor zwanzig Jahren. Kein Personalchef würde sich offensiv aufgrund ihres Geschlechts gegen eine Bewerberin entscheiden und wenige Partner wagen noch zu behaupten, sie würden Küche und Kinder ihrer Freundin überlassen. „Früher fand unter Frauen noch ein viel regerer Austausch statt – davon ist heute viel verloren gegangen“, erzählt eine Teilnehmerin mittleren Alters, „sowohl über soziale Umgangsformen als auch über sexuelle Beziehungen. Gemeinsam waren wir wacher und auch mutiger, mit unseren Bedürfnissen offen umzugehen.“ Dass es heute an weiblicher Bereitschaft fehlt, sich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen, ist überall spürbar. Die These, nach der sich die Frauenbewegung durch ihre Erfolge bereits abgeschafft hätte bietet dabei eine opportune Fluchtperspektive vor einem Thema mit angestaubtem Charme und mangelndem Sexappeal. So fällt vielen Frauen der maskuline Umgangston im Büro zunächst nicht auf. Frustration stellt sich erst ein, wenn man über Jahre hinweg an keine neuen beruflichen Perspektiven gelangt und feststellt, dass man zu dem Teil der Beziehung geworden ist, der die Wäsche aufhängt und über den Inhalt des Kühlschranks informiert ist, um auf dem Weg nach Hause kurz noch ein paar Lebensmittel einzukaufen.

Jede Einzelne von uns will irgendetwas, verfolgt individuelle Ziele und tritt dabei meist als Einzelkämpferin auf. Doch in erster Linie brauchen wir das Verbindende zurück. Denn wer würde heute noch Simone de Beauvoir lesen, solange die GesprächsparterInnen fehlen?

Ebenso sind neue Impulse notwendig, um den Feminismus an unsere Zeit anzupassen, ihn loszulösen von seinem überkommenen Latzhosen-Image. Und notwendig ist nicht nur der Mut von Frauen, sich aktiv mit Feminismus zu befassen, sondern auch eine reflektierte männliche Sicht auf ein politisches und zwischenmenschliches Ungleichgewicht, das als solches erkannt werden muss. Das Barcamp Frauen hat in jedem Fall dazu beigetragen, eine intellektuelle Basis zu schaffen, von der aus weitergedacht und gehandelt werden kann. Und daran, dass sich Männer ebenfalls angesprochen fühlen, kann man im Titel noch feilen.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Die kalte Hand der Technokratie


"WER WIND SÄT // WIRD STURM // ERNTEN"

Wem die Liebe fehlt in multimedialen Podiumsdiskussionen, Panels und halbherzigen Politiken, der begebe sich heute ab 17:00 in Sachen Stuttgart21 an den Potsdamer Platz. Der Theaterregisseur Volker Lösch, der momentan für die Produktion von Lulu - Die Nuttenrepublik an der Berliner Schaubühne gastiert, hat ein feines Detail zu der Demonstration gegen das Großprojekt beigetragen: einen Bürgerchor aus Stuttgarter Projektgegnern, welche größtenteils heute morgen mit dem Protestzug aus dem Süden die Hauptstadt erreicht haben und politikerverdrossenen Berlinern. Lösch, der chorische Sprechformen und ein Gemisch aus Laiendarstellern aus sämtlichen Schichten der Gesellschaft und professionellen Schauspielern zum Charakteristikum seiner Inszenierungen gemacht hat, setzt auch mit diesem neuen Beitrag zu den Protesten in Stuttgart konsequent sein Kunstverständnis um:

Kunst ohne Anbindung an das Draußen, an die Zeit, in der ich lebe, finde ich sinnlos.

Für die gute Sache habe ich mich heute morgen ins tiefste Reinickendorf begeben, um an den Proben teilzunehmen. In wenigen Stunden ist dort bereits ein kleines Werk des Widerstands entstanden, dass das Herzblut der Beteiligten in sich trägt.

+ background: Etabliert, doch renitent: Vier Geschichten zu S21 in der taz // parkschuetzer.de // schwabenstreichberlin.wordpress.com

Dienstag, 28. September 2010

Lady, Hand aufs Herz

Vor kurzem schrieb ich über Alice Schwarzer, über ihre neueste Bild-Kampagne und über ihre mediale Krönung zur Chef-Feministin. Über eine Frau, die viel erreicht und nicht mehr viel zu sagen hat. Dennoch gilt sie immernoch vielen als feministische Galionsfigur. So lange sie, wenn auch nur scheinbar und für die Öffentlichkeit, die Zügel in der Hand hält, ist die Diskussion um die heutige Identität des Feminismus noch lange nicht am Ende.

Es mag einst notwendig gewesen sein, sich von Weiblichem abzugrenzen, Ellenbogen auszufahren und kratzbürstig zu sein um die einseitige Behaglichkeit patriarchalischer Verhältnisse aufzubrechen. Wie uns Frau Merkel täglich vor Augen führt zum Teil auch heute noch ein Erfolgsmodell - dabei besteht die Schnittmenge zwischen ihr und mir einzig im Geschlecht. Die Problematik liegt darin, dass auf zu vielfältigen Kanälen kommuniziert wird es gäbe nichts zwischen Angela und dem überschminkten Kätzchenklischee. Mit freundlicher Unterstützung von aliceschwarzer.de.

Der scheinbare Mangel an Alternativen schafft die Distanz zum Begriff "Feminismus" - und post-gender ist so viel einfacher. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ließ es sich Mitte diesen Monats nicht nehmen, vor Augen zu führen, wie weit wir dennoch davon entfernt sind. "Zapateros Püppchen" ist eine Aneinanderreihung von Streetstyle-Fotos in durchschnittlicher Dilettanz - im Fokus die Ministerinnen der Zapatero-Regierung. Anstelle von politischer Kompetenz werden ihre Ausschnitte hervorgehoben. Hatte die FAS noch eine Woche zuvor einen Text über weibliche Karrierechancen und Aufstiegshemmnisse veröffentlicht, druckt sie wenig später einen Journalisten, dessen Vorstellung von Brüsten vielleicht das einzig Mehrdimensionale ist, was ihn zu den Zeilen bewegte.

Während besagter Journalist, Leo Wieland, nonchalant einen scheinbar politischen Text auf die Objektsqualität der Protagonistinnen beschränkt, von der Leyen als Mutteridol zwischen Rednerpulten flaniert und Herdprämien wieder an Konjunktur gewinnen brauchen wir Feminismus, schon allein fürs Herz. Es gibt ihn, diesen neuen Feminismus, der sowohl der Verbitterung einer Emma-Redakteurin als auch der Banalität mancher Post-Gender-Thesen etwas entgegenzusetzen hat. Der eine neue Weiblichkeit prägen könnte, die stellenweise bereits gelebt aber noch zu selten mit den Anliegen der Gleichberechtigung verknüpft wird. Die Vorstellung, dass Frauen sich in Kleider zwängten und Lippenstift auflegten, um mit signalfarben untermaltem Augenaufschlag Ziele anzuvisieren, ist längst überkommen. Ebenso ihre Alternative größtmöglicher Unweiblichkeit. Es gibt tausend Wege, sich als Frau mit Mode zu beschäftigen, ohne sich dabei in die Untiefen des Instyle-Niveaus zu begeben. Oder Lippenstift zu tragen. Es fehlt nicht an grauen Grabenkämpfen, sondern an Respekt vor der Subjektivität. Und an Mut zu kommunizieren, dass noch nicht alles gut ist.

Für neue Einflüsse, Ideen und Hintergründe hierzu will ich (nochmals) eine Veranstaltung ans Herz legen:

Am 30. Oktober findet in der Berliner Kalkscheune das Barcamp Frauen statt. Der Eintritt ist frei, Vorschläge zu Workshops und Diskussionen sowie Themenwünsche können ab sofort auf der offiziellen Seite zum Barcamp eingebracht werden. Ganz im Sinne des zeitgemäßen Diskurses ist auch männliche Präsenz herzlichst erwünscht.

[Bild: Justin Waldron via itsnicethat.com]

Donnerstag, 23. September 2010

In a Manner of Speaking

In a manner of speaking
I just want to say
that I could never forget the way
you told me everything
by saying nothing
Nouvelle Vague // In a Manner of Speaking

Bei Verlassen des Saals steigt einem der Geruch von Restmüll in die Nase, dreckig und verwaist bleibt die Bühne zurück. Ivo van Hove gibt mit seiner Inszenierung von Molières Der Menschenfeind an der Berliner Schaubühne Gefühl und Gesellschaft neue Formen.

Aufrichtigkeit und Schmerz. Das Stück beschreibt den adeligen Menschenfeind Alceste, gespielt von Lars Eidinger, der die Gesellschaft für ihre Lüge und Heuchelei verabscheut. Sich selbst hat er zum Ziel gesetzt, über die Grenzen aller Umgangsformen hinaus ehrlich zu leben. So lässt er den Höfling Oronte (David Ruland), der ihn nach seiner Meinung fragt, schonungslos wissen, was von dessen stümperhaftem Sonett zu halten sei. Als dieser verärgert vor Gericht ziehen will sieht sich Alceste in dem Bild seiner Mitmenschen bestätigt und plant genussvoll, den Prozess zu verlieren. Dabei ist er einer der hasst und ebenso kompromisslos liebt. Er entflammt für die schöne Witwe Célimène (Judith Rosmair), die im Gegensatz zu ihm mit der Gesellschaft, mit den Männern kokettiert, nicht allein sein kann und ihn doch, vielleicht, ein bisschen gegenliebt.

Van Hove inszeniert einen beeindruckend körperlichen Lars Eidinger, der sich selbst gegen die Lüge vollständig dekonstruiert, sich bis ins Rektum mit Lebensmitteln beschmiert und in mitreißender Rage ein Bühnenbild aus dem Inhalt von Müllsäcken erschafft. Bestechende Tiefenschärfe im sozialen Morast. Das zunächst als Schwäche der Regie diagnostizierte Gefuchtel mit Apple-Produkten erhält im Kontrast des Gestanks seine Daseinsberechtigung, wird zum gewollten und gekonnten Sinnbild im Jetzt. Die Erschütterung wird fühlbar wenn er schreit hier hast du mein Herz, einer, der fällt nachdem ihm das einzig Geliebte genommen scheint.

Die Vorlage Molières aus dem 17. Jahrhundert lässt perpetuierte Rollenklischees, die schöne Unstete und der aufrecht Liebende, vermuten. Dennoch gelingt es der Inszenierung, auch von Célimène ein tiefgründiges Bild zu zeichnen, dass letzten Endes ihre klatschhafte Koketterie als Angst vor Einsamkeit enttarnt. Und das macht sie nicht zur Frau sondern zum Menschen, gleich den Männern, die Alceste umgeben.

Das Ende: ein verzweifelter Kuss. Ihr fehlt der Mut um durchzubrennen, ihm fehlt die Kraft zu bleiben. Ob er allein geht bleibt offen.

Vor drei Jahren hat van Hove den Menschenfeind bereits in New York inszeniert. Es scheint ihn eine besondere Faszination zu treiben, es wieder und diesmal in Berlin zu tun („ein heiliger Ort für Theater“, wie er findet). Im Interview mit der zitty gibt er folgende Erklärung: „Molières Dramen sind Sozialdramen, sie handeln von seiner Gesellschaft und gleichzeitig von der unseren. Seine Typen sind Metaphern, Figuren, die uns über das Heute nachdenken lassen.“ Dafür und für die Liebe darin beste 120 Minuten.

[Bild: Schaubühne]

Dienstag, 3. August 2010

Raindrops and White Dresses

The space between what's wrong and right, zwei Finger breit und in Spielfilmlänge, keine Fragen mehr, nur Antworten, die ihre Gültigkeit im Vorbeiziehen verlieren.

Ich bin einstweilen vor Ort, um das Bild einer deutschen Frau aus den Angeln zu heben - und bleibe als solche zurück, in reverse, nasse Haarsträhnen kleben an meinem inneren Auge - it always happens to us. Während Pläne über mehrstöckige Hochzeitstorten und Immobilienkäufe meiner Generation präsenter zu sein scheinen als erwartet, behalte ich Stunden für mich, die jedes weiße Kleid ersetzen. Wieder Regen über der Stadt, fliehende Familien mit Einweggrills und Kinderwägen, über die sich die Atmosphäre der Nacht legt. Neue kühle und klare Luft auf einem Bahnsteig, der Definitionen des Moments in Telekommunikation verwässert.

Das Reale, Greifbare findet seinen Platz jenseits der halsbrecherischen Versuche, Gefühl zu kategorisieren, Immobilien und Hausfrauenträume als Streben nach der leeren Versprechung von zertifizierter Gewissheit - es scheint, als gewänne die Vernunftehe wieder an Salonfähigkeit.

Aus Vernunft werden Universitäten mit Exzellenzprädikat besucht, emotionslose Wertgegenstände angehäuft und in Schatzkisten auf dem dritten Brett einer Biedermeier-Schrankwand verstaut, versteckt vor der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, sich die Unaufgeregtheit schönzukaufen. Die Risiken und Nebenwirkungen verbieten Liebeshochzeiten.

Ich ziehe es vor, mich mit der Hauptstadt zu verheiraten und mit der Erinnerung an das Fingerspitzengefühl eines Moments, der sich Kategorien verweigert. Polygamie mit Unileben, Buchstaben auf Bildschirmen, Liedtexten, Cappuccinos und mir, nur wenige unmögliche Verbindungen. The answers aren't so easy to find, the questions will have to do. So lange keine Antworten, die Denkprozesse abstumpfen aus Apathie. Wenn die Zahl der Antworten die der Fragen überwöge würde ich nicht mit einem Glas Weißwein neben der Tastatur auf die Dächer Berlins blicken und schreiben, aus Mangel an Stoff, der ein Kleid aus Worten verdiente.

+ Soundtrack: Lindsay Harper // All Over Me

Sonntag, 9. Mai 2010

Prachtburschen

Zur Zeit lebe ich an einem Schreibtisch übersäht mit Teebeuteln, Aschenbechern und vereinzelten kussroten Stielen von Cocktailkirschen zwischen dem Papier. Mich erreichen höchstens Fetzen von schwarzgelben Toden in NRW und ein Stück Polizeiruf für einen Rest Sonntagsgefühl, das Wochenende weitestgehend bedeckt, grau meliert. Gezwungen, meinem Studentinnendasein mit Bibliotheks- und Schreibtischaufenthalten Rechnung zu tragen bekomme ich bei einem Abendessen erklärt "you can work hard when you're young and play hard when you're old // or you play hard when you're young and for the rest of your life try to achieve what you could have while you where young." Eine der wenigen Lektionen eines Amerikaners in the army über die Träume der Gründerzeit, die neben dem Schwur auf die Flagge als Teil eines anerzogenen Nationalismus noch immer auf Lehrpläne gelangen.

Nach einem Tag in der Bibliothek arbeite ich, spiele ich gleichzeitig mit meinem virtuellen Kind, Amerika ohne Cocktailkirschen für Sonntagnacht.

+ to read: Fear Itself // die NY Times zu Folgen und Utopien der Beinahe-Bombe am Times Square - "...this incident as yet another excuse to weaken the rule of law and this country’s barely recovering reputation"

+ soundtrack:
Simone White // Great Imperialist State

Montag, 19. April 2010

Zensursula won't do

also muss der Mann ins Netz, beziehungsweise die Frau. Derjenige welche oder ein momentan bester, eine Schöne, die Freundin oder Herr Wunderbar. Keine vierundzwanzig Stunden zurück im Süden lasse ich das blutsaugende Internet Statusupdates diesen Kontexts vorübergehend vermissen während die Thematik in ihren Facetten, aufgegriffen von Teresa Bücker (flannel apparel) bei der re:publica erst tropfenweise in meine Fingerspitzen sickert, dezent weißweingefärbt.

Wir konstatieren, dass Zensursula, und alle so yeeaahh und vergleichbare Twittertrends gedankliche Regungen von wenigen Sekunden erzeugen und in der Weite des Netzes nach dem ersten Hype klanglos verhallen. Was wir auch respektive noch mehr lesen wollen sind kleine Geschichten über alltägliche und große Gefühle, Herzinput neben dem overflow an hartem Fakten - und ich spreche nicht von Detailberichten aus Schlaf- und Wohnzimmern, von Bartresen oder dem letzten Streit bei Ikea. All das lässt uns mehr peinlich als berührt vor Bildschirmen verharren, wie Teresa Bücker anmerkte, in 140 Zeichen dem Urbild enthoben lesen wir hingegen geschriebene Kunst, die das Leben so, nur in eben diesem Urbild zeichnet.

What is privat, what should be public? Weiter gefasst hat der Journalist, Autor und Blogger Jeff Jarvis in einem nach US-amerikanischer Manier rhetorisch brillanten Vortrag seine Thesen zu privacy, publicness and penises dargelegt, die ich im Angesicht der epischen Breite ihrer Folgen in aufgeworfenen Fragen skizziere.

+ why is the privat privat? what should be public?
+ if privacy isn't the issue, is it control?
+ anonymity = anarchy ? // identity = shame?


Wenn ich nach vorgeschalteten Überlegungen oder begründeten Überzeugungen auf einer zeichenhaft der Realität enthobenen Erzählebene mit meinem Erleben einer sexuellen Beziehung das Netz und meine Identität darin anreichere, kann das aus literarischen sowie Gründen der Selbstbestimmtheit über die von mir preisgegebene Information für mich als in diesem Sinne Handelnde nur Gegenstand einer Diskussion sein, deren Ausgang in eigener Vergangenheit bereits ausgefochten ist. Für den Betreffenden fängt diese möglicherweise erst an. Aus den verschiedenen Varianten Partner im selben sozialen Netzwerk // in einem anderen Netzwerk // offline und dessen eigenem Umgang mit Beziehungen im web ergeben sich spezifische Formen der Konfrontation und des Missverständnisses.

Dennoch. Wir brauchen Gefühl im Netz für dessen kreative Kontinuität, die den oder die Betreffende_n durch literarische Anonymisierung Persönlichkeitsrechte erhalten lassen. Liebe und Enttäuschung, zwischenmenschliche Begeisterung, Verwunderung, Abneigung - ein einzelner Moment in seiner Konsistenz gewinnt gegenüber der Flüchtigkeit politischer und gesellschaftlicher Tagesaktualität. Wir sollten und werden eine jeweils eigene Definition unseres Kerns besitzen, dessen Inhalt die Schaufenster von Twitter und Facebook nicht erblicken wird. Und sollte diese Definition dem zukunftsperspektivischen Wandel unterliegen, stelle ich gern Jeff Jarvis' Gegenfrage.

+ everyone has his or her own embarrassing stuff on the internet - so why is it embarrassing?

Mittwoch, 3. Februar 2010

You wish, bitch.

Über "serielle Monogamie" und deren Folgen für "Koitus-Frequenzen" erzählt ein Artikel der Süddeutschen, der die Existenzängste des Beate-Uhse-Konzerns mit Bildern von Sexshops der Zukunft verknüpft. Neben Designern, die beschäftigt werden, um Sexspielzeug für Wohnzimmerregale zu gestalten verbreitet das Fazit Untergangsstimmung für die gesamte Branche: die Gesellschaft entziehe durch den wachsenden Trend zu sicheren, andauernden und gemessen an ihrer Zeitspanne enthaltsameren Beziehungen der Sexindustrie ihre Grundlage.

Vage Vermutungen, inwiefern die schwarzgezeichnete sexuelle Aktivität in abgesicherten Partnerschaftsmodellen von dem Mystizismus über Frauen, die zu Akten der Begierde gebeten werden müssen, eine einschlägige Prägung erhielt. Dass der Umgang mit weiblicher Sexualität jedoch nach wie vor in den Kinderschuhen alter Konventionen steckt, war vergangene Woche bei der Mädchenmannschaft zu lesen - wohlmeinende Ratschläge, die Mädchen vor überhasteten Erfahrungen warnen während in den Ecken des Schulhofes heranwachsende Jungen Tittenhefte tauschen, stecken ein undurchsichtiges Territorium ab, in dem offene Worte unter Freundinnen über empfundene Lust in scheuer Ignoranz verhallen. Wenn die sechzehnjährige Patrizia in der FAZ über den Sex in ihrer Fernbeziehung Dinge sagt wie "jetzt in diesem Zeitraum müssten wir dann langsam mal", um Worte für den Druck zu finden, der auf ihr lastet, so ist dieses Empfinden angesichts der gesellschaftlich gestifteten Verwirrung seltsam verständlich.

"X - Porno für Frauen", ein Buch, welches weibliche Akzente im maskulin dominierten Porno setzen und alles gelten lassen will, was Sex ausmachen kann, könnte dazu gereichen, anerzogener Prüderie und weiblicher Objektivierung erste Risse zuzufügen. Es könnte eine Anleitung sein zu mehr Fantasie und ein Lexikon, um überkommene Verschwiegenheit in Worte zu fassen - Abenteuer fernab einer Jugend, in der Jungs die Größe ihrer Schwänze und die Anzahl der Pornoclips auf ihren Computern vergleichen während Mädchen von der Bravo lernen, dass es wehtut beim ersten Mal und wie weit der Weg ist zu einem Höhepunkt. Die übermächtige Kongruenz der Realität mit Erfahrungsberichten von Dr. Sommer suggeriert, dass das Lustempfinden eines Mädchens zunächst aus tiefem Schlaf geweckt werden müsse, Schneewittchen on repeat während Malte Welding zu lebensnahen Erklärungen ansetzt:

"Jugendliche onanieren seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wie die Wahnsinnigen. Mädchen treten in den Club der großen Wixer erst ein paar Jahre später ein (übrigens ein Grund dafür, dass das erste Mal oft für beide so unersprießlich ist – der Junge ist gewöhnt daran, so schnell wie möglich abzuspritzen, damit niemand etwas mitbekommt, das Mädchen hat noch gar keine Ahnung, wie es zum Orgasmus kommt) und haben aus verschiedenen Gründen ein eher laues Interesse an Pornographie."

Das laue Interesse wird mit vorherrschenden Bildern von Frauen, die möglichst viele Schwänze in sämtlichen Körperöffnungen auf die Leinwand und die eigenen Wünsche im Hinterkopf tragen, für manchen einfacher zu verstehen. Diese Wünsche kennenzulernen liegt in den Händen der Einzelnen - ebenso die Hoffnungsschimmer auf einen ungezwungenen gesellschaftlichen Umgang mit der Thematik. Oversexed von intermedialer Fleischbeschau weicht oberflächliche Abgeklärtheit in den Tiefen eigener Empfindungen einer Sicherheit des Schweigens. Mädchen haben Liebe zu wollen und Männer Sex, dabei wollen alle alles. Und womöglich auch noch gleichzeitig.

read more: +++ Lust für Frauen // Buchbesprechung von "X - Porno für Frauen" bei der Mädchenmannschaft +++ Autorin Erika Lust im Interview bei Blank +++ "Den Frauen Vokabeln für Sex geben" // Interview der Frankfurter Rundschau mit Benoite Groult +++

[Bild: ibaiacevedo.com]

Dienstag, 5. Januar 2010

forget about the good old days

Während der Mann in der Küche steht und das Essen auf dem Herd mit kontrollierenden Blicken zum Garen bringt sitze ich am Laptop und blättere mich durch Twitter, Facebook, verlinkte Artikel und das Fernsehprogramm des Abends. Der Vorgang verdiente keine aus der Reihe tanzenden Aufmerksamkeitsklicks, ginge es nicht ein kleines bisschen um Gleichberechtigung im everyday life, im täglichen Essen, Schlafen, Arbeiten, Konsumieren, Nichtstun. Was ich an meiner Situation bei genauerer Betrachtung so sehr liebe ist die Fähigkeit aller Anwesenden, das Bier für einen Abend vor der Glotze eigenhändig aus dem Kühlschrank zu ziehen, sich gegenseitig zu bekochen - wer die geringste Lust dazu hat, weitere Abfallprodukte in überfüllte Tüten zu stopfen, trägt sie zur Tonne.

In Nahaufnahme geht es um eine Auffassung des Feminismus als Forderung über die Gleichberechtigung der Geschlechter, wie ihn auch die Encyclopedia Brittanica definiert(<-Mädchenmannschaft, Das Feministische Lexikon): Feminismus steht hier für

"the belief in the social, economic, and political equality of the sexes
."

Eine klare Aussage über das, was die Philosophie sein und was sie anstreben sollte, kein Blatt Papier für Vorurteile über männerhassende Monster. Es bleibt trotz dessen ein harter Job, gegen den Subtext anzukämpfen, der in stammtischartig anmutenden Diskussionsrunden diesen wichtigen Gedanken degradiert, der auch dann nicht dahinschwindet, nachdem eine Studie beweisen musste, was vielen bereits bekannt war: Dass feministisch eingestellte Frauen dem anderen Geschlecht die gebotene Offenheit und Toleranz entgegenbringen, mehr noch, dass sie den Anhängerinnen tradierter Rollenbilder in der Unverkrampftheit des Umgangs mit männlichen Subjekten in der Regel überlegen sind.

Ich lese deshalb einen Artikel der Feministin Julie Bindel beim Guardian - am vergangenen Selbermachsonntag bei der Mädchenmannschaft entdeckt - missmutig, trotzig, mit einem wütenden Funkeln. Kein aufgeklärtes Mädchen will mehr von einer Frau lesen, die sich eines gewissen Alltagssexismus nicht zu entledigen in der Lage ist, die glaubt, der Welt erklären zu müssen, dass die meisten Männer zwar womöglich triebgesteuerte Verbrecher sind, sie aber trotzdem mit ein paar für sie annehmbaren Exemplaren etwas Ähnliches wie befreundet ist. Julie Bindel hat als feministische Homosexuelle eine einseitig angreifbare Biografie, und nicht wenige konservative Männer mögen ihr erdenklich gute Gründe geliefert haben, sie zu hassen; erschwerend kommt hinzu, dass sie sich als Journalistin vornehmlich mit sexuellen Gewaltdelikten beschäftigt. Die Bitterkeit der Erlebnisse möchte ihr das aufgeklärte Mädchen nicht absprechen, ebensowenig manche überreizte Reaktion. Und trotzdem macht mich der fehlende Weitblick trotzig wie die verstohlen glitzernde Träne, die sie an ihre vergangenen, radikaleren Tage vergießt.

Ungläubigkeit angesichts in der Zwischenzeit gelöschter Kommentare an meine Schreibe, ein undurchdachter Mangel an Verständnis für die Formen eines "zu laschen Feminismus" der die "Minderwertigkeit" des männlichen Geschlechts nicht akzeptiere, Tiraden für das Matriarchat, Scheuklappen. Dahinter Frauen, die nicht zu bemerken scheinen, wie sie im Vorbeigehen angestaubtes Inventar in Eiche Rustikal aufwirbeln, die Stammtischgeschwister zu neuen Trögen lotsen. Die die Notwendigkeit kluger, weiterdenkender Männer für den Feminismus nicht begriffen oder die entspannte Leichtigkeit des Zusammenlebens mit ihnen nicht gekostet haben.

Um der Freiheit eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses gerecht zu werden, lasse ich hinterher dreckige Teller gespült im Küchenschrank verschwinden und nehme mir ein Bier mit auf die Couch. Vielleicht sollte ich Julie Bindel eine nette gemischte WG empfehlen.

[Bild]

Montag, 21. Dezember 2009

Auf Pause drücken

Anti-Wirklichkeit, eine Seifenblase aus Puderzucker, Plätzchen und Tee, das dezente Rauschen im Hintergrund bestreitet die wunderbare Simone White. Die Kälte jenseits der Haustüre bewegt mich zu arktischen Vergleichen, Pflicht und Sollen werden gegen Ende des Jahres verschwindend gering, gipfelt in der Nichtkonfrontation mit einem sonntäglich anmutenden Montagvormittag mit dem Unterschied, dass ein offener Supermarkt nebenan für unerfüllte Frühstückswünsche zur Verfügung steht. Universitäres Lernpensum wird für ein paar geisterhafte Tage durch Schöngeistigkeit ersetzt.

Inmitten literarischer Avancen junger SchriftstellerInnen, benutzter Weingläser und Teetassen ein Film über junge deutsche Geschichte, Studentenproteste, Rote Armee Fraktion und drei herausragende Biografien, die unterschiedlicher, teils schockierender nicht sein könnten: Die Anwälte.



Eine rückwirkende Ehrung verblassender Autoritäten meiner Schulzeit, die damals mein Verlangen nach Grundlagen erkannten, dieselben, die heute zu verstehen scheinen, dass ein Jurastudium, "die Juristerei das Beste ist, was sie hätten machen können". Die grundlegenden Bestimmungen einer Gesellschaft erkennen zu wollen, sich einer Wissenschaft anzunähern, deren Ambivalenz in den Schicksalen der drei RAF-Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler fast greifbar wird. Einst verbunden durch die Auflehnung gegen die Strukturen einer naziverkrusteten Bundesrepublik und den Protest für ein Mehr an Freiheit zeigt der Film durch alte Aufnahmen und Jetzt-Interviews die grundverschiedene Entwicklung beeindruckender Persönlichkeiten.

Ich erinnere mich an einen grünen Teddybären mit roter Hose, den man lange bevor ich zu politischem Verständnis in der Lage war Otto Schily taufte - nach dem grünen Realpolitiker, der sich eines Tages rote Hosen überstreifte und als Innenminister der rot-grünen Regierungskoalition von einem Grundrecht auf Sicherheit fantasierte, den Weg ebnete für Vorratsdatenspeicherung und den Ausbau von Kompetenzen des BKA, die Entwicklung eines Polizeistaates, den er selbst in den siebziger Jahren kritisch beäugte. Seine Geschichte handelt davon, wie wandelbar das Verständnis eines Rechtsstaats sein kann. Für die außerparlamentarische Opposition der 68er-Bewegung war Schily als Teil der damaligen Anwalts-Elite, der sein Talent den Demonstranten zur Verfügung stellte, eine intellektuelle Instanz, gleichzeitig einer, der nie von Systemumstürzen träumte. Heute sagt er über persönliche Wandlungen, es sei idiotisch, sich nicht weiterzuentwickeln.

Ströbele hingegen entbehrt zu jedem Zeitpunkt einer Vorreiterrolle - eine Tatsache, die sich nur im ersten Moment defizitär gibt. Er war derjenige, der nicht zur Schah-Demo erschien, der vom Schicksal Benno Ohnesorgs durch häppchenweise Gerüchte erfuhr. Der nicht wie Schily 1983, sondern erst '85 für die Grünen in den Bundestag einzog. Über sich selbst erzählt er von seinem bereits als Kind besonders ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. Seine Entwicklung wirkt bedächtig, zurückhaltend und überlegt. Er bleibt der Einzige der Drei, der seine Vorstellungen über Freiheit, Gerechtigkeit und Pazifismus noch heute verfolgt.

Horst Mahler durchquert das politische Spektrum, beschreibt selbst eine biografische Wanderung vom linken zum rechten Rand. Er saß für die RAF, heute sitzt er für die Leugnung des Holocaust. Während seines ersten Aufenthalts hinter Gittern brachte ihm Otto Schily Hegels gesammelte Werke. Dessen Philosophie über eine Wahrheit, die im Widerspruch liegt, habe ihn zum Nationalisten gemacht, konstatiert der heutige Mahler. Die schillerndste Persönlichkeit der drei RAF-Anwälte markiert die schandhafteste Entwicklung vom Freiheitskämpfer zum Menschenverächter, der wegen seines Intellekts im Laufe eines halben Lebens zu einer der größten Gefahrenquellen aus der rechten Szene avancierte. Dieser Intellekt ist es, der seine Kehrtwende so schwer begreifbar macht. Zurück bleibt allein die Vorahnung einer Unbekannten, dem unnahbaren Mehr als bloßem Verlangen nach einer Rolle als Staatsfeind.

Rückschritte. Aus der Perspektive des ihnen gemeinen Jurastudiums sehe ich als heutige Betrachterin drei Sichtweisen auf den Rechtsstaat in frappierender Differenz, einen unglaublichen Film über die Ambivalenz sowohl des Rechts als auch des Menschen. Ein Film, der Diskussionen nach sich zieht über polizeistaatliche Handlungsmethoden, persönliche Schicksale und NPD-Verbot in einer gezuckerten Stadt, überfüllt mit Shoppingtouristen.

Die Bevölkerung einer süddeutschen Stadt tauscht sich aus, jeden Tag folgen mehr Studierende einer bestimmten Bratenduftfahne nach Hause, gestresste Eltern aus den umliegenden Käffern stürmen die Fußgängerzone. Unwirkliche Lossagung von einer Wahlheimat für einen begrenzten Zeitraum zwischen zwei Jahren, letzte gemeinsame Mittagessen, auch wenn die darum gruppierten Vorlesungen an verschwindenden Auditorien leiden. Wenige Tage bis zu meiner Heimreise, glasiert mit süßer Untätigkeit, Musik und noch mehr Büchern und Filmen.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

kränkelnd, Dezember

Heiße Zitrone gegen ausufernde Wintergrippen. Ich weigere mich, Schweine und andere Vierbeiner in die Definition meines kränkelnden Übergangszustands zu integrieren.

Stattdessen lese ich über kränkelnde Episoden der Strafjustiz im Rahmen einer neuen, angesichts meines Zustands durchaus nicht von Effektivität gekrönten Klausurvorbereitung. Schon letzten Monat hat mich die Thematik eines minder schweren Falls des Totschlags gemäß § 213 Strafgesetzbuch beschäftigt - ich drehe mich bisweilen im Kreis, mit Erfolg.

Laut der stetigen Rechtsprechung, die sich in diesem Punkt ausnahmsweise, zu Ungunsten eines modernen Ehebegriffs mit der Rechtslehre deckt, kommt ein Ehemann, der seine Gattin in flagranti beim Fremdgehen ertappt und daraufhin tötet, in der Regel in den Genuss einer Strafmilderung nach § 213. Dass dies für Ehefrauen umgekehrt noch lange nicht der Fall ist, wie ich vormals dargestellt habe, läuft einer geschlechtergerechten Justiz eklatant zuwider. Doch würde eine Gleichstellung von Männern und Frauen in diesem Themenkomplex weit reichen, geschweige denn zu einem zeitgemäßen Ergebnis kommen?

Vielmehr liegt dieser Auffassung ein tiefer liegendes Problem zu Grunde: ein traditionell patriarchales Verständnis der Institution Ehe, deren unangefochtene Moralkrone den vom Ehemann begangenen Totschlag in der Bruch-Situation als Ausdruck seines gerechten Zorns milde lächelnd beinahe rechtfertigt. Heute, in einer Zeit, in der Ehen geschlossen und Ehen geschieden werden, fast gleich an der Zahl, sollte von mündigen Ehepartnern beiderseits verlangt werden können, die Ehe nicht als lebenslange Bindung zu betrachten, die keinen Widerspruch duldet. Ehen zerbrechen, jeden Tag, nicht erstrebenswert, aber durchaus natürlich, wenn sich zwei Menschen in verschiedene Richtungen entwickeln, die nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Man sollte auch im Strafrecht verlangen können, dass zwei mündige Menschen nicht zur Waffe greifen, sobald der andere einem lauwarmen Ehebett entflieht.

Der Berg aus lauwarmen Teebeuteln auf der Küchenablage wächst, von Erweiterungen meines Wissensstands erwarte ich für heute ansonsten nicht mehr viel. Serienmittwoch und Sofa sind in diesem Zusammenhang ein unwiderstehliches Abendprogramm.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Popkulturelle Subjektivität

Vergangene Epochen der Frauenbewegung umschwebt ein Schleier der Unsexyness. Kapitale Vorurteile, die junge Frauen meiner Generation in der Regel davon abhalten, sich überhaupt mit der Thematik auseinanderzusetzen. Um sich als Frau eine moderne persönliche Klasse zuschreiben zu können, assoziiert man sich nicht gern mit Altlasten, seien die sozialen Verurteilungen auch noch so objektiv falsch.

Nicht zuletzt als Folge daraus wird heute auch von Feministinnen kommuniziert: Feminismus ist sexy, macht frei und selbstbewusst und ist allem voran ein großer Spaß. Man findet für jede Bewegung schnell neue Schubladen, die nächste lautet Popfeminismus und wird assoziiert mit sämtlichen erfolgreichen Frauen von Charlotte Roche bis Silvana Koch-Mehrin. Dieser sei zu unpolitisch, undurchdacht, unterstütze lediglich unser aktuelles Modell einer Konsumgesellschaft und deren oberflächliche Populär- / kurz Popkultur, biete keine wesentlichen Auswege aus den Strukturen des Patriarchats.


Feminismus ist sexy. Um nicht in Girlie-Kategorien abzurutschen muss jedoch weiter definiert werden. Das Statement meint keineswegs eine weibliche Anziehungskraft in Form der intermedialen Fleischbeschau, vielmehr geht es um Freiheit und Unabhängigkeit, um einen intelligenten Umgang mit sich selbst als Frau, um die Schönheit in der Überwindung unterdrückender Lebensformen. Sexy ist die Zufriedenheit der Selbstverwirklichung. Die Integration der Populärkultur in heutige Feminismen ist eine notwendige zeitgeschichtliche Weiterentwicklung, in der Frauen mit Erfolg für sich nutzen, um männlich dominierte Strukturen aufzubrechen, wie die riot-grrrl-Bewegung zeigt:

„Mädchen und junge Frauen, die sich der "riot grrrl"– Kultur zugehörig fühlen,
reorganisieren kulturelle Codierungen, um ihnen neue und oppositionelle
Bedeutungen zu geben. Innerhalb der männlich dominierten Subkulturen
wie der Punk- oder Hardcorebewegung gelingt ihnen durch Subversion,
Ironie, Überzeichnung und Spiegelung eine Politik, die durch Irritation das
patriarchal konstituierte Mädchen- und Frauenbild zerstört. So werden neue
Handlungs- und Darstellungsebenen für Mädchen und Frauen erkämpft.“
Sabisch, Katja: Im Zeichen des Postfeminismus - postfeministische Zeichen?

Der herandiskutierte Makel des Popfeminismus ist bei näherer Betrachtung kein wirklicher. Indem der Feminismus sich aus einer rein politischen Ebene der kulturellen öffnet, ergeben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten für Frauen, um in breiteren Gesellschaftsschichten als eigenständiges Subjekt wahrgenommen zu werden. Unsere Kultur bestimmt den Jetzt-Alltag durch Medien, Musik, Literatur oder bildende Kunst oftmals wesentlich direkter als die Politik. Es gilt auch hier, Klischees über starke und schwache Geschlechter auszuräumen, bröckelnden Putz zu beseitigen für freie Persönlichkeiten auf beiden Seiten. Beispielhaft ist die Diskussion über die männlich dominierte öffentliche Wahrnehmung von BloggerInnen - während einige Netzhengste die offline-Rezeption beherrschen, bleiben mindestens ebenso qualitativ hochrangige Blogs von Frauen in der Regel unerwähnt [mehr zum Thema in einem Artikel von Verena Reygers beim Freitag].

Popkultur ist ein fließender Begriff, omnipräsent und ungreifbar. Ebenso wie Kultur nicht greifbar sein kann, birgt eine vorrangig kulturaffine Form des Feminismus die Gefahr, in deren stetiger Veränderung unterworfenen Strukturen zu zerrinnen. Um der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Frauen ein dauerhaft gleichberechtigtes Gepräge zu geben ist es unumgänglich, sich der Politik und vor allem des Rechts zu bedienen.

Das Recht selbst als Mittel der Veränderung ist jedoch ein verfängliches Netz, sowohl als maskulinistisches Machtinstrument wie als System der Konservierung eines bestimmten Gesellschaftsmodells. Wir stehen als Einzelne vor dem Gesetz, verantworten uns für individuelles Handeln, besitzen Freiheiten und Pflichten, fordern und werden gefordert - von Seiten des Staates sowie im Privaten. Das Recht geht dabei von autonomen, unbelasteten Subjekten aus, worin manche einen vorrangig männlich geprägten Diskurs sehen, der lediglich die maskuline Fantasie eines unabhängigen, separierten Einzelnen transportiere (vlg. Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts). Dem werde ich aus heutiger Perspektive widersprechen. Das Ziel ist nicht, aus Rücksicht auf Mutterschaften Frauen eine grundsätzliche Autonomie abzusprechen. Der Versuch, kollektivistische Fiktionen auf eine vom Individualismus geprägte Gesellschaft zu projezieren, wird immer ein Versuch bleiben. Davon ausgehend muss die für Männer reale rechtliche und soziale Autonomie ebenso für Frauen gelten, von ihnen ebenso beansprucht werden, sodass zwei unabhängige Subjekte die Verantwortung für eventuellen Nachwuchs zu gleichen Teilen tragen.

Worin also liegt der Gewinn, diese undurchdringliche Materie männlicher, hoheitlicher Machtkonservierung als Terrain der Auseinandersetzung im Ganzen abzulehnen? Das Recht als politisches Fundament wird dadurch nicht fassbarer, nicht gerechter und wird weiter bestimmen, wie wir leben. Wenn wir emanzipatorische Projekte darin zu den Akten legen wird die Abtreibung weiter ein Tötungsdelikt sein, werden Ehegattensplitting und Herdprämie weiter die Wohnzimmer prägen. Solange das Recht tradierte Rollenbilder zementiert werden die daraus resultierenden steuerlichen oder anders gearteten "Vorteile" in Anspruch genommen, weil es bequemer ist, und billiger. Ebenso lange werden sich autonome Frauen für ihre Freiheit rechtfertigen müssen.

Radikale Subjektivität. Die Synthese von Feminismus und Pop allein wird das Heimchen nicht hinter dem Herd hervorlocken.

read more:
+ Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts
+ Melanie Trommer: Feminismus 2010 - von Politik zu Popkultur?

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