Montag, 2. Mai 2011

Die unspezifische Revolution

Eine kurze Zwischenbilanz der Berichterstattung zum revolutionären ersten Mai: Spiegel Online spricht von gebremstem Zorn, die Berliner Zeitung erzählt über viel Party und wenig Randale und der Tagesspiegel labelt die Vorkommnisse unter "Ritual und Geplapper". Auch die taz beschränkt sich darauf, über friedliche Festivitäten und nur geringfügige Ausschreitungen zu schreiben - ganz der Eintönigkeit zwischen Staatsgewalt und Radikalen treubleibend.

All das, während die ProtagonistInnen der Demonstration auch in diesem Jahr den Versuch anprangern, den Widerstand durch das Kreuzberger Myfest sedieren zu wollen. Und zwischen gegenseitigen Schuldzuweisungen geht ein wichtiger Aspekt der Debatte verloren: die Frage nach den intellektuellen Grundlagen eines linken politischen Diskurses. In manchen Artikeln zum ersten Mai tauchen in Nebensätzen spöttische Bemerkungen zur Inhaltslosigkeit der Mai-Demonstration auf - ohne zu reflektieren, dass das eigene Medium selbst Teil der Leere ist.

Die Integrationsdebatte war und ist Beweis dafür, dass etwas fehlt. Dass es an Personal, vielleicht an Geld und oft an Willen mangelt, empört zu sein und aus dieser Empörung heraus Gegenentwürfe zu entwickeln. Im linksliberalen bürgerlichen Spektrum ist eine unspezifische Unzufriedenheit mit dem Tonfall rassistischer Forderungen zwar vorhanden - jedoch eine Unzufriedenheit, die nicht zu dem Mut gereicht, sich mit dem Konstrukt Integration an sich kritisch auseinanderzusetzen.

Auch in Datenschutzfragen ist die gesellschaftliche Aufmerksamkeitsspanne kurz - und das nicht zuletzt, weil journalistische Zielsetzungen vor allem der klassischen Medien sich mehr an Aktualität denn an Beständigkeit und politischer Meinungsbildung orientieren. So bestätigen auch hier Ausnahmen zuweilen die Regel: mit großem Wohlwollen lese ich heute seit langer Zeit das Wort Widerstand im Text eines sogenannten Qualitätsmediums.

Ähnlich ergeht es letztendlich auch der thematischen Bandbreite der Demonstration zum "revolutionären ersten Mai". Der Protest gegen Gentrification, Rassismus, soziale Ausgrenzung und die Macht wirtschaftlicher Lobbygruppen bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung als unkoordinierter Krawall zurück. Die Ursachen dafür, dass scheinbar keine oder nur wenig inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet, bleiben unhinterfragt. Dabei macht ein großer Teil der DemonstrantInnen am ersten Mai zumindest eines vor, dass in einem größeren soziologischen Kontext kaum mehr zu finden ist: Herrschaftskonzepte zu hinterfragen und sich aktiv und sichtbar gegen Missstände einzusetzen.

Um berechtigten Unmut gesellschaftsfähig zu machen brauchen wir allerdings mehr als das Potential der weitgehend auf Berlin begrenzten linken politischen Strukturen. Der heute an vielen Stellen undefinierte linke Diskurs verlangt konzeptionelle Tiefenschärfe, die mit der Bereitschaft von VordenkerInnen einhergeht, ihm eine solche zu verleihen. Ein Prozess, der von Schulen und Universitäten bis in die Politik und transmedialen Journalismus hineinreichen muss.

Aus meiner Perspektive hat die systemische Ordnung der Bundesrepublik einen Grundpfeiler, der in seinem Wert nicht unterschätzt werden kann: Artikel 1 Grundgesetz - "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Über alles andere kann und sollte gestritten werden.

+++ Anfänge machen: Reclaiming Alexanderplatz. Widerstandscamp zum Atomforum vom 15. - 18. Mai +++

Kommentare:

  1. Sich darüber zu beschweren, dass selbst der langjährige Partner - die Medien - das Interesse an den Demonstrationen zum ersten Mai verliert, sollte doch eigentlich Ansporn zur Selbstreflexion sein.
    Dass ein geplanter Krawall, ein alljährlich wiederkehrendes "Dagegen-Sein" in Kombination mit zumeist sinnloser Zerstörung, weder die Medien, noch den deutschen Bürger an sich noch zu mehr als einem müden Kopfschütteln bewegt, sollte gerade den intellektuellen unter den Linken doch schon längst verständlich geworden sein. Die deutsche Gesellschaft hat sich zu weit wegbewegt von den Ursprüngen der Proteste des 1. Mai. In einem Land, in dem sich die gesamte politische Landschaft - extreme Splitterparteien ausgenommen - in der Mitte sammelt, in einem Land in dem der Wohlstand dominiert, die Wirtschaft wieder floriert und in dem die Bürger das linke Gedankengut von verblendeten Politikern der Linken-Partei und Deportationen großer Künstler in China vorgelebt bekommt, in einem solchen Land kann es kein Verständnis geben für die geplante Zerstörung von volkswirtschaftlichem Gut. Im Sinne der Praxis: Wie soll sich die allein-erziehende Mutter von drei Kindern dafür begeistern, das linksorientierte Demonstranten in ihrer selbstgefälligen Wut ihr Auto zerstören, um damit ein Zeichen für politische Initiativen setzen. Insbesondere für Initiativen, die für den normalen Bürger eben in keinster Weise mehr als entscheidend wahrgenommen werden?
    Statt die so oft geforderte Solidarität in die Gesellschaft zu tragen und denjenigen Menschen in Deutschland zu helfen, die eben noch eine stärkere solidarische Einbindung benötigen, soll die linke Überzeugung Jahr für Jahr wieder durch möglichst großes Chaos und Medienecho erreicht werden?
    Ich halte diese Anschauung für weltfremd und so wundert es mich nicht, dass nun tatsächlich nicht einmal mehr die auf Aufsehen ausgerichteten Medien etwas vom 1. Mai wissen wollen.

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  2. Lieber Timo,

    ich fühle mich sehr hingerissen zu ausufernden Grundsatzdiskussionen. Da es spät ist und ich eingespannt zunächst nur so viel: Wie du sicher lesen konntest geht es in meinem Text nicht ausschließlich um die Berichterstattung zum ersten Mai, sondern um mangelnde Tiefe eines linken politischen Diskurses. Und das liegt nicht an dem, was du Krawall nennst, sondern hat andere Ursachen.
    Du redest außerdem von einem äußerst privilegierten Standpunkt aus von einer Gesellschaft, die vom Wohlstand dominiert wird. Für wen ist dieser Wohlstand zugänglich? Für wen ist Bildung zugänglich? Eines ist dieses Pauschalurteil jedenfalls als allerletztes: Solidarisch.
    Und auch wenn es dir nicht so scheint: Es geht um Inhalte am ersten Mai, um angebrachte Systemkritik. Darüber, dass zumindest wahllose Zerstörungen kein adäquates Mittel sein mögen, können wir reden. Über alles andere leidenschaftlich streiten.

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