Sonntag, 9. Mai 2010

Prachtburschen

Zur Zeit lebe ich an einem Schreibtisch übersäht mit Teebeuteln, Aschenbechern und vereinzelten kussroten Stielen von Cocktailkirschen zwischen dem Papier. Mich erreichen höchstens Fetzen von schwarzgelben Toden in NRW und ein Stück Polizeiruf für einen Rest Sonntagsgefühl, das Wochenende weitestgehend bedeckt, grau meliert. Gezwungen, meinem Studentinnendasein mit Bibliotheks- und Schreibtischaufenthalten Rechnung zu tragen bekomme ich bei einem Abendessen erklärt "you can work hard when you're young and play hard when you're old // or you play hard when you're young and for the rest of your life try to achieve what you could have while you where young." Eine der wenigen Lektionen eines Amerikaners in the army über die Träume der Gründerzeit, die neben dem Schwur auf die Flagge als Teil eines anerzogenen Nationalismus noch immer auf Lehrpläne gelangen.

Nach einem Tag in der Bibliothek arbeite ich, spiele ich gleichzeitig mit meinem virtuellen Kind, Amerika ohne Cocktailkirschen für Sonntagnacht.

+ to read: Fear Itself // die NY Times zu Folgen und Utopien der Beinahe-Bombe am Times Square - "...this incident as yet another excuse to weaken the rule of law and this country’s barely recovering reputation"

+ soundtrack:
Simone White // Great Imperialist State

Freitag, 30. April 2010

about: showrooms.


"Und ich verlangte sehnlichst danach, nun endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten." Hermann Hesse // Demian

Zitate zum Abbruch alter Zelte zwischen Klausuren und Alltagswahnsinn. Kurze Lichtblicke eines ruhigen Moments aus Milchschaumkronen inmitten von Fallbüchern und Prüfungsschemata und zu wenig Zeit, um die Eindrücke der vergangenen Tage und Wochen in Worte zu gießen.

In der Kürze daher nur ein Hinweis auf das Café Endlager in Stuttgart, dessen Eröffnungsfeier am vergangenen Sonntag, in toxisch grünes Licht getaucht, zu wärmsten Weiterempfehlungen bewegt. Bis zum 9. Mai dauert die Ausstellung unter der Leitung von Ralf Schmerberg in der alten Teppichgalerie // Eberhardstr. 65. Meuterei im Atomkraftwerk, politische Kunst at its best, Anti-AKW-Bewegung, Tschernobyl-Opfer, gesellschaftliche Vergiftung in Fotografie, Malerei und Film - in meiner Erinnerung untermalt von Walter Mossmanns Lied vom Lebensvogel. Hingehen.

+ to watch: Beitrag zum Café Endlager im ZDF
+ soundtrack: Midlake // Children of the Grounds

Montag, 19. April 2010

Zensursula won't do

also muss der Mann ins Netz, beziehungsweise die Frau. Derjenige welche oder ein momentan bester, eine Schöne, die Freundin oder Herr Wunderbar. Keine vierundzwanzig Stunden zurück im Süden lasse ich das blutsaugende Internet Statusupdates diesen Kontexts vorübergehend vermissen während die Thematik in ihren Facetten, aufgegriffen von Teresa Bücker (flannel apparel) bei der re:publica erst tropfenweise in meine Fingerspitzen sickert, dezent weißweingefärbt.

Wir konstatieren, dass Zensursula, und alle so yeeaahh und vergleichbare Twittertrends gedankliche Regungen von wenigen Sekunden erzeugen und in der Weite des Netzes nach dem ersten Hype klanglos verhallen. Was wir auch respektive noch mehr lesen wollen sind kleine Geschichten über alltägliche und große Gefühle, Herzinput neben dem overflow an hartem Fakten - und ich spreche nicht von Detailberichten aus Schlaf- und Wohnzimmern, von Bartresen oder dem letzten Streit bei Ikea. All das lässt uns mehr peinlich als berührt vor Bildschirmen verharren, wie Teresa Bücker anmerkte, in 140 Zeichen dem Urbild enthoben lesen wir hingegen geschriebene Kunst, die das Leben so, nur in eben diesem Urbild zeichnet.

What is privat, what should be public? Weiter gefasst hat der Journalist, Autor und Blogger Jeff Jarvis in einem nach US-amerikanischer Manier rhetorisch brillanten Vortrag seine Thesen zu privacy, publicness and penises dargelegt, die ich im Angesicht der epischen Breite ihrer Folgen in aufgeworfenen Fragen skizziere.

+ why is the privat privat? what should be public?
+ if privacy isn't the issue, is it control?
+ anonymity = anarchy ? // identity = shame?


Wenn ich nach vorgeschalteten Überlegungen oder begründeten Überzeugungen auf einer zeichenhaft der Realität enthobenen Erzählebene mit meinem Erleben einer sexuellen Beziehung das Netz und meine Identität darin anreichere, kann das aus literarischen sowie Gründen der Selbstbestimmtheit über die von mir preisgegebene Information für mich als in diesem Sinne Handelnde nur Gegenstand einer Diskussion sein, deren Ausgang in eigener Vergangenheit bereits ausgefochten ist. Für den Betreffenden fängt diese möglicherweise erst an. Aus den verschiedenen Varianten Partner im selben sozialen Netzwerk // in einem anderen Netzwerk // offline und dessen eigenem Umgang mit Beziehungen im web ergeben sich spezifische Formen der Konfrontation und des Missverständnisses.

Dennoch. Wir brauchen Gefühl im Netz für dessen kreative Kontinuität, die den oder die Betreffende_n durch literarische Anonymisierung Persönlichkeitsrechte erhalten lassen. Liebe und Enttäuschung, zwischenmenschliche Begeisterung, Verwunderung, Abneigung - ein einzelner Moment in seiner Konsistenz gewinnt gegenüber der Flüchtigkeit politischer und gesellschaftlicher Tagesaktualität. Wir sollten und werden eine jeweils eigene Definition unseres Kerns besitzen, dessen Inhalt die Schaufenster von Twitter und Facebook nicht erblicken wird. Und sollte diese Definition dem zukunftsperspektivischen Wandel unterliegen, stelle ich gern Jeff Jarvis' Gegenfrage.

+ everyone has his or her own embarrassing stuff on the internet - so why is it embarrassing?

Samstag, 17. April 2010

Ein Abend und eine Nacht am Alex

Berlin, Sonne, 18° C, Kaffee, Kippen und eine lange Nacht. Es ist still hier gewesen, call it produktive Ruhe vor dem nächsten Sturm. Die Hauptstadt hält mich auf ein Neues fasziniert in ihren Fängen, ein Abend und eine Nacht am Alex, dazwischen nerds and the net, feminism and fashion, Fotos und Informationsoverflow bei der re:publica 2010 und den Berlin Press Days.

Begeisterungswürdige FW2010-Kollektionen von Kaviar Gauche, Nina Peter und J Dauphin, überbordende Strickmäntel und ein zwischen nude und creme verirrtes Print der späten 70er created by lala Berlin.

Kaviar Gauche wartet auf mit kreativer Klasse und einem Kick aus rock 'n roll, in Form der Schuh-Kollektion für Görtz werden auch Frauenfüße mit Nieten dekoriert. Von meiner ruhigen Gastwohnung im Schlaraffenland für fair gehandelten Kaffee und stolze Väter in Skatershirts und Gesundheitsschuhen aus gewinnt die Nietengarnitur des Inbegriffs industrieller Weiblichkeit, dem Heel unter meiner Ferse exponentiell an Überzeugungskraft. This winter it's gonna be red lips and femininity with iron crowns.


Kaviar Gauche

lala Berlin

lala Berlin

Nina Peter

J Dauphin

Noch 24 Stunden Berlin die ich aufsauge, zarte Sonnenstrahlen und sunglasses at night, nächstes Mal bringe ich mein Bett mit. This time no worries, please. I'll be back.


Montag, 1. März 2010

The Starbucks People

Einen Tall Cappuccino, drei Euro. Gleichgültig, ob man beim Verlassen der gedämpft burgunderfarbenen Sessel aus falschem Samt den Hackeschen Markt oder die verschlafene Fußgängerzone eines Sonntagmorgens in der Provinz vor Augen hat. Hier, fünfzehn S-Bahn-Minuten von Stuttgart entfernt erscheint mit neuem Starbucks Coffee ein lässig gebräunter Tresenjunge Karim wie eine Packung globalisierter Oreo Cookies zwischen Butterkeksen und Werther's Echten Karamellbonbons. Und eine kühle Anonymität, der die wenigen durchgestylten Quadratmeter ein erstes Zuhause bieten.

Hey, Küsschen, Küsschen. Bei Karim ist alles gut, easy, und heute sowieso - erzählt er der entspannten Mittdreißigerin neben mir während er gähnende Langeweile aus perfekt geformtem Milchschaum in meinen Pappbecher gießt. Niemand ist nicht allein hier an einem Sonntagmorgen und keinen davon habe ich je zuvor gesehen. Ist Starbucks der neue Hort für Einzelgänger der Kleinstädte, die Zuflucht vor neugierigen Blicken über halbhohe Küchengardinen? Ist die oberflächliche Gemütlichkeit zum Mietpreis einer kostspieligen Koffeindosis Nährboden neuer Einsamkeit oder die Chance auf lebensnotwendiges Alleinsein - auch in der Öffentlichkeit? In einem Selbstversuch flirte ich zaghaft mit der Anonymität offener Perspektiven in Begleitung eines lauwarmen Lifestyleobjekts, verwegene Frühlingsluft um die unsichere Nase, nur einen coffee to go von der Grenzenlosigkeit entfernt.

[Bild: brokencitylab.org]

Mittwoch, 3. Februar 2010

You wish, bitch.

Über "serielle Monogamie" und deren Folgen für "Koitus-Frequenzen" erzählt ein Artikel der Süddeutschen, der die Existenzängste des Beate-Uhse-Konzerns mit Bildern von Sexshops der Zukunft verknüpft. Neben Designern, die beschäftigt werden, um Sexspielzeug für Wohnzimmerregale zu gestalten verbreitet das Fazit Untergangsstimmung für die gesamte Branche: die Gesellschaft entziehe durch den wachsenden Trend zu sicheren, andauernden und gemessen an ihrer Zeitspanne enthaltsameren Beziehungen der Sexindustrie ihre Grundlage.

Vage Vermutungen, inwiefern die schwarzgezeichnete sexuelle Aktivität in abgesicherten Partnerschaftsmodellen von dem Mystizismus über Frauen, die zu Akten der Begierde gebeten werden müssen, eine einschlägige Prägung erhielt. Dass der Umgang mit weiblicher Sexualität jedoch nach wie vor in den Kinderschuhen alter Konventionen steckt, war vergangene Woche bei der Mädchenmannschaft zu lesen - wohlmeinende Ratschläge, die Mädchen vor überhasteten Erfahrungen warnen während in den Ecken des Schulhofes heranwachsende Jungen Tittenhefte tauschen, stecken ein undurchsichtiges Territorium ab, in dem offene Worte unter Freundinnen über empfundene Lust in scheuer Ignoranz verhallen. Wenn die sechzehnjährige Patrizia in der FAZ über den Sex in ihrer Fernbeziehung Dinge sagt wie "jetzt in diesem Zeitraum müssten wir dann langsam mal", um Worte für den Druck zu finden, der auf ihr lastet, so ist dieses Empfinden angesichts der gesellschaftlich gestifteten Verwirrung seltsam verständlich.

"X - Porno für Frauen", ein Buch, welches weibliche Akzente im maskulin dominierten Porno setzen und alles gelten lassen will, was Sex ausmachen kann, könnte dazu gereichen, anerzogener Prüderie und weiblicher Objektivierung erste Risse zuzufügen. Es könnte eine Anleitung sein zu mehr Fantasie und ein Lexikon, um überkommene Verschwiegenheit in Worte zu fassen - Abenteuer fernab einer Jugend, in der Jungs die Größe ihrer Schwänze und die Anzahl der Pornoclips auf ihren Computern vergleichen während Mädchen von der Bravo lernen, dass es wehtut beim ersten Mal und wie weit der Weg ist zu einem Höhepunkt. Die übermächtige Kongruenz der Realität mit Erfahrungsberichten von Dr. Sommer suggeriert, dass das Lustempfinden eines Mädchens zunächst aus tiefem Schlaf geweckt werden müsse, Schneewittchen on repeat während Malte Welding zu lebensnahen Erklärungen ansetzt:

"Jugendliche onanieren seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wie die Wahnsinnigen. Mädchen treten in den Club der großen Wixer erst ein paar Jahre später ein (übrigens ein Grund dafür, dass das erste Mal oft für beide so unersprießlich ist – der Junge ist gewöhnt daran, so schnell wie möglich abzuspritzen, damit niemand etwas mitbekommt, das Mädchen hat noch gar keine Ahnung, wie es zum Orgasmus kommt) und haben aus verschiedenen Gründen ein eher laues Interesse an Pornographie."

Das laue Interesse wird mit vorherrschenden Bildern von Frauen, die möglichst viele Schwänze in sämtlichen Körperöffnungen auf die Leinwand und die eigenen Wünsche im Hinterkopf tragen, für manchen einfacher zu verstehen. Diese Wünsche kennenzulernen liegt in den Händen der Einzelnen - ebenso die Hoffnungsschimmer auf einen ungezwungenen gesellschaftlichen Umgang mit der Thematik. Oversexed von intermedialer Fleischbeschau weicht oberflächliche Abgeklärtheit in den Tiefen eigener Empfindungen einer Sicherheit des Schweigens. Mädchen haben Liebe zu wollen und Männer Sex, dabei wollen alle alles. Und womöglich auch noch gleichzeitig.

read more: +++ Lust für Frauen // Buchbesprechung von "X - Porno für Frauen" bei der Mädchenmannschaft +++ Autorin Erika Lust im Interview bei Blank +++ "Den Frauen Vokabeln für Sex geben" // Interview der Frankfurter Rundschau mit Benoite Groult +++

[Bild: ibaiacevedo.com]

Montag, 1. Februar 2010

Endlosschleifchen

Die sibirische Kälte in Begleitung von dichten Schneeflockenwirbeln tastet sich mit scharfer Zunge von Berlin Richtung Süden. Gefrorener Überdruss und grauer Matsch neben eisigen Bürgersteigen, die ich sitzend auf Plastiktüten zu passieren empfehle. Der Sexappeal der Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aus rosigen Wangen und ersten Spuren im Neuschnee erschöpft sich mit andauernder Unwirklichkeit auf den Straßen.

Zu bemitleiden im Angesicht tiefhängender Winterwolken sind die Mädchen der elitären Pi-Phi-Schwesternschaft an der US-Universität Cornell, die in Seidenblusen durch Schneewehen zu stolzieren versuchen - ihren Dresscode hat die Süddeutsche am vergangenen Wochenende abgedruckt. Nachdem das modische Erbe eines Freiherrn zu Guttenberg hier in Diskussionen über Stilurteile brandete, werden am Beispiel der Bleistiftröcke aus Cornell manche Hintergründe selbst- oder fremdverordneter Uniform im Detail spürbarer: es ist die abenteuerliche Mixtur aus ungehemmtem Opportunismus und tradierten Geschlechterverhältnissen, die dem Einheitskleid anhaftet. Die äußerliche Verschmelzung von Frauen mit dem Profil nice and neat, das kultivierte Korsett für nuancenreiche Weiblichkeit, wird meinen Kleiderschrank nicht streifen.

Restlichen Eisbrocken verabreiche ich ansonsten Tee und ein bisschen Nouvelle Vague - Marian in Repeat-Schleife als angemessenes Abendprogramm.

[Bild: Martin Richter // zeit.de]

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