Freitag, 14. August 2009

von a nach b und wo b eigentlich ist

"Die ständigen Unterbrechungen machen es schwierig, in diesen bestimmten Dämmerzustand zu verfallen, der nur auf Autobahnen vorkommt und nur bei Nacht, wenn sich bei hoher Geschwindigkeit die Bewegung selbst aufzuheben beginnt und es egal ist, wann man wo gewesen ist oder sein wird. Man könnte jedermann sein und überall, man kann von allem träumen."
Juli Zeh // Adler und Engel
Während ich noch auf dem Balkon sitze, mit leichtem Sommerwind um die Nase, untermalt von gedämpftem Presslufthammergeräusch von der Baustelle um die Ecke, packe ich bereits in Gedanken meinen buntkarrierten Koffer voll mit Lieblingsklamotten, Büchern und Sonnencreme. Die stadtpiratin entfernt sich aus den heimischen Vierwänden und ihrer Stadt, um sich ein neues Stückchen Welt zu erobern. Ich freue mich fast ebenso sehr auf das von Juli Zeh so wunderbar beschriebene Nachts-auf-der-Autobahn-Gefühl wie auf Surfen an Frankreichs Atlantikküste oder all die Orte, deren Existenz ich mir bis jetzt vielleicht vage ausmalen kann, die uns auf dem Weg dorthin dazu überreden, mal rechts ran zu fahren. Und genauso gespannt bin ich auf die Geschichten, Bilder und Eindrücke, mit denen ich in ein paar Wochen zurückkommen werde, um sicher mit der ein oder anderen Sache meinen Blog zu füttern. Bis bald. Ich geh den Sommer kapern.

soundtrack:
+ canned heat // on the road again
+ simone white // yakiimo
+ the do // tammie

books:
+ juli zeh // adler und engel
+ virginia woolf // mrs dalloway
+ karl philipp moritz // anton reiser


Sonntag, 9. August 2009

dein sex, mädchen

Charlotte Roche konnte mir auch nicht helfen. Letzten Frühsommer war es, da sie mit ihrem Bestseller "Feuchtgebiete" und einem angeblich feministischen Impuls im Gepäck durch die Republik tourte. Geschlechts- und generationsübergreifend wurde nun fleißig über die Analfissur der Protagonistin Helen Memel gelesen - und über ihr außergewöhnliches Sexempfinden. Da war was Neues, da musste man mitreden. Manch einer soll die leichte Lektüre gar als sexuell anregend empfunden haben, faktisch war der pinke Schmöker mit dem Pflaster jedenfalls an jeder erdenklichen Ecke im Gespräch - sprichwörtlich in aller Munde.

Und Charlotte Roche sagte weiter in jedem Interview fleißig das Sprüchlein ihrer zweifelhaften Mission auf - Frauen müssten ein unverkrampfteres Verhältnis zu ihren Körpersäften entwickeln und überhaupt lockerer werden im Umgang mit den Bedürfnissen ihrer biologischen Hüllen, soweit in etwa die Botschaft. Das ließ sich gut hören, bis sich beim Lesen der ersten Seiten die ersten Zweifel breitmachten. Was sie definitiv erreicht hat: man redete über Intimrasur, Avocadokerne als Liebeskugeln und Analsex "mit Schokodip" - jedoch beließ man die heikle Thematik lieber bei Helen Memel. Und du selbst? Nein, nein, das ist mir doch zu krass. Die Dialoge griffen nie auf die persönliche Ebene über, denn Helen Memel war schlussendlich nicht mehr als eine Schockfigur. Dabei hätte es der sexuellen Emanzipation deutlich mehr geholfen, hätte Frau Roche statt ihrem Rasierklingengruselkabinett etwas über Frauen, ihren Körper und ihren Sex geschrieben, dass im erlebbaren Bereich jenseits der Ekelschwelle rangiert. So hat sie lediglich geschockt und Geld sowie Aufmerksamkeit verdient, letztere währte jedoch nicht lange. Schock ist ein abruptes und kurzfristiges Empfinden.

Gesellschaftlich befindet sich weibliches Lustempfinden noch immer in einer Art Tabuzone, wobei doch so viele junge Frauen dieses No-Go als längst nicht mehr zeitgemäß empfinden - und es doch wenn überhaupt nur zaghaft und leise überschreiten.

Die wow-hatte-ich-gestern-tollen-Sex-Konversation kenne ich hauptsächlich aus den Mündern meiner männlichen Freunde, während die Damen sich an vielen Stellen weiter in nichtzeitgemäßer Zurückhaltung üben. Sex hat man zu haben, aber die Details bleiben im Gespräch oft sicherheitshalber außer Betracht. Die Freundinnen, mit denen ich das persönliche Lustverhalten en detail erörtert habe, kann ich an zwei Fingern abzählen. Vielleicht wird es mit meinen jungen Neunzehn im Laufe der Zeit noch ein Finger mehr, unter Umständen werden es auch weitere zwei, aber die Hoffnung halte ich bisher eher klein.

Viele Frauen meines Alters schrecken in unserer so dermaßen aufgeklärten Zeit vor dem dermaßen verschobenen gesellschaftlichen Empfinden der weiblichen Sexualität zurück, denn: zu schnell gelangt man bei zu häufig wechselnden Partnern an ein dubioses Flittchen-Image - und das nicht nur in jener schwäbischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. 90.000 Einwohner, unter denen sich die Jugendlichen im selben Alter alle über höchstens drei Ecken kennen oder einmal gekannt haben, man erfährt hier schnell, wer mit wem was genau hatte, Sie wird bei entsprechender Frequenz One-Night-Stand-ähnlicher Vorkommnisse als leichtes Mädchen gehandelt während Er nur eine weitere Trophäe für den Schrein seiner Männlichkeit ergattert, oft miterlebt. So niederschmetternd die Assoziation mit altem Mief daherkommen mag ist diese Form des sozialen Urteils noch immer Gang und Gäbe.

Fast jede_r in meinem Alter, plusminus einiger Jahre, kann sich vermutlich an die Szene aus dem Teeniefilm "Crazy" erinnern, in welcher ein paar pubertierende Jungs auf einen Doppelkeks wichsen, wer am nächsten trifft gewinnt. Auch abseits fiktiver Pubertätsgeschichten sehen Jungs mit Fünfzehn gemeinsam Pornos, erzählen sich nicht ohne eine gehörigen Portion Stolz gegenseitig von den ersten sexuellen Erfahrungen zu zweit während die Mädchen, soweit das Klischee, von Rosenduft und Kerzen träumen. Den heranwachsenden jungen Frauen wird ein ums andere Mal vom Dr.-Sommer-Team erzählt, dass es vielleicht ein bisschen wehtut beim ersten Mal, darüber werden sich ein paar Gedanken gemacht, ansonsten hat man dann die Schwelle zum vermeintlichen Erwachsenwerden, den ersten Sex, irgendwann glücklicherweise überschritten, der Rest bleibt im Dunkeln.

Das Klischee ist hier von der Realität nicht weit entfernt. Wenn auch manches Mädchen mit dreizehn den Traum vom Bed of Roses nicht mehr träumt, bleibt das Gewaber der pubertätsbedingten hormonellen Übersteuerung ohne Ausdruck, zumindest jenseits der von Postern bedeckten vier Wände. Das männliche Pendant redet offener und guckt weiter erotische oder weniger erotische Filmchen, mann probiert sich aus und sammelt, wenn nicht am eigenen Leib, dann doch wenigstens visuelle Erfahrung.

Der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen sexuellen Empfinden mag vorhanden sein - und doch sind wir uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in unseren Bedürnissen sehr ähnlich. Wenn auch mit der Zeit auf weiblicher Seite die Hemmschwelle sinkt, selbige zumindest gegenüber dem Partner zu artikulieren, bleiben die Details über Sex zu zweit oder allein in den meisten darauffolgenden Gesprächen in freundschaftlichem Umfeld im Verborgenen wie die Kiste Tittenheftchen, derer Mann sich ab einem gewissen Alter zu schämen beginnt. Denn auch unter Frauen besteht die Gefahr, den ein oder anderen schiefen Blick auf sich zu ziehen. Nicht anders lässt sich erklären, dass die Seite the-clitoris.com über weibliche Masturbationsmethoden einen Einzelfall auf weiter Flur im Web markiert. Man könnte weiter feststellen, dass die Existenz einer solchen Seite - im Übrigen ein positives Beispiel feministischer Unverkrampftheit - die ansonsten weit verbreitete Tabuisierung der Thematik anschaulich illustriert.

Aus heutiger Perspektive scheint die Nackt- und Freiheit der Siebziger eine nur kurzzeitig entfesselnde Wirkung gehabt zu haben. Unsere Zeit ist geprägt von der Schizophrenie zwischen medialer Omnipräsenz der Lust und der Biederkeit des Alltags, hinter der sich in den meisten Fällen leider vornehmlich Frauen verstecken. Im Kino erschienen sie in Massen, Frauen zwischen Sechzehn und Sechsunddreißig, die sich mit High Heels beschuht zum Sex-and-the-City-Film tief im Kinosessel zurücklehnten und den Darstellerinnen begeistert dabei zuhörten, wie sie sich ungeniert über ihr Sexleben unterhielten. Und nach dem Film, als das zu völliger Dunkelheit gedimmte Licht im Saal wieder hochgefahren wurde, stöckelten sie hinaus, die Offenheit haben sie lieber an der Leinwand hängengelassen. Ich bin weit davon entfernt, die dahinplätschernden Sexkonversationen der amerikanischen Serie zu einem Positivbeispiel sexueller Emanzipation zu stilisieren, sie bleiben dennoch ein Exempel der mir unverständlichen Ambivalenz junger Frauen bezüglich ihrer Bedürfnisse. Wie erholsam ist war es, als mich eine Freundin nach der ersten Nacht mit neuem Typen fragte "und, wie war's so? Also wird er zum Beispiel gern geritten?"

Es gibt keinen Grund, sich hinter falscher Zurückhaltung zu verstecken, denn nicht durch Schweigen, sondern durch einen offenen Umgang mit der eigenen Sexualität besteht die Chance, Vorurteile und Befangenheiten nach und nach auszuräumen. Der Hochgenuss sexuellen Empfindens ist es nicht wert, unter längst eingestaubte Teppiche gekehrt zu werden.

Samstag, 8. August 2009

kragentier

Man sieht sie überall, die flauschig-haarigen Fellwesten, derer ich aufgrund meiner latenten Schwäche für (schlicht kombinierte) Proloklamotten komplett verfallen bin. Mit schwarzen Slimfit-Hosen oder simpler blauer Jeans und Oberteil sicher ein Traum. Dieses Exemplar von Killah hat auch noch gleich zwei schlagende Vorteile: für 139 Eurokronen befindet es sich in einigermaßen ansprechendem Budgetrahmen - und es hat kein Tier für das Teil sein Leben gelassen. Ich habe ja keinerlei Skrupel, in Lederaccessoires zu investieren - aber bei Pelz ist man dann doch irgendwie skeptisch. Achja, ich glaube den Kunstledergürtel würde ich einfach weglassen.

Dienstag, 4. August 2009

die kinderministerin

Manuela Schwesig ist ihrem Mann hinterhergezogen. Sie habe sich auch in seine Heimatstadt Schwerin verliebt, so zitiert sie der Tagesspiegel in einem Portät. Aber wer ist Manuela Schwesig eigentlich? Die junge Blonde ist auch in ihrer eigenen Partei, der SPD, bisher eher unbekannt, ist sie doch erst seit sechs Jahren Mitglied und hat somit unter anderem auch keine Juso-Vergangenheit vorzuweisen. Nun wird sie von Kanzlerkandidat Steinmeier in dessen Schattenkabinett berufen - auf den Familienposten. Sie lässt ihre blonde Mähne bereits im Wahlkampfwind flattern und muss sich als fünfunddreißigjährige Newcomerin nun dafür rechtfertigen, dass ihr Mann nicht zu ihr gezogen ist.

Aus der persönlichen Perspektive sehe ich das nicht so eng - wie ich aus eigener Erfahrung weiß, gibt es vielfältige Gründe, sich für die Heimat des Mannes zu entscheiden, völlig unabhängig von althergebrachten Geschlechterstereotypen, habe ich doch in vielerlei Hinsicht mein Herz in Heidelberg verloren. Rechtfertigen muss sich Frau Schwesig meiner Ansicht nach vielmehr für ihre Politik.
"Ich bin eure Kinderministerin" erzählt sie den Kleinen als frischgebackene Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns auf einem Straßenfest. Auch auf Bundesebene liegt ihr Fokus auf den Jüngsten der Gesellschaft, sie will sich verstärkt gegen Kinderarmut einsetzen, zu weiteren Themen hat sie bisher nicht Stellung bezogen. Man könnte es sich nun einfach machen und dies mit ihren momentan eigenen Interessenschwerpunkten als junge Mutter erklären, oder abwarten und hoffen, dass noch mehr unter der schönen Schale steckt. Nach Ursula von der Leyen, die sich in der fast vergangenen Legislaturperiode grundsätzlich und ausschließlich um Familienpolitik mit Schwerpunkt Geburtenförderung (ganz im Zeichen des demografischen Wandels) beschäftigt hat, war meine Hoffnung groß, von der SPD einen Gegenvorschlag präsentiert zu bekommen. Ohne die Wichtigkeit fundierter Familienpolitik geringschätzen zu wollen: es ist nach vier Jahren konservativer Hochsteckfrisur an der Zeit, Frauenpolitik zu machen.

Diese Ansicht scheinen jedoch nicht alle zu teilen. Die Welt hält der aufstrebenden Jungministerin zum Beispiel zu Gute, dass sie mehr von Frau von der Leyen hält "als jene Parteifreundinnen, die bis heute die Frauenrhetorik der siebziger Jahre pflegen". Wie bitte, Frauenrhetorik, siebziger Jahre? Die Degradierung der Frauenbewegung zieht sich offensichtlich auch in der heutigen Zeit weiter durch die sogenannten seriösen Medien.

Da hat sie dann mit ihrer Kinderpolitik alle im Sack, die schöne Blonde für die Frauenquote im Kompetenzteam Steinmeier, das kann ja keiner schlecht finden, denn Kinderarmut ist schrecklich und überhaupt ist Kinder fördern immer gut, die bilden ja das Fundament und die Zukunft der Gesellschaft. Auch ich finde Kinder gut und bin gleichzeitig enttäuscht: ich wünsche mir mehr Statements von ihr als Frau - gestandene Mütter haben wir nun zur Genüge kennengelernt - auch wenn in den Sternen steht, ob sie nach der Wahl einen Platz am Kabinettstisch ergattern kann.

Für "FWS" ist die Frauenquote in seinem Team sicher besonders wichtig, kämpft die SPD doch in den letzen Wochen zäh und hartnäckig um ihr längst vergangenes Mitte-Links-Image der Arbeiterklasse. Sicher dachte er, dass mit Manuela Schwesig nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ein paar Sympathiepunkte beim Wähler zu machen seien.

Bisher ist sie lediglich jung und schön, der Inhalt hat mich noch nicht umgehauen. Dabei wäre Frauenpolitik in Zeiten, in denen, illustriert von der "Welt" mit ihren abwertenden Zeilen, die Eigenständigkeit von Frauen bemerkenswert beängstigend auf der politischen Agenda in irgendeiner unbedeutenden Fußnote dahindümpelt, ein wichtiges und insofern auch brisantes Thema, dass Frau Schwesig neben den Kleinen auf ihrer Fahne platzieren sollte.

Bild: street art // paris

Samstag, 1. August 2009

hey beautiful


manchmal ist der Griff in den Kleiderschrank ein Griff ins Klo. Und meistens grinst mir dabei in Reichweite des Spiegels eine morgenblasse Fratze entgegen, die den Weg vom Bad zum Kleiderschrank angenervt erneut zurücklegt, weitere Fehlschläge später möglichst die perfekte Klamotte finden, erstes Tagesziel. Ich hätte es eben gern nett, so an mir dran.

Traurig und bedrückend ist das Szenario dabei erst, wenn die Fratze im Spiegel nicht mehr grinst, sich stattdessen selbst zerfrisst über Schönheitsmakel, die man nur selbst sehen kann, dafür aber umso heftiger. Ohne Vorwarnung bohrt sich im Angesicht des Ich die äußerliche Unzulänglichkeit ins Auge, von dort immer tiefer nach innen.

Scheinbar verachten größtenteils Frauen die eigenen Ecken und Kanten, das behaupte ich schon allein angesichts der monatlich neu erfundenen Diäten sämtlicher seichter Magazine für die Durchschnittsfrau. Die Konkurrenz ist groß mag man denken, zum Casting von Heidi's next Topmodel kamen sie schließlich zu Tausenden, die hageren Großaugen mit vollem Busen, und sie lauern auf jedem Hochglanzcover. Die Selbstwahrnehmung droht, im bunten Bilderzirkus unterzugehen, der Maßstab sollte doch eigentlich niemand sein - außer mir.

Ein Vergleich aus meiner Lebenssphäre: Ich bin Jurastudentin, das bringt auch den ein oder anderen Kommilitonen mit sich, dem man den ausgedehnten Aufenthalt vor dem Badezimmerspiegel auf einige Entfernung ansieht - jedoch mit einem völlig anderen Ergebnis als leider oft beim weiblichen Pendant: in der Regel findet sich der betreffende Herr ziemlich geil - und wird dafür respektiert. Man könnte ihn Lackaffen nennen, die Portion zuviel Haargel oder das in Verbindung mit Jurastudenten oft erwähnte Pferdchen auf der Brust belächeln, aber allgemein wird er wohl selbstbewusst geheißen werden, vielleicht auch zielstrebig oder sogar kultiviert; an missgünstigen Adjektiven wird jedenfalls gespart.

Die weibliche Variante ohne Polopferd, ich, bin hingegen gewohnt, ab und an arrogant gefunden zu werden, denn: außer nach einer durchzechten Nacht mit beißendem Kater im Anschluss kann ich die Fratze im Spiegel ganz gut leiden. Warum eigentlich nicht, darf ich das nicht dürfen?

Mindestens so oft wie mir der bis zur völligen Keimfreiheit gepflegte Typ begegnet sehe ich wunderschöne Mädchen, die durch selbstzerfressende Kritik ein in sich gefangenes Mauerblümchendasein fristet. Das kann man sehen, viel zu oft, in den trüben gesenkten Blicken, die sich in scheinbar unbeobachteten Momenten in die Augäpfel schleichen.
Männer hingegen gehen mit sich selbst und ihrem Umfeld deutlich gnädiger um. Zwar wirft auch Mann den ein oder anderen kritischen Blick in den Spiegel und nicht jeder auf sein Äußeres Bedachte ist deswegen affektiert, selbst die männliche Pferdchenvariante begegnet mir, selten zwar, aber doch ab und zu in sympathisch. Worum es mir aber geht ist der Vergleich zwischen der männlichen und weiblichen Version eines selbstsicheren Menschen.

Es handelt sich hierbei um keine wirklich neue Erkenntnis - Frauen sind selbst die größten Kritiker ihres weiblichen Umfelds, sei es in Bezug auf den beruflichen, privaten oder sonstwie gearteten Erfolg ihrer Geschlechtsgenossinnen oder eben auf deren Körper und Oberbekleidung. Ich gebe zu, auch mir fällt auf, wer in meinem kleinen universitären Kosmos welchen neuen Pickel zur Schau trägt, dabei passiert mir das jedoch geschlechtsunspezifisch, der alltägliche Klatsch und Tratsch bei Kaffee und Kippe vor der Uni. Die Thematik sitzt dabei unbekümmert auf meiner leichten Schulter, jeder redet sowieso über jeden, alle wollen alles wissen und am besten besser, so what, nächstes Thema. Und doch kann ich meine Easygoingeinstellung nicht voraussetzen, womöglich sollte ich konsequenterweise ab und an mein Schandmaul halten, obwohl ich wünschte, dass jede Frau sich selbst im Spiegel sehen könnte, ohne ungezählte weibliche Vergleichsobjekte daneben aufzuhängen.

Ich habe selbst ausreichend Erfahrung mit der bissigen Kritik anderer Frauen - ich bin ziemlich schlank und nebenbei auch noch selbstbewusst und meistens zielstrebig. Das lässt sich wohl auch objektiv ganz gut hören, dennoch weiß ich zu gut, dass manche Frau spielend bei jeder anderen das vermeintliche Haar aus der Suppe angelt. Wer mir mit 16 erzählte, dass ich magersüchtig sein müsse oder wenig später, dass ich doch recht überheblich rüberkäme, das waren ausschließlich die femininen Betrachter meines jungen Selbst. Man könnte nun darüber nachdenken, ob es sich hier um Konkurrenzdenken, Neid oder andere ausgelutschte Substantive handelt; ich gehe zunächst von den Fakten meines Alltagshorizonts aus.

Bei Les Mads ist mir vor kurzem zum ersten Mal einer der "getagged: Komische Blicke fürs Styling"-Beiträge aufgefallen, die sich innerhalb einiger Tage quer durch die Modeblogosphäre zogen. Die Frage "Fällst du gerne auf?" wollte keine der Beitragenden mit einem glatten ja beantworten, der Tenor war vielmehr, dass man es wohl ertragen könne, wenn jemand guckt. Warum nicht auffallen? Aus Angst, allzu seltsame Blicke - vornehmlich seitens der weiblichen Konkurrenz - auf sich zu ziehen? Warum sollte man sich davor scheuen herauszustechen, wenn man sich doch selbst mag und schön findet, so wie man der Welt begegnet? Klamotten als Teil des gesamten äußeren Erscheinungsbilds sind seit jeher Geschmackssache gewesen und ich sehe kein Problem, den eigenen Stil frei an sich selbst auszustellen. Jeder will ein möglichst großes Stück vom Individualitätskuchen mit Selbstverwirklichungssahnehäubchen, und dass wir was Besonderes sind hat Mama uns auch schon erzählt. Dabei sollten wir, denke ich, gelernt haben, dass wir allen Grund dazu haben, aus dem augenscheinlichen Raster zu fallen.

Ich kenne zu viele junge Frauen, denen der Blick in den Spiegel zu oft an der Seele nagt. Und ich möchte ihnen manchmal in die zerbrechlichen Gesichter schreien, dass ihre Weiblichkeit eine Macht ist, dass sie schön sind und das bitteschön wissen sollen. Dann wieder will ich ihnen zureden, die abgefallenen Blütenbläter aus dem Matsch sammeln oder ihnen eine Flasche Sekt in die Hand drücken und auf uns trinken, denn: wir haben alle allen Grund dazu.

Bild: vskrems-lerchenfeld.ac.at

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