Montag, 5. Oktober 2009

artsy monday

noch immer zehre ich von den Eindrücken aus drei Tagen Hamburg. Vergangene Woche, bei meinem Trip zum Reeperbahnfestival, habe ich die Zeit maßgeblich genutzt, um ausgiebig Kaffee zu trinken und abends auf dem Kiez Musik und Atmosphäre zu konsumieren. Während ich mir einen ordentlichen touristy harbour boat trip geschenkt habe, konnte ich mit etwas mehr Zeit einen Ausflug ins Haus der Photographie // Deichtorhallen auf mich wirken lassen. Die derzeitige Veto-Ausstellung mit dem Untertitel Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie hinterlässt unweigerlich Spuren; die Denkprozesse des Alltags sind komplex und nicht selten verworren, es fühlt sich also jedes Mal neu und gut an, vor Fotografien und Bildserien zu stehen, dazu gezwungen, sehend zu verarbeiten. Der Pressetext zur Ausstellung bietet zum Einstieg eine gute Zusammenfassung dessen, was es denn zu sehen gibt:

Seit der Erfindung im frühen 19. Jahrhundert gilt die Fotografie als Spiegel der Wirklichkeit. Aber nicht erst mit dem Aufkommen der digitalen Bildbearbeitung und ihren Möglichkeiten der Manipulation wurde dieser Anspruch radikal infrage gestellt. Acht künstlerische Positionen jenseits der Wirklichkeitstreue der Fotografie stellt die Ausstellung „VETO – Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie“ vom 4. September bis 15. November 2009 im Haus der Photographie in den Deichtorhallen vor.

[...]


Gemeinsam ist den für VETO ausgewählten fotografischen Positionen, dass sie offen angelegt sind, mit multiplen Perspektiven spielen, die den Betrachter zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Medium herausfordern. Digitale Konstruktionen, Bezüge zur Zeichnung, Filmbild oder Malerei sowie die Verbindung neuer und alter Techniken sind künstlerische Strategien, mit denen sich die Fotokünstler gegen die Vorstellungen einer schnell erfassbaren (Medien-)Bilderwelt stellen. Das Bild hat keinen Belegcharakter mehr für das Reale, sondern formuliert seinen Glauben an das Kunstwerk als ästhetisches Objekt mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten.


Insgesamt neun Künstlerinnen und Künstler, darunter Andreas Gefeller, Beate Gütschow, Natalie Ital und Andrea Sunder-Plassmann zeigen durch individuelle Ansätze und Techniken in einer von digital Geknipstem beinahe vollständig durchfluteten Bilderlandschaft, dass es sich lohnt, stehenzubleiben, die Welt anzuhalten und sich die sichtbaren und unsichtbaren Linien des Bildes zu durchdringen.

Natalie Ital, aus der Serie Bio Box Burger, Fotogramm (2005)


Andrea Sunder-Plassmann, aus der Serie Selbst, Plattenkamerafotografie (1986)

Zwischen den Bildern ein weißer Raum, Ruhe, entfernte, leise und bedächtige Schritte, die Abwesenheit von Zeitanzeigen, maximale Wirkung der Kunst auf das betrachtende Auge. Keine der Fotografien wäre nur halb so gut an der heimischen Wohnzimmerwand. Manche Eindrücke kann ich nur in Gedanken konservieren.

Bilder: arttattler.com

Donnerstag, 1. Oktober 2009

im spagat glänzen

"Man muss sich nicht entschuldigen, weil man seine Seele besitzen will" schreibt Erica Jong in Angst vorm Fliegen, dem feministischen Klassiker aus den 70ern, eine weibliche Maxime, die auch in Maria Sevelands Bitterfotze noch 2009 kein Stück ihrer erhabenen Würde und der darin liegenden Zerbrechlichkeit eingebüßt hat.

Auf der Rückfahrt von Hamburg habe ich begonnen, Bitterfotze zu lesen, während am Fenster windige Landschaften und graue Vorstadtbahnhöfe unter einem bedeckten Himmel mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbeiziehen , der Mann hat neben mir die Beine übereinandergeschlagen, sein Knie liegt auf meinem Oberschenkel.

Sara, die Protagonistin, entflieht dem dunklen Stockholm im Januar für eine Woche um allein nach Teneriffa zu fliegen. Allein - obwohl sie einen zweijährigen Sohn und einen Mann zu Hause hat. Diese Tatsache bringt mich nicht ins Grübeln, wohl aber ihr Umfeld, alle reisen mindestens zu zweit, Pärchen und Kleinfamilien so weit ihr Auge reicht, im Flieger, im Bus zum Hotel, im Frühstücksraum. Eine Frau allein in dieser urlaubsbedingten Harmoniehölle ist ein Novum, und wie sie nur ihr Kind allein lassen kann, dieser zügellose Egoismus. Das Buch spielt, wie gesagt, 2009, die Autorin lebt in Schweden, einem als politisch fortschrittlich empfundenen Land (man sehe sich nur die hervorragenden Pisa-Ergebnisse an) und findet offenbar, dass sie auch hier und heute als Frau noch unzählige Gründe hat, bitterfotzig zu sein - obwohl sie das gar nicht will, nie wollte. Das Buch führt mir wie eine Ohrfeige vor Augen wie schwer es noch immer ist, in Europa und erst recht sonstwo auf der Welt, nach einer Schwangerschaft nicht zum Muttertier zu mutieren, stark zu sein, berufstätig zu sein, unabhängig zu leben.

Maria Sveland hat ihrem Buch diesen unglaublich destruktiven Titel gegeben, damit es kein anderer tut, ich kann nur sagen: gut gemacht. Keine Frau will bitterfotzig sein, aber es will auch keine Gründe dafür haben. Die Autorin hat mit der Wahl dieses Buchtitels KritikerInnen der Möglichkeit beraubt, sie selbst als Bitterfotze abzustempeln und gleichzeitig die Chance wunderbar genutzt um zu zeigen, wie viele Hoffnungen, Träume, Freiheit und Lebensklugheit in einer Feministin stecken können. Unsere Zeit zerrinnt für Frauen zwischen Emanzipation, vielgepriesener und manchmal gelebter Unabhängigkeit, auf der anderen Seite die schwer verdaulichen Fakten, Webseiten, Verhaltensweisen, gesellschaftlichen Normen und Zwängen, welche Kehrseiten erahnen lassen. Vor kurzem interviewte die Zeit Online den Soziologen Carsten Wippermann zu seiner Studie über Frauen in Führungspositionen. Die Ergebnisse führen einem unweigerlich vor Augen, dass es sich bei der Gläsernen Decke nicht um einen hohlen Kampfbegriff, sondern um gelebte Berufsrealität handelt. Aus verschiedensten Motiven bleibt der Weg für Frauen in die Machtetagen von Konzernen hart und oftmals gänzlich versperrt (mehr dazu hier) - eines von vielen Hindernissen, die eine Frau noch heute überwinden muss, sofern sie die Kraft und den Willen dazu hat.

Im Buch begegnet Sara, mit ihrem Sohn im Park unterwegs, einem Vater mit Kinderwagen und einem Shirt mit der Aufschrift Vaterurlaub. Er hat es von der Krankenkasse geschenkt bekommen und Sara fragt sich, warum Männer T-Shirts kriegen für das, was für die Mütter eine Selbstverständlichkeit ist, die zum Himmel stinkt. Ich schaue auf und sehe das Profil des Mannes, der ohne T-Shirt Kinderwägen schieben wird.

Sara hat früh begonnen, sich mit Feminismus zu beschäftigen, hatte Spaß daran, als Studentin zügellos Männer aufzureißen, ohne Anklang zu erwarten, wohlwissend, welche Provokation eine erobernde Frau darstellen kann. Sie entscheidet sich für den, der nicht wegläuft, als sie ihn fragt, ob er "einen harten pochenden" habe, der sich stattdessen mit ihr im Bett verkriecht, so lange bis absolut nichts mehr zu Essen im Haus ist. Derselbe Mann, der sie Jahre später nach der Geburt wochenlang mit dem Kind allein lässt, weil er arbeiten muss. Weil er einen Vertrag unterschrieben hat, lange vorher.

Und heiraten. Sara heiratet und freut sich und ist verliebt und fühlt sich fremd dabei. Es ist die Sehnsucht nach Nähe, nach einem Menschen der beständig an ihrer Seite ist, vielleicht auch nach kleinen jungen Kinderleben, in deren Adern das eigene Blut fließt.

Bitterfotze
hat ein heteronormatives Ende. Während Isadoras Eheschicksal in Angst vorm Fliegen offen bleibt, stellt Sara am letzten Urlaubstag fest, dass sie schwanger ist und fliegt zurück nach Hause mit dem Willen weiterzukämpfen für Unabhängigkeit und Liebe, Geborgenheit und Freiheit, alles gleichzeitig, maximales Glück, fast unerreichbar - aber nur fast.

Ich lese und frage mich, in ein paar Tagen noch immer zarte 20 Jahre alt, wie ich stets so überzeugt, so unzerrüttet glauben konnte, dass alles, das maximale Glück, einfach so eintreten, für mich funktionieren würde. Im Hinterkopf zu behalten, dass es möglicherweise nicht leicht gelingen kann, eines Tages eine freie Mutter zu sein, ist etwas anderes, als diese Ohrfeige auf einem grellpinken Tablett serviert zu bekommen. Einhalten und nachdenken, mit 20, bevor die Dinge entgleiten und ich mich womöglich frustriert und abhängig, in 24 Stunden eines Tages gebunden wiederfinde. Und ich stelle fest, dass ich trotzdem alles will, mehr denn je und ohne mich jemals dafür entschuldigen zu müssen, dass ich meine Seele besitzen will. Und einmal mehr bin ich mir bewusst, wie gut sie tun, all die Männer, die mit uns auf Augenhöhe leben, zusammenarbeiten und klar denken. Der Feminismus lebt mit ihnen und kann nicht ohne sie, um an das Ziel einer Gleichberechtigung zu gelangen, die ihren Titel verdient, unerreichbar ohne beiderseitige Akzeptanz und Respekt und nicht zuletzt Liebe, platonisch oder sexuell oder beides gleichzeitig, Augenhöhe als Maßstab.

Wir sind jung und wollen viel, Bildung und Beruf und die Feinheiten des Lebens in vollen Zügen genießen, Zeit um ungestört Gedanken nachzuhängen, Bücher zu lesen, flach auf dem Boden liegen und Musik hören, zur selben Zeit geborgen sein, einen Menschen bei uns haben, dessen Hand wir halten können wann immer wir wollen, gemeinsame Stunden, Tage, Wochen verbringen, die Welt sehen und zurückkehren und allein sein mit einer Tasse Tee. Der Spagat zwischen Freiheit und Geborgenheit scheint schwer, beinahe unerreicht und doch möglich, wenn man sich früh genug und schonungslos darüber klar wird, was es bedeutet, ich zu sein. Mit allen Träumen und Wünschen, Wahr- und Eigenheiten.

Montag, 28. September 2009

new international music

mit müden Montagsaugen sitze ich wieder in der Bibliothek und lasse Hamburg hinter halb geschlossenen Lidern an mir vorbeiziehen. Tagsüber Cappuccino um Cappuccino geleert, durch die Straßen und Cafés gezogen um abens von Kneipe zu Kneipe ziehen zu können, quer über den Kiez, das Reeperbahnfestival 2009 hat Spuren hinterlassen.

Glücklicherweise sind es nicht lediglich Spuren der Müdigkeit, die mich das vergangene Wochenende Revue passieren lassen, sondern Menschen, Musik, Stil und Nachtkultur. Um das Erlebte in eine einigermaßen logisch nachvollziehbare Ordnung zu bringen, sollte ich wohl chronologisch vorgehen.

Donnerstag, 24. Sept., 17:30 Uhr: Ankunft in Hamburg, Hauptbahnhof. Meinen karierten Rollkoffer hinter mir her zerrend bewege ich mich Richtung U-Bahn, Gepäck bei Bekannten abstellen, keine Zeit für längere Zwischenstops, da wir nicht vorhaben, uns allzu viel des dichten Programms entgehen zu lassen. Also zurück in die U3 bis St. Pauli.

First Stop: Doktorjewski treten auf, in der Meanie Bar am Spielbudenplatz. Die kleine Kneipe packed with people, inmitten von Menschen mit Astraflaschen singt ein hellblonder Typ in ausgewaschenen Jeans über Revolutionen zwischendurch, eine Frau namens Katharina, die ihn benutzen soll, zusammen mit einem braungelockten Typen, rotzig-poppiger Deutschpunk at its best. Die Akklimatisierung funktioniert auch für mich mit einem kalten Astra in der Hand ganz wunderbar, irgendwie machen wir das ab jetzt immer so, mit dem neuen Bier kommt neue Musik. Mit ab und an leicht verwirrtem Blick den Lageplan zückend schlagen wir uns weiter durch den Kiez, sehen einen berührenden Björn Kleinhenz in der Hasenschaukel und drei schwächelnde Elfen aus New York, zusammengesetzt als Au Revoir Simone im Imperial Theater. Während die letzten nicht in der Lage sind, mich mit ihren unglaublich gewollt märchenhaften Keyboardklängen und wehenden Stimmchen zu überzeugen, bin ich hin und weg von der Musik des Schweden Kleinhenz. Er steht einfach da und singt, als würde er niemals irgendetwas anderes tun, begleitet sich selbst mit einer einfachen Akustikgitarre. Eine Frau mit kurzen weißblondierten Haaren lehnt neben mir an der Wand während ihr Tränen über die Wangen rinnen, das beste Kompliment, was dieser Mann von ihr bekommen kann. Ich stehe daneben, angerührt. Zum Schluss verpassen wir die letzte U-Bahn und begeben uns auf eine windig-kalte nächtliche Odyssee per Nachtbus und Taxi durch Hamburg.

Nach einem Tag mit Läden gucken, dem besten Apfelwalnusskuchen der Welt im Yoko Mono // Karoviertel und einigen weiteren Cappuccinos finden wir uns auch am Freitagabend am Spielbudenplatz wieder. Dort entern wir ohne große Umwege den D-Club um zu Pöbelei und Poesie die Arme in die Luft zu reißen, denn die Jungs von Auletta wollen mit uns pöbeln und machen mich tanzen zu ihrer mit rockigen Gitarrenriffs unterlegten Straßenpoesie, die Nacht nimmt einen guten Anfang. Ein paar Straßenecken weiter kehren wir in die Hasenschaukel zurück um mit Dan Costello weiterzutanzen. Der New Yorker kreuzt mit Hut und Gitarre auf, die Location ist auch heute wieder voll, immer mehr festivalstreunende Menschen drängen sich in der Tür, auch wenn man drinnen keine Gliedmaßen weiter als 2 Zentimeter vom Körper wegbekommt. Ich unterhalte mich nach dem Konzert noch mit ihm als ich zwei seiner drei Alben erstehe, ich kann any price dafür bezahlen, er will einfach nur, dass jeder seine Musik haben kann, der sie gerne möchte. Ich kann nur sagen: es lohnt sich zu wollen. Der retrogitarrige Indietanzmusiktouch tut gut, in der U-Bahn, morgens zum ersten Kaffee oder wann und wo immer, tanzen und Bier trinken dazu funktioniert ebenso.

dan costello

Der letzte Abstecher des Abends geht danach ins Knust zum abgedrehten Sound von Katzenjammer. Die vier Damen kommen dabei nicht etwa wegen ihres Namens aus Deutschland, sondern aus Norwegen und jammern nicht, sondern machen Tanzmusik vom Allerfeinsten. Dazu benutzen sie eine eigenwillige Instrumentkombination aus unter anderem Banjos und Mandolinen und fragen das Publikum, ob jemand on a date hier sei. Wer mit seinem Date nicht nur knutschen sondern rumspringen und Leben genießen will, dem seien die vier Damen wärmstens ans Herz gelegt, starke Frauen mit unglaublich gutem Sound.

Der dritte Festivalabend steht also noch aus. Der Koffeinkonsum am Tag erreicht seinen wochenendlichen Höhepunkt während der Astrakonsum im Vergleich zu den vergangenen beiden Nächten deutlich abfällt, Ermüdungserscheinungen, die sich aber in Sekunden verflüchtigen als wir uns von Orka feat. Yann Tiersen gleich zu Beginn des Abends im Übel&Gefährlich den Sound ihrer selbstgebastelten Instrumente um die Ohren dröhnen lassen. Ich brauche etwas länger als die anfänglichen Sekunden, um mich an die zunächst widerwillig als Lärm empfundene Musik zu gewöhnen (es muss ja etwas bedeuten, wenn der zu Recht gefeierte Komponist Yann Tiersen mit ihnen durch Europa tourt), bis ich beginne, die Strukturen darin zu entdecken. Nicht unbedingt empfehlenswert als Hintergrundmusik für ein gemütliches Frühstück, denn Orka sind besitzergreifend. Man sollte die Musik lautdrehen und sich flach auf den Boden legen, für andere Tätigkeiten lässt dieser Sound keinen Millimeter Platz. Ich stehe schräg rechts von der Bühne und höre ihnen zu, ohne tanzen oder nebenbei im Takt mit dem Fuß wippen zu können, Orka müssen und wollen nicht tanzbar sein, denn wenn man die erste Schreckminute überwunden hat, sind sie melodisch, tief und beeindruckend.

orka feat. yann tiersen

Zwei Singer-Songwriter-Typen begleiten uns weiter durch die Nacht: zunächst der schüchterne Ian Hooper in der Washington Bar, der jedoch sichtbar aufblüht sobald er zu singen anfängt und dabei wahnsinnig rührend ist. Wax Mannequin in der Hasenschaukel verfolge ich hingegen nur am Rande, ab und an hinhörend während mich das samtige grüne Flohmarktsofa im hinteren Bereich der Bar vollständig in Beschlag genommen hat. Obwohl sich die Musik des Kanadiers von meinem Polstermöbelplatz aus unglaublich gut, neu, interessant und sowohl leichtfüßig-poppig als auch abgründig und darin irgendwie ergreifend anhört, die weichen Sprungfedern sind stärker. Sobald aber der Auftritt der wundervollen Simone White näherrückt, scheint auch wieder ein bisschen Leben in meine asphaltgeschundenen Füße zu kommen. Trotzdem nehmen wir eines der Velotaxis zum Grünspan am Ende der Großen Freiheit, lassen uns also auf einem umgebauten Fahrrad über den voll und ganz vom Saturday Night Fever befallenen Kiez tragen. Simone White hat schon angefangen zu singen als wir die Location erreichen. Sie sitzt auf einem Hocker, nippt zwischen den Liedern an einer Wasserflasche und zerschneidet daraufhin den Raum mit ihrer glasklaren Stimme, die mich ebenso einhüllt wie eine Fleecedecke sonntagmorgens auf der Couch. Dabei singt sie von großen Gefühlen in kleinen Geschichten, unterlegt nur von ihrer Gitarre, und von Krieg und davon, dass die Amerikaner vergessen haben, wofür sie eigentlich kämpfen. Dieses Konzert ist ohne Zweifel mein mit großem Abstand nachträglich favorisiertes Erlebnis rund um die Reeperbahn, ich lasse mich auf einen Barhocker fallen und genieße.

simone white (Quelle: reeperbahnfestival.com)

Dagegen kommen hinterher auch Kante nicht an, ein paar Meter weiter in der Großen Freiheit 36. Sie klingen rockig, die Texte sind naivpoetisch, sie legen sich ordentlich ins Zeug und spielen nicht schlecht, reißen mich aber doch nicht wirklich mit - keine Ahnung, ob das an meiner Müdigkeit liegt, an ihrem nach ein paar Liedern etwas eintönigen Sound oder daran, dass ich die blonde Metalmähne des Leadsängers nicht mag, vielleicht hört mein Auge mit.

Es ist 1:25 Uhr. Kante waren die letzten, wir können uns nun dem Kiez oder unserer Müdigkeit hingeben. Wir landen auf ein letztes Bier in der 3-Zimmer-Wohnung, einer wunderbar retrogemütlichen Bar, die tatsächlich aus einer Küche, einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer besteht, wo man im letzteren auf dem Bett liegend Playstation spielen kann. Oder eben auf dem Wohnzimmersofa gammeln. Wir entscheiden uns für die verlockende Couch und trinken ein letztes Bier dazu bevor wir die U-Bahn nehmen. 3 Tage, vollgestopft mit neuer Musik, die mich begeistert und nach mehr schreien lässt - die Veranstalter des Reeperbahnfestivals sind den Erwartungen seines Untertitels new international music mehr als gerecht geworden. Schon unterwegs habe ich massenhaft Geld ausgegeben, um meinen Hamburgsoundtrack mit nach Hause nehmen zu können, wo ich mittlerweile angekommen bin und Simone White höre und weiß, wo ich nächstes Jahr am letzten Septemberwochenende wieder sein will.

3-Zimmer-Wohnung

Nebenbei habe ich lange nicht mehr so viel Döner gegessen wie an diesem Wochenende, für mehr Abendessen blieb meistens keine Zeit. Die letzten drei Tage vor der Bundestagswahl sind zumindest politisch weitestgehend spurlos an mir vorbeigerauscht, und ich frage mich, ob es denjenigen, die noch eifrig Informationen konsumiert haben, nicht ähnlich ergangen ist. Ein Blick in die Hamburger Morgenpost im Café hat mich nicht weiter neugierig gemacht auf die immer hohler werdende Wahlkampfmakulatur. Gestern Abend wieder in Heidelberg angekommen stehe ich vor vollendeten Tigerententatsachen und wünsche der SPD eine gute Regeneration auf der Oppositionsbank. Hello again Atomkraft, not nice to meet you.

Mittwoch, 23. September 2009

who wants to be a porn queen

ich habe da so ein Programm, eins das vermutlich beinahe jeder bloggende Mensch zumindest irgendwann mal gehabt hat, eins welches meine Besucher zählt, Referrer (d.h. die Seite, von der aus jemand auf meinen Blog gestoßen ist) anzeigt und die Suchwörter bei Google auflistet, welche die NetzsurferInnen an ihren Laptos, PCs, Smartphones und ähnlichem technischem Gerät irgendwo dort draußen zu meiner Seite führen.

Wer "stadtpiratin" bei Google eingibt, sucht mich, höchstwahrscheinlich. In der Liste finden sich ansonsten Begriffe wie "Feminismus", "Feministische Rechtswissenschaft", "Jura Hausarbeit", unzählige weitere. Unter den Suchwörtern findet sich jedoch auch "Sex Mädchen", "gemeinsam wichsen Heidelberg", "Manuela Schwesig nackt", "wichsen wie oft" oder "Mädchen hat Sex mit Frau". Dank einer vorangegangenen Überschrift, "Dein Sex, Mädchen" weiß ich zumindest, wo es herkommt. Gut möglich, dass ich auch "wichsen" schon einmal ausgeschrieben benutzt habe und spätestens nach diesem Post werden die Masturbationsvorlagen googelnden BesucherInnen meiner Seite nicht weniger.

Kopfzerbrechen bereiten mir davon die Wenigsten, Verwunderung ist dabei über diejenigen, welche die SPD-Familienexpertin Manuela Schwesig offenbar nackt sehen möchten. Ekel lediglich bei dem Suchbegriff "kleine Sexmädchen".

Mir schwindelt bei der ungeheuren Zahl Menschen, die sich täglich im Internet auf die Suche nach pornographischem Material begeben. Dabei ist weder der Pornokonsum noch die schiere Masse an Konsumenten einzeln betrachtet erschreckend. Der alltägliche mediale Sexkonsum umgibt mich und packt mich sanft in Daunen, die Omnipräsenz werbewirksam platzierter sexueller Anspielungen, die vermeintliche Abgeklärtheit meiner Generation, man kann uns nichts mehr vormachen. Mein sezierendes Interesse an der erdrückenden Dunkelziffer Sexsuchender im Internet zeichnet ein anderes Bild, die KonsumentInnen sind offenbar vorhanden, still, eine gesellschaftliche Grauzone, der Datentransfer geschieht im Verborgenen.

Die Thematik streift mich täglich, oft unbemerkt, dann wieder frontal wie etwa in "Paradiso", einem Roman von Thomas Klupp, den ich gestern nacht zu lesen begonnen habe. Der Protagonist Alex will eigentlich nur per Mitfahrgelegenheit von Potsdam nach München zu seiner Freundin. Als jedoch der erwartete gelbe Passat nicht auftaucht, lässt er sich von einem alten Schulfreund mitnehmen, der ihn an einem verlassenen Standstreifen sich selbst überlässt, worin eine außergewöhnlich surreale Odyssee über Deutschlands Autobahnen ihren Anfang nimmt. Unterwegs landet Alex in der "Erothek" einer süddeutschen Autobahnraststätte, ich lese und genieße gierig die Schonungslosigkeit, die mir nur umgeben von Mauern des Selbstschutzes begegnen kann - der Fiktion.

"Die Farben auf den Schutzhüllen [der Videokassetten] sind bereits verblichen, und viele Schauspielerinnen haben Frisuren, wie es sich heutige Pornodarstellerinnen gar nicht mehr erlauben könnten. Blondierte Dauerwellen und auftoupierte Ponys, und die Männer tragen noch Schnauzbärte und Vokuhilas, und einer hat sogar einen Blaumann an und hält eine Rohrzange in der Hand, weil er der beliebteste Klemptner der gesamten Nachbarschaft ist. Im Vergleich zu den DVD-Motiven wirkt das alles so freundlich, so als wären das Pornos für Kinder und Jugendliche, also ganz naive und harmlose Pornos, als wäre der Sex und alles nur gespielt, jedenfalls nicht so klinisch glatt und brutal wie die heutigen Filme, wo den Frauen am Schluss gleich von sechs Schwänzen isn Gesicht gespritzt werden muss, damit es noch jemanden interessiert."

Wonach suchst du, nächtlicher Besucher meiner Seite, oder ist es erst Nachmittag? Sitzt du im Büro, in deiner Studentenbude, in weitläufigen Schlafgemächern oder bist du unterwegs, mit dem Smartphone in der S-Bahn auf der Suche nach sexuellen Anregungen für einen einsamen Abend? Sucht ihr vielleicht gemeinsam und warum, aus welchen Beweggründen sucht ihr womöglich nach klinischer Brutalität?

Im Oktober 2007 schreibt Alexander Marguier in der FAZ über den alarmierend ansteigenden Konsum von Gewaltpornographie und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Alice Schwarzer als Herausgeberin der Emma, die sich ebenfalls einige Monate zuvor mit der Thematik beschäftigt hat, kommt im Netz seiner Zeilen nicht gut weg. An mancher Stelle komme ich nicht umhin, ihm zuzunicken, denn in der Emma finde ich folgende Definition von Pornografie: "... ist die Verknüpfung in Text oder Bild von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt (Es geht also bei der Kritik an Pornografie nicht um Kritik an Nacktheit, Erotik oder Sexualtität)."

Auch wenn hier also nicht mit dem Vorschlaghammer die Erotik zetrümmert wird bleibt für mich im Dunkeln, warum andererseits pauschalisierend jegliches pornographisches Material aus feministischer Sicht verwerflich sein soll. Wenn auch möglicherweise nicht in vergleichbarem Maße, so gibt es doch auch Konsumentinnen von Pornographie. Wird mit der Sichtweise der Emma nicht ungenutztes weibliches Potential sexuellen Lustempfindens bereits im Vorhinein verteufelt und damit einer von Männern sowohl auf Seiten der Konsumenten als auch in der Produktion dominierten Branche jegliche Möglichkeit der weiblichen Einflussnahme entzogen?

Zugegeben, die Beschäftigung mit dem Thema Pornographie bewegt sich stets auf einem schmalen Grat zwischen sexueller Toleranz und deren von Nacktheit und Lust verschleierten Schattenseiten - vornehmlich extreme Brutalität und die Reduktion der Weiblichkeit, deren trauriges Resultat das Objekt ist. Ich will nicht über gesellschaftliche Auswirkungen von Pornographie spekulieren, wie es 2007 der Stern getan hat. Fakt ist zumindest, dass die Herstellung und Verbreitung von pornographischem Material, welches Gewalttätigkeiten zeigt, in Deutschland gemäß § 184a Strafgesetzbuch verboten ist. Hier gehen jedoch, wie die Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle in der FAZ zu Protokoll gibt, Gesetz und Realität unter Umständen auseinander.

Mich interessiert zunächst, was die Menschen vor ihren Bildschirmen berührt, worüber sie nachdenken und warum sie sexuelle Gewalt konsumieren, denn ohne etwa sadomasochistische Neigungen undifferenziert aburteilen zu wollen gehe ich davon aus, dass die Mehrheit der Deutschen von anderen Dingen träumt als von Schlägen und ähnlichen sexuellen Liebenswürdigkeiten. Zudem hat die Gewalt in Pornos nicht unbedingt einen ästhetischen Aspekt - ob man gewisse Vorlieben teilt oder nicht, woher kommt der klammheimliche, fast stumme, im Verzehrverhalten dagegen lautstarke, räumlich greifbare Schrei nach mehr? Und wenn ein Mehr an Gewalt die Erniedrigung der Weiblichkeit weiter vorantreibt, den Blütenblättern ihre letze Kraft raubt bis nurnoch der verdorrte Stamm übrigbleibt, wie hat eine Frau diesem zu begegnen ohne die eigene sexuelle Freiheit zu beschränken?

Die dünne Eisdecke der aufgeklärten Toleranz ist brüchig, die Risse werden tiefer je weiter sich die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse mit Gewalt verselbstständigt. Kein einziges bedeutendes Tabu ist gebrochen, so lange man sich wenn überhaupt mit verschämtem Grinsen versteckt in Nebensätzen über Youporn unterhält, ohne persönlichen Bezug, man hat davon gehört so wie man immer alles irgendwo hört, niemand hat jemals irgendetwas mit eigenen Augen angestarrt. Und womöglich dabei etwas wie Lust empfunden.

Freitag, 18. September 2009

mit suchendem blick

Gestern Abend, nach einem weiteren Tag des Hausarbeitschreibens habe ich die angeforderten Briefwahlunterlagen in der Post vorgefunden. Ich werde am Wahlsonntag zu spät aus Hamburg zurückkehren, Ankunft nach 18 Uhr in meinem Wahlkreis Heidelberg/Weinheim. Um halb neun werde ich zurück sein, mit neuen Klängen, Bands, Locations und sonstigen Eindrücken vom Reeperbahnfestival. Und trotzdem bei Betreten des WG-Wohnzimmers Fernseher und Laptop zur Rate ziehen um die aktuellen Hochrechnungen, nicht aber die Zukunft unseres Landes zu begutachten.Informiert zu sein ist ein hartes Stück Arbeit, ich lese Zeitungs- und Webartikel, diskutiere, schreibe, sehe politsch fern, halte sogar bei Maybrit Illner und Anne Will wie sonst selten bis zum Ende der Sendung durch, quäle mich durch ein in 90 Minuten mäßig informatives TV-Duell und bin an keiner parteispezifischen Front begeistert, bisher vermochte kein Wahlprogramm meinen suchenden Blick an sich zu binden, meine Augen rutschen bisweilen ab an der glatten asphaltgrauen Oberfläche. Informierte WählerInnen brauchen, wie ich eigens und erneut festgestellt habe, zunächst mal eines: Ausdauer - besonders in einem Wahlkampf nach vier Jahren Politik zum Minimalkonsens. Hoffnungen habe ich in diese Schlacht mit stumpfen Waffen trotzdem investiert, nicht zuletzt solche voyeuristischer Natur. Ein handfester Skandal hätte mir vielleicht die Entscheidung mittels zwei Kreuzen auf dem Stimmzettel maßgeblich erleichtern können oder vielleicht eine bisher geheimgehaltene Sponti-Vergangenheit von FWS. Wenig ist passiert, das bürohengstige Image des SPD-Kanzlerkandidaten ist beim neunzigminütigen Duettmarathon vergangenen Sonntag möglicherweise durch ein leicht angestrengtes Macher-Lächeln ein wenig vermenschlicht worden, politisch hielt man den Ball vorsichtshalber flach.

Ich hätte gerne irgendetwas revolutionäres angefangen mit meiner ersten Stimme zur Bundestagswahl, aber mir fehlt es hierfür entweder an Idealismus oder an Alternativen. Die Piraten hätten noch vor einigen Monaten zumindest Potential gehabt, zu einer ernsthaften Wahlalternative zu avancieren. Neue Denkstrukturen für Netz und Urheberrecht, ein Kampf für mehr Datenschutz - gegen den gläsernen Bürger und für einen transparenten Staat. Zur Bundestagswahl hatte ich jedoch ernsthafte Alternativen im Bereich zahlreicher nicht zwingend netzbezogener Themen erwartet - vergeblich. Ohne außer Acht zu lassen, dass es sich um eine sehr junge Partei handelt, müsste sie um meine Stimme zu ergattern zu einem breiteren Themenspektrum Stellung beziehen - nicht zuletzt in puncto Frauenpolitik, Antidiskriminierungsmaßnahmen und Familienpolitik. Latest results: eine hitzige Debatte in der politischen Blogosphäre über die Frauenpolitk der Piraten inlusive niveauloser, teils frauenverachtender Kommentare und weiter ohne Stellungnahme der Partei, vielleicht, weil man dort gar nicht will. Eine gute Zusammenfassung liefert hier der Genderblog. Weiter ein umstrittenes Interview des Piraten-Vize mit einem Nazischmierenblatt, der "Jungen Freiheit". Andreas Popp will gar nicht gewusst haben, um was für eine Zeitung es sich hier handelt und die Zeit fragt zu Recht: "Fehlt der Piratenpartei die Offline-Kompetenz?"

Nicht nur die Piratenpartei hat meine Erwartungen bezüglich Frauenpolitik unterboten im Regen stehen lassen. Von der CDU und deren auf höchste Geschlechtsneutralität bedachten Kanzlerin war schon vorher nichts außerordentlich emanzipatorisches zu holen, aber auch die SPD brachte mit der jungen Familienpolitikerin Manuela Schwesig keinen nennenswerten Gegenvorschlag an die Wahlkampfstartlinie (siehe meinen Beitrag zur Kinderministerin). Die Grünen finden, dass Frauen nach oben gehören, kein schlechter Ansatz eigentlich, jedoch wäre hier ein informativer Diskurs von Nutzen gewesen. Wo ist eigentlich oben, wie genau sollen Frauen dorthin und welche Grundlagen sind dafür zunächst einmal "unten" zu schaffen? Auch wenn ich nicht wie Antje Schrupp der Ansicht bin, dass es sich hier um eine absurde Forderung handelt, ist für mich vordergründig wichtig, dass Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen wie privaten oder beruflichen Höhen stattfinden muss. Die Thematik gesellschaftlicher Schichten, die soziale Gleichberechtigung zwischen arm und reich, Chefetagen vs. Hartz IV - das alles steht wiederum auf einem anderen, nicht weniger bedeutenden Stück Papier.

(Bild: grüne.de)

Insgesamt ist der Wahlkampf wenig weiblich, wie auch Tessa von flannel apparel festgestellt hat, zudem hart, grau und undurchdringlich; eine Frau zu sein, fernab von Gebährfähigkeit und Sex, dringt nicht an die politische Oberfläche.

Laut Wahl-O-Mat soll ich die Linke wählen, höchste Übereinstimmung nach meiner persönlichen Themengewichtung. Wie wählbar aber ist diese Partei? Und wie regierungsfähig? Die SED-Vergangenheit vieler Parteifunktionäre bereitet mir ebenso Kopfzerbrechen wie die Schwarzweißperspektive vieler Forderungen der Partei. 10 Euro Mindestlohn, Reichtum besteuern und am besten sofort aus der Nato austreten. Das klingt alles ganz nett, und ist damit doch nur die kleine Schwester von, genau. Obwohl auch ich die Entwicklung unserer einstigen Verteidigungsarmee in Afghanistan mit zwei kritischen Augen anglotze und soziale Gerechtigkeit gerade jetzt für eines der wichtigsten Themen halte, die es sowohl im Niedriglohnsektor als auch bei Kinderarmut und steigender Arbeitslosigkeit neu zu denken gilt, halte ich die nur auf dem Wahlkampfpapier einfachen Standpunkte der Linkspartei für größtenteils unrealistisch - da wirkt beispielsweise die Kampagne der Grünen, der sogenannte Green New Deal durchdachter. Vielleicht kann die Linke zunächst ihre Regierungskompetenz in Thüringen unter Beweis stellen, doch auch hier ergeben sich Anlaufschwierigkeiten (-> der Freitag über den Verzicht von Bodo Ramelow und die Reaktionen innerhalb der Partei).

So erschöpft sich eine meiner besten Wahlkampferfahrungen 2009 in einem Plakat, dass den heutigen Besuch von Frau Merkel in Hamburg ankündigt:

(Bild via spreeblick.com)

Yeaahh. Intonation: trocken, bissig, ironisch. So enthusiastisch wie meine Stimmabgabe.

Montag, 14. September 2009

sofort knutschen

Mitte September. Nieselregen bei 18°C Außentemperatur, schon wieder finde ich mich teetrinkend auf der Couch wieder; grünen diesmal, nachdem ich es nach monatelangem auf meiner imaginären to-do-liste Herumdümpeln heute nach geringfügigem Voranbringen meiner Strafrechtshausarbeit endlich auf die Reihe gekriegt habe, im Supermarkt ein paar Teefilter zu erstehen. Alltäglicher Lebensmitteleinkauf in Heidelberg Mitte, Ort des Geschehens.

16:30 Uhr, erste VertreterInnen der arbeitenden Bevölkerung drängeln gepflegt zwischen den Regalen um sich heute Abend was hübsches zu zaubern, an der Kasse setzt feierabendliche Schlangenbildung ein. Meine eigenen Köstlich- und Nützlichkeiten für den Montag und hoffentlich auch ein paar Tage länger zusammengerafft reihe ich mich ein und überfliege beim Warten die aktuellen Zeitschriftencover. Das Knutschbild der Neon erlangt als erster Titel meine mit Krawatten und Einkaufswägen geteilte Aufmerksamkeit, vielleicht hätte ich in den Moment nutzen, den Blick abwenden sollen. Meine Neugier war schneller, musste ich mich schließlich zunächst fragen, ob die genießend gesenkten Augenlider nun die Story einer neuen sexuellen Revolution oder Liebe, Sex und Zärtlichkeit frei nach Bravo-Facon ankündigen. Bei näherem Hinsehen also: "Sofort verlieben! Warum wir der »Liebe auf den ersten Blick« vertrauen können - und wo man sie findet".

Dazu fällt mir erstmal nicht viel ein. Und als nächstes nach Wenig, dass ich noch nie so glücklich war, die kurze Liason mit dem selbsterklärten Generationsversteher im Magazinformat bereits vor zwei Monaten einseitig aufgekündigt zu haben. Vermutlich wäre es direkt nach der Ankunft im Briefkasten aufgrund seiner neonbunten Lächerlichkeit ohne größere Umwege in die Papiertonne befördert worden, freigegeben für das anschließende Recycling.

Schon vor einiger Zeit habe ich mich mit dem - ungeliebten - Stichwort "Generation Neon" auseinandergesetzt, die dort attestierte Entwicklung des Blattes zu einer Art Bravo für Mittzwanziger mit deplatzierter Ratgeber-Attitüde will man in München nicht mehr aufhalten. Entweder es funktioniert, oder die Kohle ist alle. Neben der neuen Gefühlsheadline vermögen auch die anderen Cover-Artikel nicht zu überzeugen: der Tränenfaktor wird erneut plattitüdenhaft abgedeckt dank der Mein-Partner-ist-tot-Story, ein paar Inhalte aus der Mikrowelle ("Schlacht im Meer - Wie militante Tierschützer versuchen, das Millionengeschäft der Walfänger zu stören") haben es daneben auch noch auf den Titel geschafft.

Auch der Magazintext heiligt nicht das flache Cover. Ein paar Wissenschaftler, die erklären, dass man sich tatsächlich auf den ersten Blick verlieben kann. Ob Gruner&Jahr nun endgültig das Geld für Qualitätsjournalismus ausgeht oder ob ich ein weiteres Resultat eines lieblos zusammengezimmerten Generationsabbilds in Händen halte frage ich mich mehr, als mich der eigene Hormonhaushalt derzeit beschäftigt. Die Liebe entmystifizieren, das haben die Druckerzeugnisse meiner Teenagerzeit auch schon versucht.

Sie liegt also wie jeden Monat neu in der Zeitschriftenauslage, die Generation Neon, und wirbt mit Gefühlen und Geknutsche um Käufer innerhalb ihrer nach eigenen Angaben breiten Zielgruppe. Selbige umfasst bekanntlich meine Generation in allen altersmäßig vorhandenen Ausprägungen, von -Teen bis Mitte dreißig. Schon allein der Anspruch, ein Magazin für eine ganze Generation herausgeben zu wollen beinhaltet die Durchschnittlichkeit im Nebensatz. Diesen Monat gibt es dafür eine im Vorbeigehen hingeknutschte Liebesgeschichte.

bild: neon.de

Sonntag, 13. September 2009

frau im recht

dieser Text ist zum Semesteranfang zu lesen im Reader des Arbeitskreises kritischer JuristInnen Heidelberg.

Feminismus ist zunächst ein Schlagwort. Assoziationen: 70er Jahre, Alice Schwarzer, Frauenbewegung, Männerhass und unrasierte Beine. Die vielfältigen Konnotationen des Begriffs lassen ahnen, dass sich nicht jede junge und emanzipierte Frau gern eine Feministin nennt - zu sehr ist die Bezeichnung mit Unweiblichkeit und anderen negativen Aspekten verwoben. Doch ist die Gleichheit bereits erreicht, hat sich die Bewegung also selbst abgeschafft?

Keineswegs. Die öffentliche Diskreditierung des Begriffs, nicht zuletzt durch machtvolle Publikationsunternehmen wie den Springer-Verlag und das sogenannte false feminist death syndrome (die Totsagung des Feminismus durch die Medien - v.a. im angloamerikanischen Raum, mehr dazu hier), mag einen zunächst glauben machen, dass Feminismus erstens überflüssig, zweitens gestrig und drittens unweiblich ist. Der Wunsch jedoch, als Frau einen Beruf auszuüben, mit Männern auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, Familie und Karriere zu haben ist gerade im universitären Umfeld omnipräsent. Das Jurastudium als einstige Männerdomäne erscheint bei vollen Hörsäälen mit 50 Prozent weiblichem Anteil in den Bankreihen als Bild der Vergangenheit - und doch liegt der Anteil der Professorinnen an den juristischen Fakultäten bei nicht viel mehr als drei Prozent. Ebenso ist ein Großteil privatwirtschaftlicher Führungspositionen männlich besetzt, die Gleichstellung der Löhne zwischen den Geschlechtern kann bei weitem nicht als vollzogen betrachtet werden und auch im Privaten werden traditionelle Rollenbilder weiter zementiert.

Ein Alltagsbeispiel: bei der schwedischen Möbelhauskette unseres Vertrauens findet man Wickeltische auf Herrentoiletten. Man bemerkt dies anhand des Hinweisschilds mit einem erfreuten Grinsen während wenig später die Abwesenheit einer solchen Ausstattung für Väter an den meisten anderen öffentlich zugänglichen Plätzen bewusst wird (siehe hierzu die treffende Beobachtung bei der mädchenmannschaft) . Nach wie vor gilt die Frau in einer heterosexuellen Partnerschaft als maßgeblich für die Kindererziehung zuständig.

Das von Vorurteilen zerknickte Bild des Feminismus auffrischend empfiehlt sich zunächst ein Blick ins Internet. Hinter vielen Blogs stehen junge Frauen (- und Männer!), welche Politik, Kultur, Kunst, Feminismus und nicht zuletzt Mode zu gleichberechtigten Ressorts ihres Mediums machen. Schnell wird deutlich: Feminismus ist weder unsexy noch hat er auch nur entfernt mit der Ablehnung des männlichen Geschlechts zu tun.

Feministische Rechtswissenschaft

Dieser Zweig der juristischen Ausbildung, in Deutschland noch nicht in vergleichbarem Maße etabliert wie etwa in Skandinavien oder Großbritannien, beschäftigt sich mit der Frage, wie Recht auf das geschlechterspezifische Machtungleichgewicht einwirkt. Der Ausgangspunkt lässt sich dort ausmachen, wo Frauenleben durch das Recht berührt und geprägt werden; die Zielsetzung liegt darin, faktische Gleichheit durch eine gleiche Machtverteilung sowie die gleichberechtigte Teilhabe an materiellen Gütern und Zuweisung von Rechten und Pflichten - sowohl gegenüber dem Staat als auch im Privaten - zwischen den Geschlechtern zu erreichen.
Die Probleme, die hierbei in Erscheinung treten sind vielfältig und greifen durch ihre Bezüge zur Geschichte der Frauenbewegung unter anderem in Bereiche der Soziologie und Politik über.

In Bezug auf frauenfördernde gesetzliche Regelungen liegt ein vieldiskutierter Punkt im sogenannten Dilemma der Differenz. Im Kern geht es dabei um die Behandlung der Frage, inwiefern zwischen den Geschlechtern Gleichheit gegeben ist und wo bzw. in welchem Maße durch Gesetze eingegriffen werden muss, um zumindest formale Gleichheit herzustellen.

Indem eine Frau in einer bestimmten Situation durch Recht gefördert wird, in die sie aufgrund ihres Geschlechts typischerweise gerät (etwa betreffend Schwangerschaft und Mutterschutz) gelten für jede Frau. Insofern werden dadurch nicht nur diejenigen Frauen durch das Recht in Schutz genommen, die tatsächlich diese Regelungen in Anspruch nehmen, sondern durch die (kaum anders zu handhabende) Pauschalisierung durch Recht wird gleichzeitig ein mitunter einseitiges Frauenbild bei einer Vielfalt möglicher Lebensentwürfe festgelegt.

Noch deutlicher wird besagtes Dilemma bei Förderungsmaßnahmen durch Quotenregelungen. Weibliche Kritik erfahren diese häufig, da sich Frauen in eine Art Opferrolle gedrängt fühlen, d.h. der Möglichkeit beraubt werden, sich auch ohne die Festsetzung eines bestimmten Frauenanteils gegenüber der männlichen Konkurrenz durchzusetzen. Auch hier liegt die Ambivalenz darin, durch Maßnahmen, die zur Beseitigung von Ungleichheiten geschaffen wurden, diese im selben Moment zu festigen. Berücksichtigtigen sollte man dabei im letzteren Fall, dass die Quoten dazu gedacht sind, sich eines Tages selbst überflüssig zu machen - letztlich ist dies jedoch ein Argument zwischen vielen, oft kontradiktorischen Positionen.

Inwiefern sollte man Geschlechtergerechtigkeit also durch Gesetze regeln, wo sind Freiräume für mehr Eigenregie zu lassen um eventuell auch hierdurch ein Mehr an weiblicher Freiheit und Chancengleichheit zu ermöglichen? Zweifellos hat die Thematik zumindest weder an Aktualität eingebüßt, noch wäre der Bedarf einer Debatte erschöpft. Neue Impulse sind zudem willkommen in einer Phase, in der auch eine neue Generation die Maxime der Gleichberechtigung für sich entdecken, erkämpfen und definieren muss.

read more:
+false feminist death syndrome bei querelles-net.de
+feministisches institut hamburg
+tanja nitschke - recht weiblich. forum-recht-online.de
+feministische rechtswissenschaft - ein studienbuch. herausgegeben von lena foljanty und ulrike lembke, nomos verlag

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+mädchenmannschaft
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