Dienstag, 28. Dezember 2010

Der Fetzen Liebe im Statusupdate

Die Liebe sei als Projekt angelegt, schreibt Malte Welding in der Weihnachtsnummer des Freitag. Ein Projekt auf Dauer, wahlweise die Vereinsamung als Single vor dem Bildschirm:

"Warum diese Vereinzelung? Als Hauptverdächtiger gilt das Phänomen Narzissmus im Verbund mit der Selbst­darstellungsmaschine Internet. Der Tanz um sich selbst mag nach Erotik aussehen, aber es bleibt beim Schein."

All das während Mark Zuckerberg die Welt verbindet und das Post-Privacy-Zeitalter proklamiert. Was aber, wenn Facebook gar nicht oder wenigstens nicht allein der Faktor ist, der uns mehr zu Statusupdates als zu direktem sozialem intercourse bewegt?

Es ist halb drei in einem Neuköllner Hinterhaus, dritter Stock, die Turntables sind geliehen, es gibt Sternburg Export aus der Badewanne. Der Typ links neben dem Kühlschrank ist sichtlich angetan von ihrem Plan, durch Thailand und Vietnam zu backpacken und überhaupt von dem ganzen Mädchen. Aber bevor er sie je küsste im Laufe der Freitagnacht ist sie ihm zu wild und die Geschichte zu aussichtslos, mit einem lauwarmen Rest Bier quetscht er sich kurze Zeit später durch den Flur Richtung Dancefloor. Sie bleibt in der Küche und beschäftigt sich noch ein paar Minuten halbherzig mit der Frage, wen der Anwesenden sie mit nach Hause nehmen könnte ohne sich zum romantischen Frühstück zu verpflichten. Am Ende entscheidet der Alkohol und das, was bei Dunkelheit noch vielversprechend aussah fühlt sich Stunden später an wie der Anblick der zerdrückten Kippen im Waschbecken. Das größte Wagnis bleibt betrunkenes Knutschen in der U-Bahn, etwas wie Liebe im Moment und ohne Fragen.

Wir haben die Freiheit, in WG-Wohnzimmern an der Alternativität unserer Erwerbsbiografien zu feilen, den Zwang zu unter- bis unbezahlten Praktika und die Grenzenlosigkeit möglicher Beziehungsmodelle. Wir lieben unsere Freiheit und tun dies zu Recht, niemand wünscht sich zurück in die zähe Selbstverständlichkeit einer Vernunftehe. Auch wenn, wie Sven Hillenkamp in Das Ende der Liebe schreibt, die Vernunftehe zum Resultat eines zu verzweifelten und zu simultanen Strebens nach gesicherten Lebensverhältnissen, Liebe und satisfaction avancieren könnte. Denn wir fürchten unsere Freiheit mindestens ebenso sehr. Wenn wir heiraten, dann verheiraten wir uns mit Projektideen, insofern auch mit der Idee von der gesicherten Langzeitbeziehung. Und wir fürchten uns nicht genug, um nicht trotzdem alles zu wollen- doch hinreißen lassen wir uns höchstens zu Sturm und Drang in Zeitlupe. Während die Verfügbarkeit von Informationen und die Chance, uns multidimensional selbst zu entfalten, das Tempo des Alltags beschleunigt, werden wir zaghaft im Umgang mit dem Irrationalen. Auch wenn wir uns wünschen, wild und heftig zu lieben: nicht Leistung, sondern Herzblut soll sich lohnen. Für alles andere die Unverbindlichkeit eines one-night-stands.

Die Welt steht uns offen, aber ein aufgeklapptes Notebook gereicht im Zweifelsfall zum Sicherheitsabstand. Sie ist immer direkt vor unserer Nase, die Welt, via Internet sehen wir ihr beim Zusammenwachsen zu und arbeiten währenddessen auf dem Sofa am perfekten Lebenslauf. Der Erwartungsdruck, den wir durch die Fülle der Möglichkeiten auf uns projiziert glauben, führt zu einem Pragmatismus, der Sven Hillenkamp an der Möglichkeit der Liebe zweifeln lässt. Doch sobald der Versuch, mit handwerklichen Methoden Beziehungsglück zu konstruieren der Erkenntnis des Chaos weicht, darf auch ein Kuss zwischen Tür und Angel unter dem Label Liebe existieren. Es ist die Reproduktion vorzeitlicher Lebensformen, die hierfür eine Bereitschaft zum Einfamilienhaus voraussetzt. Schließlich entsteht aus dem Chaos oft nicht nur eine Idee, sondern ein neues Ideal. Und vielleicht eine neue Definition von Liebe, die der Unstetigkeit gerecht wird.

+ soundtrack: Clara Luzia feat. Emma McGlynn // Faces

Sonntag, 26. Dezember 2010

Boy, it's just a TV Show

Es muss beklemmend sein, schweißgebadet aus einem Traum aufzuwachen, in dem man auf dem Boden liegend zu einem elfenhaften Wesen mit himbeerroten Lippen aufblickt. Erst recht, wenn dieses Wesen einen an der Krawatte zieht und einen High Heel in die schwache Brust rammt. Und schlimmer noch, wenn die bösen Anzeichen aus dem Traum über den Frühstückstisch kriechen, wenn die Tageszeitung in Form einer Studie den nächsten vermeintlichen Beweis für das Aufziehen einer neuen Mädchenelite vermeldet. Vor diesem Szenario scheinen geschlechterpolitische Fragen aus einer dem Feminismus entgegengesetzten Richtung an Relevanz zu gewinnen. Maskulismus wird zur verführerischen Fluchtperspektive vor der überhand nehmenden Weiblichkeit.

Der Maskulismus, per definitionem eine politische Betrachtung des Geschlechterverhältnisses mit dem Ziel der Beseitigung von männlicher Diskriminierung, ist in den 80er Jahren als Antonym zur Frauenbewegung entstanden. Die zugrunde liegende These geht also in erster Linie dahin, dass Männer von Frauen unterdrückt werden. Was nach verkehrter Welt aussieht, meinen die Protagonisten bitterernst. Dabei treten sie vorzugsweise unter dem Deckmantel der digitalen Anonymität in Internetforen auf, in denen sie sich in ihrer Wut auf starke Frauen gegenseitig bestätigen. Wahlweise kommentieren sie auf feministischen Blogs, deren Autorinnen sie – die Killerphrase - Frigidität unterstellen.

Wenn die Debatte nicht schon derart von Vorurteilen aufgeladen und von argumentativer Niveaulosigkeit geprägt wäre, würde man sie gern bei der Hand nehmen und ein paar Dinge klarstellen. Der Mangel an Verständnis der Situation, aus dem sich Maskulismus nährt, setzt dort ein, wo eine Frau mit rotem Kussmund und High Heels als Bedrohung empfunden wird. Sie ist, wie vieles andere, eine mediale Inszenierung, die von Werbeagenturen ins Leben gerufen wurde, um Produkte abzusetzen. Und dies nicht etwa mithilfe eines qualifizierten Statements zu Rollenbildern, sondern durch die Darstellung einer Frau als Objekt. Und der Mangel an Verständnis gipfelt in einer Auffassung von Feminismus, nach der das kaltherzige Weib nichts anderes im Sinn hat, als grausam die Herrschaft über das männliche Geschlecht an sich zu reißen. Klingt nach neunzehntem Jahrhundert.

Liebe Maskulisten, würde man gerne sagen, habt keine Angst! - Wenn man als Frau nicht selbst in einer Position stecken würde, die keine generösen Gesten erlaubt. Während konservative Medien den Strom von Meldungen nicht abreißen lassen, in denen von benachteiligten Schuljungen und Abiturientinnenquoten die Rede ist, treten die tatsächlichen Aufstiegshindernisse von Frauen in den Hintergrund. Untermalt wird die Geschichte von den benachteiligten Jungs durch das spezifische Förderungsprogramm von Schwarz-Gelb unter Federführung von Kristina Schröder. Dabei ist es noch nicht an der Zeit, dass Frauenförderung von Männerförderung abgelöst werden könnte. Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht, wenn ein paar Prozent mehr Mädchen für hochschulreif befunden werden und später diejenigen bleiben, die maßgeblich Verantwortung für Küche und Kinder tragen. Und es geht genau darum: um Gleichberechtigung. Denn welche intelligente Frau träumt allen Ernstes davon, einen Mann vor sich im Staub liegen zu sehen? Wahre Größe von Männern wird auch aus weiblicher Sicht eher dort zu verorten sein, wo Frauen als stark, aber nicht als stärker oder schwächer wahrgenommen und akzeptiert werden. Augenhöhe eben – nicht mehr, aber auch kein Finger breit weniger.

Zuerst erschienen in der Freitag 51-52/10: Die Weihnachtsnummer.

[Bild: Mariah Jelena via photodonuts.com]

Dienstag, 2. November 2010

Was wollen wir eigentlich?

Beim Barcamp Frauen in der Berliner Kalkscheune wurde zwischen Pornografie und Familienplanung ein breites frauenpolitisches Spektrum diskutiert. Zurück bleiben mehr Fragen als Antworten.

Je breiter die Themen, desto größer die Gefahr, sich in Diskussionsfetzen zu verlieren. Und so ließ die offene Gestaltung des Barcamp Frauen, veranstaltet von der SPD und unterstützt von der Mädchenmannschaft, Vorwärts und dem Freitag, im Voraus zwei Schlüsse zu: Planlosigkeit oder Kalkül.

Die Veranstaltung ist kostenlos, eingeladen sind alle, die Interesse an Geschlechterfragen haben. Doch das Format Barcamp, welches als Nebenprodukt des Web 2.0 entstanden ist, trägt seinen Teil zum tatsächlichen Publikum bei: zwischen ein paar vereinzelten Männern sind hauptsächlich Frauen zwischen 20 und 30 gekommen. Und wie sich später herausstellt zum Glück auch eine Handvoll Frauen aus deren Elterngeneration. Das gemeinsam erstellte Programm beginnt mit Porno, wird unterbrochen von halbseidenen Statements zum heutigen Stand der Frauenbewegung, nach der Mittagspause fortgesetzt mit einer Debatte über Intimchirurgie und einer Session zu herrschaftskritischen Räumen, abgeschlossen mit Widersprüchen und Chancen zwischen Mode und Feminismus. Womit das Angebot nur in Umrissen skizziert ist.


Die Ursachen für den verstockten Umgang der Gesellschaft mit weiblicher Sexualität etwa lassen sich kaum in 45 Minuten abhandeln. Doch hier realisiert sich vor allem der Nutzen des Veranstaltungsformats: Das große Interesse der BesucherInnen an Themen entlang der Intimsphäre geht über persönliche Voyeurismen hinaus – und ist Indiz für umfangreichen Gesprächsbedarf. Warum wachsen Mädchen mit der Vorstellung heran, Porno sei etwas für Jungs? „Der Busen gehört der ganzen Nation“, meint eine Teilnehmerin – während die Vulva tabu bleibt. Sichtbar wird sie höchstens auf Youporn, dafür in Nahaufnahme und wird damit Teil des zweifelhaften Trends, den eigenen Intimbereich kosmetischer Chirurgie zu unterziehen, um einer Norm zu entsprechen, die bereits in Biologiebüchern an heranwachsende Augen gelangt.

Weniger greifbar bleiben die Ergebnisse der Session zur Lage des Feminismus. Es scheint sich dazu ein Konglomerat von Müttern eingefunden zu haben, die über Anstrengungen zwischen Kindern und Karriere berichten. Ein Dauerbrenner, nicht zuletzt aufgrund der existentiellen Erfahrungen, die das Ideal eines gleichberechtigten Zusammenlebens auf seine härteste Probe stellen. Jedoch fehlt es der Debatte, in der der Satz „habt ihr das auch in der Nido gelesen...“ zum Einstieg gereicht, bereits im Ansatz an kritischer Bissigkeit und der ernsthaften Suche nach Lösungen. Das Stern-Magazin für die neue Generation hipper Bio-Eltern suggeriert Fortschrittlichkeit in Pastelltönen - und das transportierte Rollenbild schließt höchstens Väter ein, die ihren Beitrag zur Gleichberechtigung darin sehen, Designkinderwägen über den Prenzlauer Berg zu schieben. Auch unser Gespräch versickert ähnlich zwischen Klagen über schräge Blicke am Arbeitsplatz, „sich zerreiben“ fällt oft.

Aber was wollen wir eigentlich? Die Gründe dafür, dass Feminismus viel mehr als nur historische Relevanz besitzt, liegen viel tiefer unter der Oberfläche, als dass man sie ohne zu zögern lokalisieren und beheben könnte. Auch die Verhaltensweisen, welche Frauen einschränken, ihnen Kompetenzen absprechen und sie zu Objekten stilisieren sind subtiler als noch vor zwanzig Jahren. Kein Personalchef würde sich offensiv aufgrund ihres Geschlechts gegen eine Bewerberin entscheiden und wenige Partner wagen noch zu behaupten, sie würden Küche und Kinder ihrer Freundin überlassen. „Früher fand unter Frauen noch ein viel regerer Austausch statt – davon ist heute viel verloren gegangen“, erzählt eine Teilnehmerin mittleren Alters, „sowohl über soziale Umgangsformen als auch über sexuelle Beziehungen. Gemeinsam waren wir wacher und auch mutiger, mit unseren Bedürfnissen offen umzugehen.“ Dass es heute an weiblicher Bereitschaft fehlt, sich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen, ist überall spürbar. Die These, nach der sich die Frauenbewegung durch ihre Erfolge bereits abgeschafft hätte bietet dabei eine opportune Fluchtperspektive vor einem Thema mit angestaubtem Charme und mangelndem Sexappeal. So fällt vielen Frauen der maskuline Umgangston im Büro zunächst nicht auf. Frustration stellt sich erst ein, wenn man über Jahre hinweg an keine neuen beruflichen Perspektiven gelangt und feststellt, dass man zu dem Teil der Beziehung geworden ist, der die Wäsche aufhängt und über den Inhalt des Kühlschranks informiert ist, um auf dem Weg nach Hause kurz noch ein paar Lebensmittel einzukaufen.

Jede Einzelne von uns will irgendetwas, verfolgt individuelle Ziele und tritt dabei meist als Einzelkämpferin auf. Doch in erster Linie brauchen wir das Verbindende zurück. Denn wer würde heute noch Simone de Beauvoir lesen, solange die GesprächsparterInnen fehlen?

Ebenso sind neue Impulse notwendig, um den Feminismus an unsere Zeit anzupassen, ihn loszulösen von seinem überkommenen Latzhosen-Image. Und notwendig ist nicht nur der Mut von Frauen, sich aktiv mit Feminismus zu befassen, sondern auch eine reflektierte männliche Sicht auf ein politisches und zwischenmenschliches Ungleichgewicht, das als solches erkannt werden muss. Das Barcamp Frauen hat in jedem Fall dazu beigetragen, eine intellektuelle Basis zu schaffen, von der aus weitergedacht und gehandelt werden kann. Und daran, dass sich Männer ebenfalls angesprochen fühlen, kann man im Titel noch feilen.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Die kalte Hand der Technokratie


"WER WIND SÄT // WIRD STURM // ERNTEN"

Wem die Liebe fehlt in multimedialen Podiumsdiskussionen, Panels und halbherzigen Politiken, der begebe sich heute ab 17:00 in Sachen Stuttgart21 an den Potsdamer Platz. Der Theaterregisseur Volker Lösch, der momentan für die Produktion von Lulu - Die Nuttenrepublik an der Berliner Schaubühne gastiert, hat ein feines Detail zu der Demonstration gegen das Großprojekt beigetragen: einen Bürgerchor aus Stuttgarter Projektgegnern, welche größtenteils heute morgen mit dem Protestzug aus dem Süden die Hauptstadt erreicht haben und politikerverdrossenen Berlinern. Lösch, der chorische Sprechformen und ein Gemisch aus Laiendarstellern aus sämtlichen Schichten der Gesellschaft und professionellen Schauspielern zum Charakteristikum seiner Inszenierungen gemacht hat, setzt auch mit diesem neuen Beitrag zu den Protesten in Stuttgart konsequent sein Kunstverständnis um:

Kunst ohne Anbindung an das Draußen, an die Zeit, in der ich lebe, finde ich sinnlos.

Für die gute Sache habe ich mich heute morgen ins tiefste Reinickendorf begeben, um an den Proben teilzunehmen. In wenigen Stunden ist dort bereits ein kleines Werk des Widerstands entstanden, dass das Herzblut der Beteiligten in sich trägt.

+ background: Etabliert, doch renitent: Vier Geschichten zu S21 in der taz // parkschuetzer.de // schwabenstreichberlin.wordpress.com

Dienstag, 28. September 2010

Lady, Hand aufs Herz

Vor kurzem schrieb ich über Alice Schwarzer, über ihre neueste Bild-Kampagne und über ihre mediale Krönung zur Chef-Feministin. Über eine Frau, die viel erreicht und nicht mehr viel zu sagen hat. Dennoch gilt sie immernoch vielen als feministische Galionsfigur. So lange sie, wenn auch nur scheinbar und für die Öffentlichkeit, die Zügel in der Hand hält, ist die Diskussion um die heutige Identität des Feminismus noch lange nicht am Ende.

Es mag einst notwendig gewesen sein, sich von Weiblichem abzugrenzen, Ellenbogen auszufahren und kratzbürstig zu sein um die einseitige Behaglichkeit patriarchalischer Verhältnisse aufzubrechen. Wie uns Frau Merkel täglich vor Augen führt zum Teil auch heute noch ein Erfolgsmodell - dabei besteht die Schnittmenge zwischen ihr und mir einzig im Geschlecht. Die Problematik liegt darin, dass auf zu vielfältigen Kanälen kommuniziert wird es gäbe nichts zwischen Angela und dem überschminkten Kätzchenklischee. Mit freundlicher Unterstützung von aliceschwarzer.de.

Der scheinbare Mangel an Alternativen schafft die Distanz zum Begriff "Feminismus" - und post-gender ist so viel einfacher. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ließ es sich Mitte diesen Monats nicht nehmen, vor Augen zu führen, wie weit wir dennoch davon entfernt sind. "Zapateros Püppchen" ist eine Aneinanderreihung von Streetstyle-Fotos in durchschnittlicher Dilettanz - im Fokus die Ministerinnen der Zapatero-Regierung. Anstelle von politischer Kompetenz werden ihre Ausschnitte hervorgehoben. Hatte die FAS noch eine Woche zuvor einen Text über weibliche Karrierechancen und Aufstiegshemmnisse veröffentlicht, druckt sie wenig später einen Journalisten, dessen Vorstellung von Brüsten vielleicht das einzig Mehrdimensionale ist, was ihn zu den Zeilen bewegte.

Während besagter Journalist, Leo Wieland, nonchalant einen scheinbar politischen Text auf die Objektsqualität der Protagonistinnen beschränkt, von der Leyen als Mutteridol zwischen Rednerpulten flaniert und Herdprämien wieder an Konjunktur gewinnen brauchen wir Feminismus, schon allein fürs Herz. Es gibt ihn, diesen neuen Feminismus, der sowohl der Verbitterung einer Emma-Redakteurin als auch der Banalität mancher Post-Gender-Thesen etwas entgegenzusetzen hat. Der eine neue Weiblichkeit prägen könnte, die stellenweise bereits gelebt aber noch zu selten mit den Anliegen der Gleichberechtigung verknüpft wird. Die Vorstellung, dass Frauen sich in Kleider zwängten und Lippenstift auflegten, um mit signalfarben untermaltem Augenaufschlag Ziele anzuvisieren, ist längst überkommen. Ebenso ihre Alternative größtmöglicher Unweiblichkeit. Es gibt tausend Wege, sich als Frau mit Mode zu beschäftigen, ohne sich dabei in die Untiefen des Instyle-Niveaus zu begeben. Oder Lippenstift zu tragen. Es fehlt nicht an grauen Grabenkämpfen, sondern an Respekt vor der Subjektivität. Und an Mut zu kommunizieren, dass noch nicht alles gut ist.

Für neue Einflüsse, Ideen und Hintergründe hierzu will ich (nochmals) eine Veranstaltung ans Herz legen:

Am 30. Oktober findet in der Berliner Kalkscheune das Barcamp Frauen statt. Der Eintritt ist frei, Vorschläge zu Workshops und Diskussionen sowie Themenwünsche können ab sofort auf der offiziellen Seite zum Barcamp eingebracht werden. Ganz im Sinne des zeitgemäßen Diskurses ist auch männliche Präsenz herzlichst erwünscht.

[Bild: Justin Waldron via itsnicethat.com]

Donnerstag, 23. September 2010

In a Manner of Speaking

In a manner of speaking
I just want to say
that I could never forget the way
you told me everything
by saying nothing
Nouvelle Vague // In a Manner of Speaking

Bei Verlassen des Saals steigt einem der Geruch von Restmüll in die Nase, dreckig und verwaist bleibt die Bühne zurück. Ivo van Hove gibt mit seiner Inszenierung von Molières Der Menschenfeind an der Berliner Schaubühne Gefühl und Gesellschaft neue Formen.

Aufrichtigkeit und Schmerz. Das Stück beschreibt den adeligen Menschenfeind Alceste, gespielt von Lars Eidinger, der die Gesellschaft für ihre Lüge und Heuchelei verabscheut. Sich selbst hat er zum Ziel gesetzt, über die Grenzen aller Umgangsformen hinaus ehrlich zu leben. So lässt er den Höfling Oronte (David Ruland), der ihn nach seiner Meinung fragt, schonungslos wissen, was von dessen stümperhaftem Sonett zu halten sei. Als dieser verärgert vor Gericht ziehen will sieht sich Alceste in dem Bild seiner Mitmenschen bestätigt und plant genussvoll, den Prozess zu verlieren. Dabei ist er einer der hasst und ebenso kompromisslos liebt. Er entflammt für die schöne Witwe Célimène (Judith Rosmair), die im Gegensatz zu ihm mit der Gesellschaft, mit den Männern kokettiert, nicht allein sein kann und ihn doch, vielleicht, ein bisschen gegenliebt.

Van Hove inszeniert einen beeindruckend körperlichen Lars Eidinger, der sich selbst gegen die Lüge vollständig dekonstruiert, sich bis ins Rektum mit Lebensmitteln beschmiert und in mitreißender Rage ein Bühnenbild aus dem Inhalt von Müllsäcken erschafft. Bestechende Tiefenschärfe im sozialen Morast. Das zunächst als Schwäche der Regie diagnostizierte Gefuchtel mit Apple-Produkten erhält im Kontrast des Gestanks seine Daseinsberechtigung, wird zum gewollten und gekonnten Sinnbild im Jetzt. Die Erschütterung wird fühlbar wenn er schreit hier hast du mein Herz, einer, der fällt nachdem ihm das einzig Geliebte genommen scheint.

Die Vorlage Molières aus dem 17. Jahrhundert lässt perpetuierte Rollenklischees, die schöne Unstete und der aufrecht Liebende, vermuten. Dennoch gelingt es der Inszenierung, auch von Célimène ein tiefgründiges Bild zu zeichnen, dass letzten Endes ihre klatschhafte Koketterie als Angst vor Einsamkeit enttarnt. Und das macht sie nicht zur Frau sondern zum Menschen, gleich den Männern, die Alceste umgeben.

Das Ende: ein verzweifelter Kuss. Ihr fehlt der Mut um durchzubrennen, ihm fehlt die Kraft zu bleiben. Ob er allein geht bleibt offen.

Vor drei Jahren hat van Hove den Menschenfeind bereits in New York inszeniert. Es scheint ihn eine besondere Faszination zu treiben, es wieder und diesmal in Berlin zu tun („ein heiliger Ort für Theater“, wie er findet). Im Interview mit der zitty gibt er folgende Erklärung: „Molières Dramen sind Sozialdramen, sie handeln von seiner Gesellschaft und gleichzeitig von der unseren. Seine Typen sind Metaphern, Figuren, die uns über das Heute nachdenken lassen.“ Dafür und für die Liebe darin beste 120 Minuten.

[Bild: Schaubühne]

Freitag, 17. September 2010

Peppermint Tea and Pink Balloons

Wenn ich die Wohnungstür aufschließe, muss ich noch immer Kisten zur Seite schieben und über Farbrollen steigen. Währenddessen gruppiert sich der Soundtrack einer Stadt um mein Wohnzimmerchaos.

Ein Zuhause im Prenzlauer Berg, das in sanftes Licht getauchte Schaufenster einer Stadt aus Hässlichkeit und kreativen Glanzpunkten, Kaputtem, manchen Konstanten und dem Unzählbaren, das ständig neu entsteht. Rechts von mir der Kollwitzplatz mit seinen bunten Samstagen für Bio-Eltern, die Vintage zu Designerpreisen erstehen. Links der Mauerpark für Karaoke nach dem Katerfrühstück und die Ader der Realität, die Schönhauser Allee, erholsam ehrlich mitten durch das plastische Paradies. Alles in allem ein großes Herz für meinen Kiez.

In den ersten 48 Stunden belustigt durch die Frage, ob der Konsum von Club Mate in der Tram zur Arbeit mich zum Hipster stempeln würde, ist das Sujet längst in den Hintergrund getreten, schließlich beinhaltet die 0,5l-Glasflasche feinstes Koffein. Die Zweitrangigkeit des Anderen im Subtext.

Am vergangenen Wochenende besonders von Nöten, hielt die Berlin Music Week doch unter anderem eine neue Art der Pop-Queen bereit, die sich nicht ausschließlich musikalisch, sondern vor allem der Performance wegen Zeilen verdient. Wenn Robyn auf der Bühne eine Banane verspeist, so tut sie dies gekonnt unlasziv und schleudert den Rest der Frucht mit vollem Mund in ein tanzendes Publikum. Diese Frau traf die richtige Entscheidung, als sie sich von ihrem Major Label trennte und im selben Moment aus dem Schatten populärer amerikanischer Pop-Girlies trat.

Im Übrigen begleitet mich seit einigen Tagen ein Lied des Norwegers Thomas Dybdahl auf Schritt und Tritt, die Stadt ist laut und manchmal gedämpft, fast still, between peppermint tea and pink balloons. Abgesehen vom Regen in Bindfäden hege ich Verliebtheiten für beinahe Sämtliches.

+ to read: Der Schwarzersche Kanal // derFreitag

Dienstag, 3. August 2010

Raindrops and White Dresses

The space between what's wrong and right, zwei Finger breit und in Spielfilmlänge, keine Fragen mehr, nur Antworten, die ihre Gültigkeit im Vorbeiziehen verlieren.

Ich bin einstweilen vor Ort, um das Bild einer deutschen Frau aus den Angeln zu heben - und bleibe als solche zurück, in reverse, nasse Haarsträhnen kleben an meinem inneren Auge - it always happens to us. Während Pläne über mehrstöckige Hochzeitstorten und Immobilienkäufe meiner Generation präsenter zu sein scheinen als erwartet, behalte ich Stunden für mich, die jedes weiße Kleid ersetzen. Wieder Regen über der Stadt, fliehende Familien mit Einweggrills und Kinderwägen, über die sich die Atmosphäre der Nacht legt. Neue kühle und klare Luft auf einem Bahnsteig, der Definitionen des Moments in Telekommunikation verwässert.

Das Reale, Greifbare findet seinen Platz jenseits der halsbrecherischen Versuche, Gefühl zu kategorisieren, Immobilien und Hausfrauenträume als Streben nach der leeren Versprechung von zertifizierter Gewissheit - es scheint, als gewänne die Vernunftehe wieder an Salonfähigkeit.

Aus Vernunft werden Universitäten mit Exzellenzprädikat besucht, emotionslose Wertgegenstände angehäuft und in Schatzkisten auf dem dritten Brett einer Biedermeier-Schrankwand verstaut, versteckt vor der Aussichtslosigkeit des Unterfangens, sich die Unaufgeregtheit schönzukaufen. Die Risiken und Nebenwirkungen verbieten Liebeshochzeiten.

Ich ziehe es vor, mich mit der Hauptstadt zu verheiraten und mit der Erinnerung an das Fingerspitzengefühl eines Moments, der sich Kategorien verweigert. Polygamie mit Unileben, Buchstaben auf Bildschirmen, Liedtexten, Cappuccinos und mir, nur wenige unmögliche Verbindungen. The answers aren't so easy to find, the questions will have to do. So lange keine Antworten, die Denkprozesse abstumpfen aus Apathie. Wenn die Zahl der Antworten die der Fragen überwöge würde ich nicht mit einem Glas Weißwein neben der Tastatur auf die Dächer Berlins blicken und schreiben, aus Mangel an Stoff, der ein Kleid aus Worten verdiente.

+ Soundtrack: Lindsay Harper // All Over Me

Freitag, 16. Juli 2010

Achtung, es bewegt sich

Szenen auf der Autobahn, müde Augen nach zerredeten Nächten, zerknautscht, zerliebt. Ein heftiger Regenguss zwischen Amsterdam und Brüssel, den Geschmack von lauwarmer Cola auf der Zunge, im Radio läuft Lemon Tree.

Der süße Hauch der Unmöglichkeit zwischen zwei Enden der Welt verbindet sich mit dem Lippenstift am Rand meines Weinglases in der Dämmerung, Erinnerungsaustausch via jpeg-Daten in einer europäischen Nacht vor dem nächsten Abschied. The four of us, die vor vier Jahren zwischen den Kronen der Brisbane Skyline von Freiheit träumten, nun auf vier Sitzen eines gebrauchten Opel Astra, ein Roadtrip über Freundschaft und Fantasien, Exzess und eigenen Ethos.

Ein Augenpaar, das in Nahaufnahme verbleibt, mich ungläubig blinzeln lässt - vier Jahre zwischen zwei Herzen, ein Wimpernschlag in der Zeit.

Für mich ein Abschied auf der Laderampe eines Transporters, mein Heidelberger Leben in Kisten verstaut und auf dem Weg nach Berlin, ein Stück Vergangenheit und ein Stück neues Jetzt als Wegzehrung.

Sag, magst du was du siehst // oder siehst du was du möchtest // siehst du, was du möchtest // hält nicht still, es dreht sich // hältst du es aus oder hältst du es an // hältst du es klein - vergeblich // halt dich raus oder halt dich fest // Achtung, es bewegt sich.
Wir Sind Helden - Für Nichts Garantieren

+ soundtrack: The Dø - The Bridge +++ Wir Sind Helden - Labyrinth +++ Beau Young - Just a Memory

Freitag, 2. Juli 2010

Falsche Wimpern


Es riecht nach Chlor und zerlaufener Eiskreme, knappe Kleidung in erster Linie zur Aufrechterhaltung der Körperfunktionen bei 30 Grad im Schatten, nachrangig zur Förderung von Sexismen.

Vor kurzem versuchte das SZ-Magazin glauben zu machen, dass Pornoqueens als Feministinnen von heute gelten wollten und die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte dabei bereits zu großen Teilen zunichte gemacht wären. Charlotte Raven schreibt von einer neuen Wortschöpfung, Femizissmus, der Kreuzung von Narzissmus und Feminismus, die uns empört aufhorchen lassen soll, die gute alte Zeit in höchste Höhen lobend, die Gegenwart in Sack und Asche. Die sexuelle Freiheit als Errungenschaft sei zum Zwang geworden, die Schwestern von einst als Gegenspielerinnen im Kampf um Schönheit, Anerkennung und maximale Vielfalt im Sexleben, oversexed and overfucked. Persönliche Bedürfnisse träten zu Gunsten eines höheren Erzählwertes ausgefallener Praktiken zurück, Frauen machten sich mit falschem Stolz auf Bartresen tanzend zu den Püppchen einer machoesken Gesellschaft. Das Szenario von sich selbst zu Objekten stilisierenden Weibchen ist dabei ebenso schockierend wie Ravens soziale Wunschvorstellung:

"Wir würden auf die falschen Wimpern einer Katie Price pfeifen. Wir würden unsere Lust an der Missionarsstellung mit dem Menschen neben uns im Bett wiederentdecken. In jeder Sphäre unseres Lebens wären wir frei genug, uns für die Normalität zu entscheiden."

Mit frisch gekürztem Schopf, dessen Spitzen an manchen Stellen keine zwei Zentimeter über die Kopfhaut ragen müsste ich es angesichts dessen bedauern, dass mein Deckhaar keinen Lockenwickler mehr zu fassen vermag. Ebenso ist der Schluss zu simpel, die Brüste einer Frau, die ihre Objektivierung zur Vollkommenheit gebracht hat, als bedauernswerte Idole der "Modernen Frau" zu betrachten. Die überzogene Sexualisierung heute aufwachsender Teenager ist nicht mit Texten zu bekämpfen, die nach Lippenstiftverbot klingen - und berechtigt erscheint auch die Frage, wie Charlotte Raven zur Bedeutung der Missionarsstellung in Bezug auf die männliche Dominanz in Schlafzimmern steht. Der Hauch eines zur Untermauerung schwarzweißer Thesen unbedingt gewollten Widerspruchs schwebt zwischen den Zeilen, des Widerspruchs zwischen Weiblichkeit und Feminismus, der sich bei genauer Betrachtung ebenso unbedingt verflüchtigen muss. Intelligente Weiblichkeit kennt keine Parallelen zu Frauen im Katie-Price-Format und bildet den gesünderen Kontrast zu kosmetischen Vaginaleingriffen als eine versuchte Bekehrung zu halbhohen Küchengardinen, Synonym für altbewehrte Verhältnisse der Intimität.

Bye-bye Sisterhood titelt das Missy Magazine zum selben Thema - mit wesentlich interessanteren Ergebnissen. Das Problem wird weniger in der vermeintlich sträflichen Abkehr von gesellschaftlichen Konstanten als in mangelnder weiblicher Solidarität verortet. Der Druck auf fünfzehnjährige Mädchen, das krasseste, interessanteste und freizügigste Leben führen zu müssen könnte wesentlich geringer sein, wenn ihnen von Frauen zwischen 20 und 30 nicht ein unerbittliches Konkurrenzprinzip vorgelebt würde. Der persönliche Erfolg, der für viele das Selbstverständnis bestimmt, wird ohne Rücksicht auf männliche oder weibliche Verluste angestrebt während frau dem Feminismus Gestrigkeit bescheinigt, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, überkommene gesetzliche Regelungen wie die des Ehegattensplittings und allem voran ihre Mitstreiterinnen ignorierend. Der Wunsch ist naheliegend, sich bei all der als Freiheit missverstandenen Rücksichtslosigkeit auch in intimsten Sphären übertreffen zu wollen - rücksichtslos nicht zuletzt gegenüber sich selbst.

Das Symptom Femizissmus trägt einen realitätsnahen Kern - und doch kann die so beschränkte Freiheit nicht mit der Norm gleichgesetzt werden. Weibliche Freiheit liegt vielmehr darin, die eigenen Normen selbst zu setzen. Sie zu verwirklichen bedeutet, sich ihrer Mängel bewusst zu werden.

Nachtrag.
Letzte Tage in Heidelberg zerrinnen unterdessen klebrig wie einst gefrorenes Schokoladeneis, die Melancholie eines ersten Abschieds zu kitschigen Gitarrenklängen im Sonnenuntergang. Vorboten Berlins irgendwo auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Amsterdam, Vorfreude und deutlich mehr Nostalgie als erwartet.

+ Soundtrack: Kate Nash // I Hate Seagulls +++ The Whitest Boy Alive // Above You

Dienstag, 1. Juni 2010

impressions to go

Ein auf meinem letzten Streifzug durch Hamburg abgelichteter Samstag in einer Stadt mit vielen Impulsen und alten Arroganzen. Zumal meine Fingerspitzen on the road flinker auf dem Kamerauslöser sind als auf der Tastatur, verzichte ich für den Moment bis auf einige Hinweise auf weiteres Textwerk.

to read: +++ "Immer mehr Frauen ernähren ihre Familien" // die SZ zum Familienreport 2010 +++ "It takes courage from women not to shy away from important responsabilities" // L'Europe en blogs auf blogs.arte.tv zur Frage "Wie macho ist die EU?" +++ "Gewaltige Unterschiede" //bildblog.de zum vermeintlichen Anstieg der Gewalt gegen Polizisten +++

soundtrack: +++ The Whitest Boy Alive // Intentions +++

Samstag, 22. Mai 2010

like a man

An einem verregneten Heidelberger Nachmittag erzähle ich manchmal sogar Liebesgeschichten. So wie diese, deren Ausgang ungewiss bleibt, die die Frage offen lässt, ob die Selbstbestimmtheit unbequem macht. Ich neige dazu, sie manchmal begraben zu glauben, die Zeiten, in denen Männer mit wiegenden Hüften und vollen Kussmündern erobert waren, die Hüften breiter und die Bierbäuche voller wurden, im Laufe der Ehe. Im Laufe der Zeit sitzen wir heute vor Laptops, Smartphone-Screens und an Bartresen, frei, individuell, mutig und missverstehen in unserem Streben nach sozialen Sicherheiten, dass Liebe, das Wort, das mich zaudern lässt, bevor ich die Buchstaben aneinanderreihe, nicht Besitz bedeutet.

Die vier Damen aus New York, die einst antraten, der breiten Masse zwischen Cocktailgläsern, leicht und amerikanisch, die Emanzipation sexueller Beziehungen in Technicolor zu erklären, scheitern letzten Endes - bis auf wenige Ausnahmen - an widersprüchlichem Gefühl und daraus resultierenden Besitzansprüchen. Sex like a man, das episodisch proklamierte Ziel nach dem Scheitern einer weiteren vielversprechenden Bindung, zerbricht an der inneren Paradoxie, die dem weiblichen Part die Gefühle und dem männlichen die animalische Kälte zuschreibt. Trotz dessen wurde, cheers, Carrie Bradshaw vom britischen Guardian zur feministischen Ikone des letzten Jahrzehnts gekürt, der es ungeachtet der eigenen Slogans nicht gelingt, ein Dasein abseits der Torschlusspanik vorzuleben. Die Krux liegt in dem die Geschlechter stigmatisierenden Mythos, in dem Frauen ihr Herz an Männer verlieren, deren emotionales Engagement sich auf Hotel- oder Schlafzimmer beschränkt. Carrie und ihre drei Freundinnen vermitteln ein Frauenbild, das sich zwar in seiner Fortschrittlichkeit von der übrigen Serienlandschaft abhebt - und doch bleiben neunzig Prozent der Botschaft süße Nebensächlichkeit und ein zurückbleibender Hauch Unverständnis.

Von Bildschirmen losgelöst geht es nicht um Abkehr von altbewehrten monogamen Lebensformen, lediglich um Toleranz bezüglich der Schattierungen von Herzensrot, und abseits des kühlen Klischees macht ein Lied, ein Satz, ein gemeinsamer Blick ins Morgengrauen - Gefühl - den Moment zu mehr als einem Wimpernschlag zwischen Laken. Unabhängig davon, ob daraus gemeinsame Einfamilienhäuser erwachsen. Sowohl der soziale als auch der Respekt vor sich selbst werden stereotype Stammtischbilder von naiven Flittchen in die Vergessenheit befördern, die ihnen gebührt, auch wenn sich die Blicke nach dem einen Morgen nicht mehr kreuzen. Selbstbestimmtheit macht Beziehungen vielleicht unbequemer und führt mit Sicherheit Besitzansprüche ad absurdum. Die Kunst, aber vielleicht nicht das Ziel ist, dass es trotzdem funktioniert.

+ soundtrack: bonnie "prince" billy // strange form of life

Sonntag, 9. Mai 2010

Prachtburschen

Zur Zeit lebe ich an einem Schreibtisch übersäht mit Teebeuteln, Aschenbechern und vereinzelten kussroten Stielen von Cocktailkirschen zwischen dem Papier. Mich erreichen höchstens Fetzen von schwarzgelben Toden in NRW und ein Stück Polizeiruf für einen Rest Sonntagsgefühl, das Wochenende weitestgehend bedeckt, grau meliert. Gezwungen, meinem Studentinnendasein mit Bibliotheks- und Schreibtischaufenthalten Rechnung zu tragen bekomme ich bei einem Abendessen erklärt "you can work hard when you're young and play hard when you're old // or you play hard when you're young and for the rest of your life try to achieve what you could have while you where young." Eine der wenigen Lektionen eines Amerikaners in the army über die Träume der Gründerzeit, die neben dem Schwur auf die Flagge als Teil eines anerzogenen Nationalismus noch immer auf Lehrpläne gelangen.

Nach einem Tag in der Bibliothek arbeite ich, spiele ich gleichzeitig mit meinem virtuellen Kind, Amerika ohne Cocktailkirschen für Sonntagnacht.

+ to read: Fear Itself // die NY Times zu Folgen und Utopien der Beinahe-Bombe am Times Square - "...this incident as yet another excuse to weaken the rule of law and this country’s barely recovering reputation"

+ soundtrack:
Simone White // Great Imperialist State

Freitag, 30. April 2010

about: showrooms.


"Und ich verlangte sehnlichst danach, nun endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten." Hermann Hesse // Demian

Zitate zum Abbruch alter Zelte zwischen Klausuren und Alltagswahnsinn. Kurze Lichtblicke eines ruhigen Moments aus Milchschaumkronen inmitten von Fallbüchern und Prüfungsschemata und zu wenig Zeit, um die Eindrücke der vergangenen Tage und Wochen in Worte zu gießen.

In der Kürze daher nur ein Hinweis auf das Café Endlager in Stuttgart, dessen Eröffnungsfeier am vergangenen Sonntag, in toxisch grünes Licht getaucht, zu wärmsten Weiterempfehlungen bewegt. Bis zum 9. Mai dauert die Ausstellung unter der Leitung von Ralf Schmerberg in der alten Teppichgalerie // Eberhardstr. 65. Meuterei im Atomkraftwerk, politische Kunst at its best, Anti-AKW-Bewegung, Tschernobyl-Opfer, gesellschaftliche Vergiftung in Fotografie, Malerei und Film - in meiner Erinnerung untermalt von Walter Mossmanns Lied vom Lebensvogel. Hingehen.

+ to watch: Beitrag zum Café Endlager im ZDF
+ soundtrack: Midlake // Children of the Grounds

Montag, 19. April 2010

Zensursula won't do

also muss der Mann ins Netz, beziehungsweise die Frau. Derjenige welche oder ein momentan bester, eine Schöne, die Freundin oder Herr Wunderbar. Keine vierundzwanzig Stunden zurück im Süden lasse ich das blutsaugende Internet Statusupdates diesen Kontexts vorübergehend vermissen während die Thematik in ihren Facetten, aufgegriffen von Teresa Bücker (flannel apparel) bei der re:publica erst tropfenweise in meine Fingerspitzen sickert, dezent weißweingefärbt.

Wir konstatieren, dass Zensursula, und alle so yeeaahh und vergleichbare Twittertrends gedankliche Regungen von wenigen Sekunden erzeugen und in der Weite des Netzes nach dem ersten Hype klanglos verhallen. Was wir auch respektive noch mehr lesen wollen sind kleine Geschichten über alltägliche und große Gefühle, Herzinput neben dem overflow an hartem Fakten - und ich spreche nicht von Detailberichten aus Schlaf- und Wohnzimmern, von Bartresen oder dem letzten Streit bei Ikea. All das lässt uns mehr peinlich als berührt vor Bildschirmen verharren, wie Teresa Bücker anmerkte, in 140 Zeichen dem Urbild enthoben lesen wir hingegen geschriebene Kunst, die das Leben so, nur in eben diesem Urbild zeichnet.

What is privat, what should be public? Weiter gefasst hat der Journalist, Autor und Blogger Jeff Jarvis in einem nach US-amerikanischer Manier rhetorisch brillanten Vortrag seine Thesen zu privacy, publicness and penises dargelegt, die ich im Angesicht der epischen Breite ihrer Folgen in aufgeworfenen Fragen skizziere.

+ why is the privat privat? what should be public?
+ if privacy isn't the issue, is it control?
+ anonymity = anarchy ? // identity = shame?


Wenn ich nach vorgeschalteten Überlegungen oder begründeten Überzeugungen auf einer zeichenhaft der Realität enthobenen Erzählebene mit meinem Erleben einer sexuellen Beziehung das Netz und meine Identität darin anreichere, kann das aus literarischen sowie Gründen der Selbstbestimmtheit über die von mir preisgegebene Information für mich als in diesem Sinne Handelnde nur Gegenstand einer Diskussion sein, deren Ausgang in eigener Vergangenheit bereits ausgefochten ist. Für den Betreffenden fängt diese möglicherweise erst an. Aus den verschiedenen Varianten Partner im selben sozialen Netzwerk // in einem anderen Netzwerk // offline und dessen eigenem Umgang mit Beziehungen im web ergeben sich spezifische Formen der Konfrontation und des Missverständnisses.

Dennoch. Wir brauchen Gefühl im Netz für dessen kreative Kontinuität, die den oder die Betreffende_n durch literarische Anonymisierung Persönlichkeitsrechte erhalten lassen. Liebe und Enttäuschung, zwischenmenschliche Begeisterung, Verwunderung, Abneigung - ein einzelner Moment in seiner Konsistenz gewinnt gegenüber der Flüchtigkeit politischer und gesellschaftlicher Tagesaktualität. Wir sollten und werden eine jeweils eigene Definition unseres Kerns besitzen, dessen Inhalt die Schaufenster von Twitter und Facebook nicht erblicken wird. Und sollte diese Definition dem zukunftsperspektivischen Wandel unterliegen, stelle ich gern Jeff Jarvis' Gegenfrage.

+ everyone has his or her own embarrassing stuff on the internet - so why is it embarrassing?

Samstag, 17. April 2010

Ein Abend und eine Nacht am Alex

Berlin, Sonne, 18° C, Kaffee, Kippen und eine lange Nacht. Es ist still hier gewesen, call it produktive Ruhe vor dem nächsten Sturm. Die Hauptstadt hält mich auf ein Neues fasziniert in ihren Fängen, ein Abend und eine Nacht am Alex, dazwischen nerds and the net, feminism and fashion, Fotos und Informationsoverflow bei der re:publica 2010 und den Berlin Press Days.

Begeisterungswürdige FW2010-Kollektionen von Kaviar Gauche, Nina Peter und J Dauphin, überbordende Strickmäntel und ein zwischen nude und creme verirrtes Print der späten 70er created by lala Berlin.

Kaviar Gauche wartet auf mit kreativer Klasse und einem Kick aus rock 'n roll, in Form der Schuh-Kollektion für Görtz werden auch Frauenfüße mit Nieten dekoriert. Von meiner ruhigen Gastwohnung im Schlaraffenland für fair gehandelten Kaffee und stolze Väter in Skatershirts und Gesundheitsschuhen aus gewinnt die Nietengarnitur des Inbegriffs industrieller Weiblichkeit, dem Heel unter meiner Ferse exponentiell an Überzeugungskraft. This winter it's gonna be red lips and femininity with iron crowns.


Kaviar Gauche

lala Berlin

lala Berlin

Nina Peter

J Dauphin

Noch 24 Stunden Berlin die ich aufsauge, zarte Sonnenstrahlen und sunglasses at night, nächstes Mal bringe ich mein Bett mit. This time no worries, please. I'll be back.


Montag, 1. März 2010

The Starbucks People

Einen Tall Cappuccino, drei Euro. Gleichgültig, ob man beim Verlassen der gedämpft burgunderfarbenen Sessel aus falschem Samt den Hackeschen Markt oder die verschlafene Fußgängerzone eines Sonntagmorgens in der Provinz vor Augen hat. Hier, fünfzehn S-Bahn-Minuten von Stuttgart entfernt erscheint mit neuem Starbucks Coffee ein lässig gebräunter Tresenjunge Karim wie eine Packung globalisierter Oreo Cookies zwischen Butterkeksen und Werther's Echten Karamellbonbons. Und eine kühle Anonymität, der die wenigen durchgestylten Quadratmeter ein erstes Zuhause bieten.

Hey, Küsschen, Küsschen. Bei Karim ist alles gut, easy, und heute sowieso - erzählt er der entspannten Mittdreißigerin neben mir während er gähnende Langeweile aus perfekt geformtem Milchschaum in meinen Pappbecher gießt. Niemand ist nicht allein hier an einem Sonntagmorgen und keinen davon habe ich je zuvor gesehen. Ist Starbucks der neue Hort für Einzelgänger der Kleinstädte, die Zuflucht vor neugierigen Blicken über halbhohe Küchengardinen? Ist die oberflächliche Gemütlichkeit zum Mietpreis einer kostspieligen Koffeindosis Nährboden neuer Einsamkeit oder die Chance auf lebensnotwendiges Alleinsein - auch in der Öffentlichkeit? In einem Selbstversuch flirte ich zaghaft mit der Anonymität offener Perspektiven in Begleitung eines lauwarmen Lifestyleobjekts, verwegene Frühlingsluft um die unsichere Nase, nur einen coffee to go von der Grenzenlosigkeit entfernt.

[Bild: brokencitylab.org]

Mittwoch, 3. Februar 2010

You wish, bitch.

Über "serielle Monogamie" und deren Folgen für "Koitus-Frequenzen" erzählt ein Artikel der Süddeutschen, der die Existenzängste des Beate-Uhse-Konzerns mit Bildern von Sexshops der Zukunft verknüpft. Neben Designern, die beschäftigt werden, um Sexspielzeug für Wohnzimmerregale zu gestalten verbreitet das Fazit Untergangsstimmung für die gesamte Branche: die Gesellschaft entziehe durch den wachsenden Trend zu sicheren, andauernden und gemessen an ihrer Zeitspanne enthaltsameren Beziehungen der Sexindustrie ihre Grundlage.

Vage Vermutungen, inwiefern die schwarzgezeichnete sexuelle Aktivität in abgesicherten Partnerschaftsmodellen von dem Mystizismus über Frauen, die zu Akten der Begierde gebeten werden müssen, eine einschlägige Prägung erhielt. Dass der Umgang mit weiblicher Sexualität jedoch nach wie vor in den Kinderschuhen alter Konventionen steckt, war vergangene Woche bei der Mädchenmannschaft zu lesen - wohlmeinende Ratschläge, die Mädchen vor überhasteten Erfahrungen warnen während in den Ecken des Schulhofes heranwachsende Jungen Tittenhefte tauschen, stecken ein undurchsichtiges Territorium ab, in dem offene Worte unter Freundinnen über empfundene Lust in scheuer Ignoranz verhallen. Wenn die sechzehnjährige Patrizia in der FAZ über den Sex in ihrer Fernbeziehung Dinge sagt wie "jetzt in diesem Zeitraum müssten wir dann langsam mal", um Worte für den Druck zu finden, der auf ihr lastet, so ist dieses Empfinden angesichts der gesellschaftlich gestifteten Verwirrung seltsam verständlich.

"X - Porno für Frauen", ein Buch, welches weibliche Akzente im maskulin dominierten Porno setzen und alles gelten lassen will, was Sex ausmachen kann, könnte dazu gereichen, anerzogener Prüderie und weiblicher Objektivierung erste Risse zuzufügen. Es könnte eine Anleitung sein zu mehr Fantasie und ein Lexikon, um überkommene Verschwiegenheit in Worte zu fassen - Abenteuer fernab einer Jugend, in der Jungs die Größe ihrer Schwänze und die Anzahl der Pornoclips auf ihren Computern vergleichen während Mädchen von der Bravo lernen, dass es wehtut beim ersten Mal und wie weit der Weg ist zu einem Höhepunkt. Die übermächtige Kongruenz der Realität mit Erfahrungsberichten von Dr. Sommer suggeriert, dass das Lustempfinden eines Mädchens zunächst aus tiefem Schlaf geweckt werden müsse, Schneewittchen on repeat während Malte Welding zu lebensnahen Erklärungen ansetzt:

"Jugendliche onanieren seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wie die Wahnsinnigen. Mädchen treten in den Club der großen Wixer erst ein paar Jahre später ein (übrigens ein Grund dafür, dass das erste Mal oft für beide so unersprießlich ist – der Junge ist gewöhnt daran, so schnell wie möglich abzuspritzen, damit niemand etwas mitbekommt, das Mädchen hat noch gar keine Ahnung, wie es zum Orgasmus kommt) und haben aus verschiedenen Gründen ein eher laues Interesse an Pornographie."

Das laue Interesse wird mit vorherrschenden Bildern von Frauen, die möglichst viele Schwänze in sämtlichen Körperöffnungen auf die Leinwand und die eigenen Wünsche im Hinterkopf tragen, für manchen einfacher zu verstehen. Diese Wünsche kennenzulernen liegt in den Händen der Einzelnen - ebenso die Hoffnungsschimmer auf einen ungezwungenen gesellschaftlichen Umgang mit der Thematik. Oversexed von intermedialer Fleischbeschau weicht oberflächliche Abgeklärtheit in den Tiefen eigener Empfindungen einer Sicherheit des Schweigens. Mädchen haben Liebe zu wollen und Männer Sex, dabei wollen alle alles. Und womöglich auch noch gleichzeitig.

read more: +++ Lust für Frauen // Buchbesprechung von "X - Porno für Frauen" bei der Mädchenmannschaft +++ Autorin Erika Lust im Interview bei Blank +++ "Den Frauen Vokabeln für Sex geben" // Interview der Frankfurter Rundschau mit Benoite Groult +++

[Bild: ibaiacevedo.com]

Montag, 1. Februar 2010

Endlosschleifchen

Die sibirische Kälte in Begleitung von dichten Schneeflockenwirbeln tastet sich mit scharfer Zunge von Berlin Richtung Süden. Gefrorener Überdruss und grauer Matsch neben eisigen Bürgersteigen, die ich sitzend auf Plastiktüten zu passieren empfehle. Der Sexappeal der Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aus rosigen Wangen und ersten Spuren im Neuschnee erschöpft sich mit andauernder Unwirklichkeit auf den Straßen.

Zu bemitleiden im Angesicht tiefhängender Winterwolken sind die Mädchen der elitären Pi-Phi-Schwesternschaft an der US-Universität Cornell, die in Seidenblusen durch Schneewehen zu stolzieren versuchen - ihren Dresscode hat die Süddeutsche am vergangenen Wochenende abgedruckt. Nachdem das modische Erbe eines Freiherrn zu Guttenberg hier in Diskussionen über Stilurteile brandete, werden am Beispiel der Bleistiftröcke aus Cornell manche Hintergründe selbst- oder fremdverordneter Uniform im Detail spürbarer: es ist die abenteuerliche Mixtur aus ungehemmtem Opportunismus und tradierten Geschlechterverhältnissen, die dem Einheitskleid anhaftet. Die äußerliche Verschmelzung von Frauen mit dem Profil nice and neat, das kultivierte Korsett für nuancenreiche Weiblichkeit, wird meinen Kleiderschrank nicht streifen.

Restlichen Eisbrocken verabreiche ich ansonsten Tee und ein bisschen Nouvelle Vague - Marian in Repeat-Schleife als angemessenes Abendprogramm.

[Bild: Martin Richter // zeit.de]

Freitag, 29. Januar 2010

Die Bettkante für britpop boys

Auch sechs Tage nach Ende der Fashion Week in Berlin löst sich der inhaltliche Knotenpunkt nur stockend. Debatten über die Existenzberechtigung der Hauptstadt als Modemetropole, die Rolle des Diskurses in der Blogosphäre und die gebotene Kost für hungrige Konsumenten halten mich und das Netz in Atem, noch immer, ein wenig. Nach nervenaufreibendem Waten durch gewohntes Schneetreiben, Absolvieren des Universitätsalltags und ausgiebiger Textproduktion für das Missy Blog komme ich an einem Freitagnachmittag vor dem Laptop langsam zu Kräften - neue Formen des Winterschlafs, aus denen man am Ende der Woche mit müden Augen erwachend aus dem Fenster blickt.

Tanzen. Bei den ersten sanften, sektperlenden Berührungen einer Jugend mit dem Nachtleben verkehrte man vorwiegend in vereinzelten süddeutschen Kellerclubs, in denen für fünf Euro die im wesentlichen mit Gitarren ausgestattete Indie-Avantgarde den Sound für Teenierebellionen zum Besten gab. Die gute Zeit der Subkultur begann früh, mit dem Kommerz zu flirten bis eines Tages Dance with Somebody von Mando Diao die Ehe vor den Augen ihres skeptischen Publikums besiegelte. Daneben reihenweise hübsche Bübchen mit zerzausten Haaren, inthronisiert von der Musikindustrie und fitgemacht für den Trend der Masse. London als Zentrum der Macht und der stetigen Reproduktion des Britpopjungen fungiert unterdessen im selben Moment als Quelle einer neuen musikalischen Strömung, the so called wonky pop. Schräg, laut, bunt und trotzdem Pop, durchsetzt von karibischen Klängen, Rap und Elektrobeats distanziert er sich bewusst von einst Indie getauften plastic boys und nimmt damit die Clubs mehr und mehr in Beschlag.

Bezeichnend ist allem voran die Weigerung der Künstler_innen, ihre echten und exquisiten Persönlichkeiten einer Marketingstrategie unterzuordnen. Eine von ihnen, The Cocknbullkid, die ihre Musik mit sounds like crying and trying not to laugh at the same time beschreibt, erzählt den Leuten von Arte (//Tracks vom 28.01.) zwischen zwei Liedern, dass sie wohl irgendwann früher einem industriellen Ideal entsprochen hätte - schlanker und mit geglättetem Haar, das sie heute in seiner ursprünglichen Afrokrause trägt, das sei alles scheiße, sie wollte sein wie sie ist, nur für sich, hätte sie sich damals gedacht. Man glaubt ihr, wie sie auf der Bühne steht und einem Weltschmerz ein farbenreiches Kleid aus markanter Popmusik überstreift, es ist die Überzeugungskraft ihrer Authenzität. Hörproben findet ihr hier.

+++

Bevor ich mich nun dem Sog des Wochenendes hingebe noch eine Textempfehlung bei der Mädchenmannschaft - Gebt den Mädchen ihre Sexualität zurück - ein Artikel, der auf den Text von Malte Welding zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag Bezug nimmt:

"Bis heute akzeptieren wir, dass der erste Geschlechtsverkehr für Mädchen häufig mehr „naja” als „geil” ist, impfen ihnen „mach nichts, was du nicht willst” ein statt „finde heraus, was dir gefällt”, geben uns damit zufrieden, wenn der Partner verständnisvoll ist."

[Bild: The Cocknbullkid via derbyandfirst.com]

Montag, 25. Januar 2010

Worte an die Netzkultur




"Du kannst Menschen nicht etwas erklären, das sie noch nie selber erlebt haben. Die Faszination des Internet muss man erleben, um sie nachzuvollziehen." Suzy Menkes





Zwei Tage nach Ende der Berlin Fashion Week scheint es, als würde der Hype um die Modeblogosphäre mit jeder neuen Episode im Zelt auf dem Bebelplatz weiter anwachsen. Suzy Menkes, die Halbgöttin des Mediums vom britischen Herald Tribune erklärt dabei in zwei prägnanten Sätzen, warum die Großen der Branche das Netz als aktuellstes Publikationsorgan noch nicht zu schätzen lernten. Die Faszination, einen Blog zu schreiben über Mode, Politik, Feminismus und Zeitgeist habe ich vor einigen Tagen bereits versucht, in kleidsame Worte zu schnüren, Menkes bringt die Thematik auch abseits der Laufstege auf den Punkt. Im Angesicht dessen streift der Rest des Artikels in der Frankfurter Rundschau, in dem ich das Zitat fand, die Netzkultur um Blogs lediglich aus der Ferne mit zaghaften Überblicken - beschränkte Wahrnehmungen von "in kürzester Zeit durchs Netz gejagter Geschichten", in der "Schnelllebigkeit des Internet" liegt Lieblosigkeit im Subtext. Für die Autorin hat Suzy Menkes offenbar mitgesprochen.

Ein wunderbares Beispiel für das diskursive Potential zwischen Mode und Blogs gibt es seit heute bei quite contrary zu sehen: videogebloggt von Mary Scherpe (Stil in Berlin) und Timo Feldhaus (De:bug) über das Spannungsfeld zwischen Schwergewichten und jungen Kreativen der Branche, Wladimir Karaleev und Wolfgang Joop; eigenwillige Erzählformen in Kurzfilmlänge, hinter denen viele Gedanken stecken, die den Hauch einer Ahnung von der Gestaltungskraft "des Internet" vermitteln sollten.

Im letzten Nachhall der Fashion Week empfehle ich ansonsten den Pressespiegel bei LesMads - ein reichhaltiger Rückblick gespickt mit weiterem Bildmaterial sowie Informationen und Links zu den Stimmen der Zeitungen. In der Zwischenzeit werden Zelte abgebaut und Bühnen von letzten Stofffetzen geräumt, bis zur nächsten Berliner Modewoche im Juli bleibt für manchen im günstigsten Fall auch ein wenig Zeit, das Netz einmal aus der Nähe zu betrachten.

[Bild: 44Flavours // artschoolvets.com]

Freitag, 22. Januar 2010

Die Bretter Berlins

Schwere Lider vor dem Laptop, die traditionelle Freitagnachmittagskaffeetasse durch Red Bull ersetzt, Notwendigkeiten der Nachwirkung zweier wetterbedingt und von Schlafmangel durchwachsener Tage in Strasbourg. Der Herausforderung, über Europa zu schreiben - Kioskgift, übertragen auf in Klicks gemessene Aufmerksamkeit - stelle ich mich seit gestern in einer neuen Folge Stadtpiratin beim Missy Mag in einer kurzen Revue politischer Begegnungen mit verschlafenen Institutionen, neuen Ämtern und phlegmatischem Hadern mit der Frauenquote. Die Wirkung Europas für eine Stadt, der die Präsenz von Parlament und Rat identitätsstiftend und überlebenssichernd ist, liefert dabei ausreichende Argumente um europäischen Gedanken Raum und Text zu geben.

Wenn auch nicht körperlich anwesend, hält die Mercedes Benz Fashion Week mit einer schier unendlichen Verfügbarkeit bebilderter Eindrücke im Netz meine Augen gefesselt, Beeindruckungsmaschine Berlin in einer neuen Episode des Rummels um die Aufmerksamkeit der Modeindustrie. Erwachsen gewordene Mädchenträume, Substitution der rosa Lackschuhe, die ich nie besitzen wollte mit hungrigen Blicken in Richtung der Kunst des goldenen Schnitts auf den Brettern, die auch in Berlin eines Tages die Welt bedeuten sollen.

Das erste Showvideo, das ich zu Gesicht bekam, stammt von der Präsentation der hörbar österreichischen Lena Hoschek - wie Tessa von flannel apparel in einem Artikel über Luftküsse in Sepia schreibt nicht unbedingt ein Gewinn für die modische Relevanz der Schauen. Zu sehen gibt es bodenständig rote Lippen, wiegende Hüften und eine Kreuzung des boyfriend style mit biederem Landhaus-Chique - Hoschek ist nicht angetreten, neue Trends zu setzen.


Weitaus mehr Potential zum Favoriten haben die Designerinnen Livia Ximénez-Carrillo und Christine Pluess von Mongrels in Common aus Berlin-Mitte. Sie zeigen klare Linien, überzeugende Schnitte und hochwertiges Material, brechen die Strenge der Klassik gekonnt mit feinen Details wie etwa gerafften big shoulders - das Video der Show ist hier zu finden.












Effekthascherei dagegen bei der Show von G-Star auf der parallel stattfindenden Streetwearmesse Bread&Butter. In einer fulminanten Show wird die hochglänzende Daunenjacke aufgewärmt, gemusterte Strickmäntel über einem Cardigan über den Laufsteg gezerrt und die Kollektion mit ein paar Uniformelementen zementiert. Dazwischen Königsblau auf seinem Weg zum neuen Lila - Videomaterial dazu bei berlinfashion.tv.

Während ich mich mit nachlassender Wirkung eines mäßig beflügelnden Getränks weiter von ausbrechendem friday night fever entferne noch ein Hinweis auf zwei weitere Highlights in puncto Catwalk: zum einen Porn and Fashion, Silikon und nackte Haut ohne einen Hauch von Erotik bei Patrick Mohr unter dem Motto "are we shaved?"; des Weiteren ein Programmpunkt für die früheren Abendstunden, die Übertragung der Michalsky StyleNite aus dem Friedrichstadtpalast per Livestream, heute ab 22 Uhr.

Bilder: Mongrels in Common, mercedes-benzfashionweek.com

Montag, 18. Januar 2010

Das Fashion-Karussel

Spürbar beginnt es, sich zu drehen. Übermorgen - Mittwoch, den 20. Januar - ist der Tag des Auftakts für die Shows im weißen Zelt der Fashion Week auf dem Berliner Bebelplatz. Bis dahin Styledebatten, Körperkult und Programmhinweise. Für alle Interessierten, die nicht an Platzkarten gekommen sind, sei hier auf die Liste der Events ohne Einladung bei LesMads hingewiesen - eine dicke Portion Augenschmaus ist dieser Tage in Berlin auch ohne Front-Row-Abo zu haben.

Wie von mir bereits auf dem Blog des Missy Magazine zu lesen war, werden wir nach dem PR-Gag der Brigitte die gebotene Klamottenkunst auch weiterhin an elfengleichen Körperchen zu sehen bekommen - eine in der mageren Verpackung neuer Diäten kaum auffindbare neue Weiblichkeit findet nach wie vor keinen Anklang in den Ohren der Fashion Familie. Lesenswerten Input in puncto Körperzirkus gibt es jedoch weiterhin: Libby Brooks etwa schreibt in einem bemerkenswerten Artikel beim Guardian über die eigene Unvertrautheit mit lebensechten Frauenkörpern - "Women's right to choose was not meant to be about Botox".

"...how unfamiliar we have become with the familiar sight of the female form. From the cult of the Virgin Mary in late-middle ages European art to the surgically sculpted cover girls of today, the perfected female nude has been rendered the idealised aesthetic and unequivocal, aspirational norm. We live in an era of perfectability, where cosmetic procedures are marketed according to how effectively they may be executed in a lunch hour, and almost half of secondary-school girls would consider some form of surgical intervention to change the way they look."

Währenddessen sitze ich auf gepackten Koffern für einen two days trip nach Strasbourg, in Gegenrichtung des style hype auf der Suche nach gemütlichen Cafés und irgendwelchen Spuren eines politischen Europa. Das perfekte Lied für die Reise und für ein zaghaftes Katerlächeln nach durchtanzter Nacht habe ich soeben bei der Selbstdarstellungssucht entdeckt: The Kills mit I call it art. Fernab von Berlins Streben nach Bedeutung als Fashion-Metropole verlasse ich mich dabei guten Gewissens auf feinste Berichterstattung aus dem Herzen der Modeblogosphäre sowie auf zeitechte Darbietungen per Livestream.

Freitag, 15. Januar 2010

Die Dehnbarkeit des guten Geschmacks

Zum üblichen Hype der im Vergehen begriffenen Woche gesellt sich ein geklauter Lieblingsparka, reflexartige Verflüchtigung sämtlicher Entspannungsgefühle nach einer Yoga Session und die fieberhafte Suche nach würdigem Ersatz querbeet durch die so called Metropolregion Rhein-Neckar. Befremdung spätestens angesichts einer übereifrigen Verkäuferin, die sich in mir zum Ziel gesetzt hat, "endlich mal eine Heidelbergerin mit Stil" komplett einzukleiden. Das erste Jeansjäckchen probiere ich aus Höflichkeit - um danach fluchtartig die Location zu verlassen und die neue Lieblingsjacke beim Klamottendealer meines Vertrauens schräg gegenüber meiner WG aufzugabeln. Schräge Streifzüge.

Gedankenexperimente über das Studium als entscheidende Phase einer nie abzuschließenden Persönlichkeitsentwicklung im Stile des letzte Woche erschienenen Films 13 Semester. Die Story zeichnet fünf standardisierte studentische Charaktere im Dunstkreis der Uni Darmstadt und erzählt dabei von persönlicher Entfaltung und Stillstand, Sehnsucht nach der Konservierung bierseeliger Küchengemütlichkeit, Karrieren, Eroberungen und Prüfungsdruck. Im Großen und Ganzen ein Film, in dem sich jede_r aktuelle oder ehemalige Einheimische eines vergleichbaren Settings in irgendeiner Weise wiederfinden kann; dazu eine sensibel entwickelte Handlung, welche selbst die Rasterhaftigkeit der Rollen beinahe auszugleichen in der Lage ist. In Begleitung von Popcorn und Bier nehme ich gebotene Typen unter die Lupe und grinse über das Resultat: ein angekitschtes Happy End in Form einer innovativen Maultaschenbude im Herzen Sydneys und die süßliche Message á la nutze den Stil, der irgendwo in dir steckt.

Individualistische Anstrengungen während die einfachste Methode der Suche nach eigenen Wünschen und einem Ausdruck in Worten und Kleidern in den verschiedenen Grautönen der Anzüge und Bleistiftröckchen liegt, für die das Süddeutsche Zeitung Magazin in heutiger Ausgabe den aktuellen Paten gekürt und ein paar snobbige MünchnerInnen in dessen stilistischer Anhängerschaft abgelichtet hat. Ein gegelter Freiherr zu Guttenberg wird zum Vorbild einer glatten Generation businessmäßiger Opportunisten - wer das Phänomen lediglich als Symptom einer Luxusstadt im Süden des Landes zu den Akten legt, hat sich vermutlich zum Anlass des eigenen Aufbruchs gegen BWL, Jura oder Medizin entschieden und dabei bereits dem Individualismus ein erstes style statement geschenkt. Mir hingegen sind der Opportunismus, die Haupthaarpomade und gestreifte Hemden mit Tiermotiven, wahlweise Krokodil oder Polopferd, so nah wie mein Banknachbar im überfüllten Hörsaal. Der Exzellenztitel für die Universität Heidelberg bewirkt sichtbar zunächst nur deren überhöhte Anziehungskraft für Karl Theodors jungspießiges Gefolge. Das Verlangen nach eigener Sicherheit durch Anpassung wird selten durch ein Studium der Soziologie oder Kunstgeschichte gestillt, in der Geschwindigkeit des Stroms fließende Entwicklung des eigenen Lebenslaufs, Perversionen des Ich.

Visuelle Fluten von Segelschuhen, Kaschmirschals und Louis-Vuitton-Täschchen, niemals ohne die zu vollkommener Übersättigung tradierte Logoprägung, machen ein Mädchen in Stiefeln und Anorak in einer Kleinstadt mit zahlenmäßig um sich greifendem karrieristischen Dresscode für die Verkäuferin einer kleinen Boutique zum Ziel des Tagesgeschäfts. Dazwischen unsichere Arroganzen, denen eine kapitale Einsicht fehlt: no-one's gonna love you for your Timberlands, honey. Weil die Natürlichkeit eines einzigartigen Stils das i-Tüpfelchen ist für die Betrachtung urbaner Szenerien aus dem Straßencafé. Und sollte mein Auge dabei ziellos zwischen den Rucksäcken der Touristen und zertretenem Businesschic hängenbleiben, gibt es glücklicherweise die streetstylebloggenden Lieblinge Stil in Berlin und Konsorten um Balsam zu spenden gegen zuviel der konservierten Tradition.

[Bild]

Donnerstag, 14. Januar 2010

Stuck up with colours

Now boys play with pink girls at the break
See they're not blindly stuck up with colours
And girls like to run with boys
In the muddy school garden
And pick up frogs and worms
From the generous earth

The Dø // Playground Hustle



Textfetzen aus dem Kopfhörer in der Bahn und dank Prosieben ein paar Häppchen des alten Girlieschemas in einem Format, das Innovation ebenso weitgehend vermissen lässt - dürftig kaschiert von schwarzen Rändern verheulter Wimperntusche. Zu mehr als Nudeln mit Pesto bin ich ohnehin nicht in der Lage, mehr Text von mir findet ihr bis morgen auf dem Blog des Missy Magazine.

[Bild]

Donnerstag, 7. Januar 2010

weil es mich süchtig macht

Vielleicht war Twitter die Einstiegsdroge. Während mein Blog in seinen ersten Zügen langsam Konturen annahm tippte ich mich durch die Online-Registrierung, Einspeisung einer Biographie in 140 Zeichen. Spätestens an diesem Punkt wird klar, wie viel zu gut die Kürze funktioniert; dazu kommen ein Twitterfeed auf dem Blog sowie die stetige Befüllung meiner Timeline mit interessanten Menschen und dem latest crush der Nachrichtenwelt, personal entertainment neben Information und Selbstdarstellung. Erst das Mikroblogformat, mit jedem Tweet wachsender Ausdruck einer Netzpersönlichkeit, das mich an sich gekettet hält, macht die Stadtpiratin und mich unzertrennlich.

Mit einem kleinen Lächeln denke ich manchmal an meine Zugfahrt Hannover-Heidelberg im letzten Juni, der Weg nach Hause von den Jugendmedientagen 2009. Ein Bekannter hatte mir damals die Anmeldung ans Herz gelegt, könnte ganz interessant für mich werden, meinte er. Im dreitägigen Programm vor Ort fand ich mich umringt von Massen angehender AbiturientInnen, deren Zukunftspläne in Erzählcafés, Workshops und beim Mittagessen eingehend erörtert wurden, von den Referierenden "die Mutigen" genannt, ambitioniert in Richtung eines Publizistik-, Medienwissenschaften-, Journalismusstudiengangs und später, selbstverständlich, der Traum von einer Festanstellung "im Printbereich". Euphorische Naivität und verlorene Posten für mein bereits im Werden befindliches Jurastudium, mein kleines feines Blog und die Abstinenz eines Plans zur Eroberung von Gazetten mit dem eigenen gedruckten Namen.

Während viele verzweifelt ihre Fingernägel in das zerfallende Fleisch einer Illusion graben, ihren Namen würde journalistischer Wert nur beigemessen, sofern sie ihn auf Papier anfassen könnten, hauche ich mit Texten meinem Blog in unregelmäßigen Abständen neues Leben ein, hege und pflege und gieße ihn, suche nach Worten für große und kleine Geschehnisse, die ein paar Absätze verdienen. Mein Blog ist kein Karriereinstrument, ein solches müsste ich nach anderen Spielregeln bedienen, die meine Beziehung zum Internet als liebstem Spielplatz der Informationsfreiheit das Krönchen entreißen würden - dessen Möglichkeiten all diejenigen nicht verstehen, die noch nie über Vierwände hinaus vom Gartenzaun gezwitschert haben.

In der Denke selbsterklärter alter Hasen und der durchschnittlichen social-web-Hopper ist oftmals zu wenig Platz für ein Verständnis der Blogosphäre, für Leute, die wie ich unabhängige Inhalte produzieren, Blogs mit Politiken, Kultur und Lebenshäppchen füllen - Inspirationen ohne Budget, das Honorar liegt allein in guten Ergebnissen und vielleicht ein paar Klicks. Dass es bei dieser Währung für den Netzinput nicht bleiben wird, zeigen nicht die zögerlichen Paid-Content-Versuche mancher Online-Ausgabe, umso mehr die fortschreitende Vernetzung einer Gesellschaft und die Überzeugungskraft der am schnellsten verfügbaren Nachricht. Auch ohne der gedruckten Tageszeitung den Tod zu wünschen oder ihre Zukunft in den dunkelsten Farben zu zeichnen werden sich manche realitätsferne JungjournalistInnen in wenigen Jahren nach einem gutplatzierten Online-Namen genüsslich die Finger ablecken und vielleicht bis dahin das Netz zu lieben lernen. Bis dahin wird mein kleines Pflänzchen weiter wachsen, werde ich an ihm wachsen und neue Pfade beschreiten, um mit Texten eines Tages möglicherweise Kinderzimmer einzurichten.

read more: "Heuchelei und Hilfe - Sarkozys Subventionen spalten Frankreichs Online-Medien" // Süddeutsche

Dienstag, 5. Januar 2010

forget about the good old days

Während der Mann in der Küche steht und das Essen auf dem Herd mit kontrollierenden Blicken zum Garen bringt sitze ich am Laptop und blättere mich durch Twitter, Facebook, verlinkte Artikel und das Fernsehprogramm des Abends. Der Vorgang verdiente keine aus der Reihe tanzenden Aufmerksamkeitsklicks, ginge es nicht ein kleines bisschen um Gleichberechtigung im everyday life, im täglichen Essen, Schlafen, Arbeiten, Konsumieren, Nichtstun. Was ich an meiner Situation bei genauerer Betrachtung so sehr liebe ist die Fähigkeit aller Anwesenden, das Bier für einen Abend vor der Glotze eigenhändig aus dem Kühlschrank zu ziehen, sich gegenseitig zu bekochen - wer die geringste Lust dazu hat, weitere Abfallprodukte in überfüllte Tüten zu stopfen, trägt sie zur Tonne.

In Nahaufnahme geht es um eine Auffassung des Feminismus als Forderung über die Gleichberechtigung der Geschlechter, wie ihn auch die Encyclopedia Brittanica definiert(<-Mädchenmannschaft, Das Feministische Lexikon): Feminismus steht hier für

"the belief in the social, economic, and political equality of the sexes
."

Eine klare Aussage über das, was die Philosophie sein und was sie anstreben sollte, kein Blatt Papier für Vorurteile über männerhassende Monster. Es bleibt trotz dessen ein harter Job, gegen den Subtext anzukämpfen, der in stammtischartig anmutenden Diskussionsrunden diesen wichtigen Gedanken degradiert, der auch dann nicht dahinschwindet, nachdem eine Studie beweisen musste, was vielen bereits bekannt war: Dass feministisch eingestellte Frauen dem anderen Geschlecht die gebotene Offenheit und Toleranz entgegenbringen, mehr noch, dass sie den Anhängerinnen tradierter Rollenbilder in der Unverkrampftheit des Umgangs mit männlichen Subjekten in der Regel überlegen sind.

Ich lese deshalb einen Artikel der Feministin Julie Bindel beim Guardian - am vergangenen Selbermachsonntag bei der Mädchenmannschaft entdeckt - missmutig, trotzig, mit einem wütenden Funkeln. Kein aufgeklärtes Mädchen will mehr von einer Frau lesen, die sich eines gewissen Alltagssexismus nicht zu entledigen in der Lage ist, die glaubt, der Welt erklären zu müssen, dass die meisten Männer zwar womöglich triebgesteuerte Verbrecher sind, sie aber trotzdem mit ein paar für sie annehmbaren Exemplaren etwas Ähnliches wie befreundet ist. Julie Bindel hat als feministische Homosexuelle eine einseitig angreifbare Biografie, und nicht wenige konservative Männer mögen ihr erdenklich gute Gründe geliefert haben, sie zu hassen; erschwerend kommt hinzu, dass sie sich als Journalistin vornehmlich mit sexuellen Gewaltdelikten beschäftigt. Die Bitterkeit der Erlebnisse möchte ihr das aufgeklärte Mädchen nicht absprechen, ebensowenig manche überreizte Reaktion. Und trotzdem macht mich der fehlende Weitblick trotzig wie die verstohlen glitzernde Träne, die sie an ihre vergangenen, radikaleren Tage vergießt.

Ungläubigkeit angesichts in der Zwischenzeit gelöschter Kommentare an meine Schreibe, ein undurchdachter Mangel an Verständnis für die Formen eines "zu laschen Feminismus" der die "Minderwertigkeit" des männlichen Geschlechts nicht akzeptiere, Tiraden für das Matriarchat, Scheuklappen. Dahinter Frauen, die nicht zu bemerken scheinen, wie sie im Vorbeigehen angestaubtes Inventar in Eiche Rustikal aufwirbeln, die Stammtischgeschwister zu neuen Trögen lotsen. Die die Notwendigkeit kluger, weiterdenkender Männer für den Feminismus nicht begriffen oder die entspannte Leichtigkeit des Zusammenlebens mit ihnen nicht gekostet haben.

Um der Freiheit eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses gerecht zu werden, lasse ich hinterher dreckige Teller gespült im Küchenschrank verschwinden und nehme mir ein Bier mit auf die Couch. Vielleicht sollte ich Julie Bindel eine nette gemischte WG empfehlen.

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