Montag, 7. Dezember 2009

"Einsamkeit und Sex und Mitleid"

Um der unübersehbar glitzernden, flackernden, penetrant nach Bratwurst, Crepe, Glühwein oder Plätzchen duftenden Vorweihnachtsharmonie zwischendurch klammheimlich zu entfliehen, könnte man sich die maximale Katastrophe an Heiligabend ausmalen. Brennende Weihnachtsbäume, verkohlte Gänse oder unsäglich schiefe und dabei so gutgemeinte O-Du-Fröhliche. Kleinere Katastrophen wie ein lächelndes Dankeschön an die Oma für den selbstgestrickten pinken Glitzerschal. Reifungsprozesse neigen dazu, von Großeltern über Jahre hinweg unbemerkt zu bleiben.

Man könnte auch zu Helmut Krausser greifen. Dessen Erzählung "Einsamkeit und Sex und Mitleid" beginnt mit einem jungen Mann, dem Heiligabend nicht danach ist, sein Alleinsein biertrinkend in einem der unzähligen Berliner Dönerläden zur Schau zu stellen. Zur Wahl bleibt der Heimweg, er lässt sich ein Bad ein und fühlt sich, nackt und bei heruntergelassenen Rollläden seltsam beobachtet. Er überwältigt eine verschreckte Einbrecherin, die hauptsächlich seinen Kühlschrank geplündert hat und plündert mit ihr die letzten Reste - eine Flasche Aldi-Nord-Champagner für verklemmte Kundschaft.

Bild: libri.de

"Es hätte Lokale gegeben, wenigstens ein paar türkische Kneipen, denen Weihnachten vollkommen egal war. Vincent spürte aber wenig Lust, sich zu betrinken. Später am Abend konnten sich noch Kundinnen melden, das war an Weihnachten gar nichts Ungewöhnliches, meist zeigten die sich dann über die Maßen spendabel.
Die Aussicht, auf irgendeiner Sammelstelle für melancholische Einzelgänger hinzudämmern, seine Einsamkeit zur Schau zu stellen, widerte Vincent an, und er überquerte die Straße, mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Schneeregen fiel; im Standlicht eines Autos wirkten die Flocken wie Schwärme winziger Vögel, leuchteten auf, bevor sie am Boden zerschmolzen. Das Treppenhaus roch muffig. Vincent nahm drei Stufen auf einmal."

Und da ist Ekki, der frühpensionierte Lateinlehrer, der am 24. die Barkeeperin seiner Stammkneipe für römische Kaiser begeistern kann.

Oder die Managerin Julia, die bei der Zubereitung des Weihnachtsmenüs - Sushi - beschließt, das ihr Mann ein Klotz am Bein ist und ihn ohne lange zu fackeln vor die Tür setzt.

Eine Geschichte separierter, gewollter oder unglücklicher Einzelgänger beginnt am Weihnachtsabend, verstrickt sich und wartet auf mit skurrilen Überraschungen. Es wird Mai, irgendwann, und noch später, manche bleiben einsam, manche drehen durch, manche finden sich selbst oder jemand anderen, der ihnen dabei hilft. Es ist viel Sex in diesem Buch, ein bisschen Mitleid. Und bissige Normalität, Ironie in einer zum Platzen gefüllten Harmonieseifenblase aus Glühweingeruch. Für Plätzchen bleibt zum Glück immernoch Zeit.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Popkulturelle Subjektivität

Vergangene Epochen der Frauenbewegung umschwebt ein Schleier der Unsexyness. Kapitale Vorurteile, die junge Frauen meiner Generation in der Regel davon abhalten, sich überhaupt mit der Thematik auseinanderzusetzen. Um sich als Frau eine moderne persönliche Klasse zuschreiben zu können, assoziiert man sich nicht gern mit Altlasten, seien die sozialen Verurteilungen auch noch so objektiv falsch.

Nicht zuletzt als Folge daraus wird heute auch von Feministinnen kommuniziert: Feminismus ist sexy, macht frei und selbstbewusst und ist allem voran ein großer Spaß. Man findet für jede Bewegung schnell neue Schubladen, die nächste lautet Popfeminismus und wird assoziiert mit sämtlichen erfolgreichen Frauen von Charlotte Roche bis Silvana Koch-Mehrin. Dieser sei zu unpolitisch, undurchdacht, unterstütze lediglich unser aktuelles Modell einer Konsumgesellschaft und deren oberflächliche Populär- / kurz Popkultur, biete keine wesentlichen Auswege aus den Strukturen des Patriarchats.


Feminismus ist sexy. Um nicht in Girlie-Kategorien abzurutschen muss jedoch weiter definiert werden. Das Statement meint keineswegs eine weibliche Anziehungskraft in Form der intermedialen Fleischbeschau, vielmehr geht es um Freiheit und Unabhängigkeit, um einen intelligenten Umgang mit sich selbst als Frau, um die Schönheit in der Überwindung unterdrückender Lebensformen. Sexy ist die Zufriedenheit der Selbstverwirklichung. Die Integration der Populärkultur in heutige Feminismen ist eine notwendige zeitgeschichtliche Weiterentwicklung, in der Frauen mit Erfolg für sich nutzen, um männlich dominierte Strukturen aufzubrechen, wie die riot-grrrl-Bewegung zeigt:

„Mädchen und junge Frauen, die sich der "riot grrrl"– Kultur zugehörig fühlen,
reorganisieren kulturelle Codierungen, um ihnen neue und oppositionelle
Bedeutungen zu geben. Innerhalb der männlich dominierten Subkulturen
wie der Punk- oder Hardcorebewegung gelingt ihnen durch Subversion,
Ironie, Überzeichnung und Spiegelung eine Politik, die durch Irritation das
patriarchal konstituierte Mädchen- und Frauenbild zerstört. So werden neue
Handlungs- und Darstellungsebenen für Mädchen und Frauen erkämpft.“
Sabisch, Katja: Im Zeichen des Postfeminismus - postfeministische Zeichen?

Der herandiskutierte Makel des Popfeminismus ist bei näherer Betrachtung kein wirklicher. Indem der Feminismus sich aus einer rein politischen Ebene der kulturellen öffnet, ergeben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten für Frauen, um in breiteren Gesellschaftsschichten als eigenständiges Subjekt wahrgenommen zu werden. Unsere Kultur bestimmt den Jetzt-Alltag durch Medien, Musik, Literatur oder bildende Kunst oftmals wesentlich direkter als die Politik. Es gilt auch hier, Klischees über starke und schwache Geschlechter auszuräumen, bröckelnden Putz zu beseitigen für freie Persönlichkeiten auf beiden Seiten. Beispielhaft ist die Diskussion über die männlich dominierte öffentliche Wahrnehmung von BloggerInnen - während einige Netzhengste die offline-Rezeption beherrschen, bleiben mindestens ebenso qualitativ hochrangige Blogs von Frauen in der Regel unerwähnt [mehr zum Thema in einem Artikel von Verena Reygers beim Freitag].

Popkultur ist ein fließender Begriff, omnipräsent und ungreifbar. Ebenso wie Kultur nicht greifbar sein kann, birgt eine vorrangig kulturaffine Form des Feminismus die Gefahr, in deren stetiger Veränderung unterworfenen Strukturen zu zerrinnen. Um der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Frauen ein dauerhaft gleichberechtigtes Gepräge zu geben ist es unumgänglich, sich der Politik und vor allem des Rechts zu bedienen.

Das Recht selbst als Mittel der Veränderung ist jedoch ein verfängliches Netz, sowohl als maskulinistisches Machtinstrument wie als System der Konservierung eines bestimmten Gesellschaftsmodells. Wir stehen als Einzelne vor dem Gesetz, verantworten uns für individuelles Handeln, besitzen Freiheiten und Pflichten, fordern und werden gefordert - von Seiten des Staates sowie im Privaten. Das Recht geht dabei von autonomen, unbelasteten Subjekten aus, worin manche einen vorrangig männlich geprägten Diskurs sehen, der lediglich die maskuline Fantasie eines unabhängigen, separierten Einzelnen transportiere (vlg. Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts). Dem werde ich aus heutiger Perspektive widersprechen. Das Ziel ist nicht, aus Rücksicht auf Mutterschaften Frauen eine grundsätzliche Autonomie abzusprechen. Der Versuch, kollektivistische Fiktionen auf eine vom Individualismus geprägte Gesellschaft zu projezieren, wird immer ein Versuch bleiben. Davon ausgehend muss die für Männer reale rechtliche und soziale Autonomie ebenso für Frauen gelten, von ihnen ebenso beansprucht werden, sodass zwei unabhängige Subjekte die Verantwortung für eventuellen Nachwuchs zu gleichen Teilen tragen.

Worin also liegt der Gewinn, diese undurchdringliche Materie männlicher, hoheitlicher Machtkonservierung als Terrain der Auseinandersetzung im Ganzen abzulehnen? Das Recht als politisches Fundament wird dadurch nicht fassbarer, nicht gerechter und wird weiter bestimmen, wie wir leben. Wenn wir emanzipatorische Projekte darin zu den Akten legen wird die Abtreibung weiter ein Tötungsdelikt sein, werden Ehegattensplitting und Herdprämie weiter die Wohnzimmer prägen. Solange das Recht tradierte Rollenbilder zementiert werden die daraus resultierenden steuerlichen oder anders gearteten "Vorteile" in Anspruch genommen, weil es bequemer ist, und billiger. Ebenso lange werden sich autonome Frauen für ihre Freiheit rechtfertigen müssen.

Radikale Subjektivität. Die Synthese von Feminismus und Pop allein wird das Heimchen nicht hinter dem Herd hervorlocken.

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+ Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts
+ Melanie Trommer: Feminismus 2010 - von Politik zu Popkultur?

Dienstag, 1. Dezember 2009

Plastikglanz

Welt-Aids-Tag. Rote Tweets durchlaufen beständig meine Timeline, das Mittagsmagazin wartet auf mit einem Interview eines aidsinfizierten deutschen Ehepaars, in der Mensa gibt es Kondome umsonst. Der Papst hüllt sich in Schweigen während ich in Gedanken mit Jagdbombern über Kontinente fliege und Präservative vom Himmel regnen lasse. Schweigen ist angebrachter als alles, was man heute aus den Mündern katholischen Kirchenoberhäupter erwarten könnte, zumal sich diese heute zumindest in einer Hinsicht zuprosten: Das Bundesverfassungsgericht entscheidet sich für die konservative Reaktion, für Sonntagsschutz und gegen das Gespenst "Turbo-Kapitalismus", Schloss und Riegel für die Konsumgeilheit in einer ohnehin besinnlichkeitsfreien Adventszeit.

Die Folgen eines heute in Kraft getretenen Lissabon-Vertrags werde ich weder mit roten, noch mit rosa Schleifchen versehen. Der politische Adventskalender startet mit zwei neuen Amtsträgern ohne klar definierte Kompetenzen, mit persönlicher Unbelecktheit in europäischen Angelegenheiten.

In einer kurzen Mittagspause die Nachricht, dass nun beide harten Jungs aus Aachen wieder Hofgang statt Ausgang haben. Die Menschen von Essen bis zum Niederrhein können sich beruhigt ins vorweihnachtliche Kaufhausgedränge begeben, das Warenhaus stirbt erst nach dem Vierundzwanzigsten.

Die Kumulation der Ereignisse an einem ersten Dezember zieht an mir und meiner studentischen Existenz in der Heidelberger Altstadt voller Plastikglanz vorbei wie ein kurzer Glühweinrausch, zuckersüß überwürzt, Qualität spielt erst im Abklang eine Rolle. Die Kopfschmerzen werden auf postweihnachtliche Januartage verschoben.

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+ Pressemitteilung zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts // Berliner Adventssonntage
+ "Sonntags bleibt der Laden zu" - der Kommentar beim Freitag
+ "Was steht im EU-Vertrag? - die FR zum Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags

Freitag, 27. November 2009

Gespenster jagen

Der Mangel beginnt mit Jamaika im Saarland, einer grauen Staatsmännin und müßigem Politgeplänkel um lieblose Seifenblasen. Während manche mir anhand meines Artikels über die Besetzungen im Rahmen des aktuellen Bildungsstreiks attestieren, ich würde lieber Cappuccino trinken als an der Umsetzung von Idealen zu arbeiten, attestiere ich den Mangel an selbigen auf weiter Flur.

Das Zukunftsbild einer Tochter wird sich in ein paar Jahren noch immer zu fragen haben, ob sie sich in farblose Hosenanzüge zwängen muss, die Weiblichkeit gut hinter einem Berg aus neutraler Kälte und Kalkül gehalten, um in Schlüsselpositionen standzuhalten. Oder ob sie nach dem von-der-Leyenschen Traum besser den zu Scharen angewachsenen Nachwuchs morgens in die Kita bringt, um sich bei der Arbeit in Nebenrollen zu fügen.

Vielleicht werden wir uns ebenso zu fragen haben, wie wir jung und naiv die Grünen wählen konnten, sobald die letzte Claudia Roth abgesägt ist und man dauerhaft Gefallen findet an Reggaekoalitionen zwischen blühenden Landschaften und sozialem Abstieg.

Bis es soweit kommt verlieren sich die zu Beginn so traumtänzerisch verliebten schwarzgelben Koalitionäre in alten und neuen Gespenstern wie Erika Steinbach und dem in seiner Unfähigkeit unbequem gewordenen Ex-Verteidigungsminister, verliert auch der Blut-und Geldadel auf neuem Posten seinen Glanz. Die Zeiten sind vorbei da Theo strahlte, sein neuer Kompetenzbereich beginnt bei Schadensbegrenzung. Die Steuersenkungsblase droht zu platzen, der Arbeitgeberverband als letzte Bastion des konservativen Spektrums erteilt den wilden Fantasien einer fantasielosen Kanzlerin bittere Absagen, dabei wollte sie doch nur schnell ein bisschen Applaus.

Um den unpässlichen Fehlstart im Verborgenen unter alte Teppichkanten rutschen zu lassen plänkelt man stattdessen weiter um Betreuungsgelder für die ausschließliche Kindererziehung am heimischen Herd. Die Frage, ob Gutscheine oder Bares für Ursulas Schätzchen zu befürworten seien, tritt hinter dem Unwillen zur Bereitstellung ausreichender Betreuungsplätze zurück. Über den Ärger einer Feststellung, dass bei der fixen Idee für Kinder weder deren Bildung, noch Integration, alleinerziehende Berufstätige oder Doppelverdiener in den gedanklichen Dunstkreis der ErfinderInnen gelangten, droht die Resignation zu obsiegen. Die Tagespolitik besteht bereits zu weiten Teilen aus Maßnahmen zur Maximierung der Ungerechtigkeit. Ich bin, zum Glück, nicht Deutschland.

Den politischen Gefrierschrank nach einem angewiderten Blick wieder zuzuschlagen beseitigt nicht seine Existenz. Mit meinem Gang zum Briefkasten, noch im Halbschlaf, öffne ich die Tür jeden Morgen aufs Neue um nachzusehen, ob der Inhalt bereits schimmelt, ich lasse mir die Geschehnisse des Vortags zur ersten Tasse Kaffee in Papierform dokumentieren. Wenn ich Minuten später das Haus verlasse müsste ich jeden Morgen schmerzlich konsequent fragen, warum es sich Angela und ihre karrieregeile Familie auf den Chefsesseln der Republik so bequem machen konnten -

warum die Kätzchen unter den Kommilitoninnen Haut und Lächeln schaustellerisch zu kurzem männlichen Anklang führen bis sie eines Tages glauben, weit genug zu sein, um in den Hosenanzug zu wechseln. So lange grassierende Miesekatzigkeit den Wunsch nach ehrlicher Weiblichkeit verdrängt wird die Familienministerin in reaktionärer Ungestörtheit weiter die Mutter vor der Frau platzieren.

Aus Mangel an Idealen wärme ich mich weiter an Takeawaybechern, die Weigerung, weder einem pragmatisches Katzenlächeln noch der gedanklichen Enge vermeintlich offener BesetzerInnen in der Uni Zutritt zu meiner Welt zu gewähren. Man kann sich wundern, wie ich fehlende Ideale an den Pranger ketten kann während ein bildungsstreikendes Uni-Umfeld diesen Mangel krampfhaft zu beheben versucht. Man wird das Wundern einstellen, wenn man die seltsamen Blicke gesehen hat, mit denen seltene Gäste der Besetzung ohne gelbes Zugehörigkeitsaccesoire bedacht werden. Es soll vertraute Gemütlichkeit herrschen bei der Selbstbeweihräucherung zur erträumten Revolte.

Wir werden uns, alten Tiraden über Ideale hinterherhinkend, keinen Gefallen tun. Die Zusammenrottung in harmonischen Herden, welche stillschweigend die Angepasstheit ihrer Mitglieder verlangen um sich dem friedlichen Flow nicht zu entziehen, werden so lange an alten Pathos geklammert in Embryonalstellung verharren, bis sie selbst nicht mehr an Umstürze glauben. Es sieht aus, als müsste ich noch eine Weile an meinem Heißgetränk festhalten und mit milchschaumbenetzten Lippen nach den Unebenheiten im Einheitsbrei der sozialen Kälte Ausschau halten. Solange ich dabei keinen Hosenanzug trage kann es immerhin noch schlimmer kommen.

read more:
+ Studenten / Straßen / 1997 - Johannes Finke bei flannel apparel
+ Scharfe Kritik am Betreuungsgeld - der Tagesspiegel
+ Nach dem Jung-Rücktritt - Spiegel Online

Nachtrag
Wenige Minuten, in denen ich in Worte vertieft war, haben Ursula von der Leyen nach Jungs Rücktritt zur Arbeitsministerin gemacht. An die Stelle verhinderter staatsmännischer Qualitäten tritt ein nur aus mütterlicher Perspektive beschriebenes Blatt. Mir fehlt das Fazit, arbeits- und frauenpolitisch, das letztere Themenressort markiert ohnehin eine leere Seite im Koalitionsvertrag.

Montag, 23. November 2009

Schräge Gitarren und ein letztes Bier

An einem Montagnachmittag Ende November beginnt die Sonne schon um 15 Uhr, sich langsam zu verabschieden. Mein Aufenthalt am Schreibtisch ist noch jung, meine Tasse lauwarm. Zögerliche Konfrontation mit Kleingedrucktem. Die zur Untätigkeit überwältigende mondayness lässt sich mit grünem Tee kaum abschütteln, sodass ich stattdessen dubiose Programme in den Tiefen meiner Mediathek graben lasse und dabei dieses Schmuckstück wiederfinde:


Tocotronic // Der achte Ozean

Schräge Gitarrentöne geben ein Gefühl durchtanzter Nächte, das letzte Bier aus dem WG-Kühlschrank, das letzte Lied bevor man ins Bett fällt ohne vorher das Augenmakeup von den Lidern zu kratzen.

Freitag, 20. November 2009

Liebe Besetzerinnen und Besetzer,

ihr fragt euch manchmal, in den besetzten Hörsäälen, euren Freiräumen, warum so viele vorbeigehen - trotz unübersehbarer Plakate eures Alternativprogramms, Umsonst-Kaffee und dem Hauptargument, dass es ihr nicht gutgeht, der freien Bildung. Warum so viele KommilitonInnen ignorant an der Freiheit vorbei in die Vorlesung strömen und danach statt zu euch in die Mensa, zum Lernen in die Bibliothek oder nach Hause.

Hier in Heidelberg habt ihr euch einen kleinen Kosmos geschaffen im Hörsaal 14, Freiheit, Kaffee und Kuchen für alle, wenn denn nur alle kämen. Man hat mir erzählt die anderen wären vielleicht zu resigniert oder hätten Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen, das Hausrecht liege nunmal nicht in eurer Hand.

Die anderen sind zum Beispiel ich, als Studentin und Bloggerin. Warum ich dieses Mal nicht zur Besetzerin wurde hat mehr Gründe als die Schwarzweißmalerei über Spießer und Revoluzzer. Ihr tretet ein für Ideale, die für sich betrachtet von einer überwältigenden Mehrheit der Studierenden Zustimmung finden. Eine Reform des Bologna-Prozesses wird mittlerweile auch von der Politik zu Recht als notwendig betrachtet, die soziale Selektion durch Studiengebühren hält außer vereinzelten Rechtskonservativen auch niemand mehr für eine gute Idee, ebenso das Ziel, mehr studentische Mitbestimmung an der Uni durchzusetzen, genießt vor Ort weitestgehend Beifall.

Das erste Problem: die endlosen Listen eurer Forderungen wirken planlos und spiegeln das wieder, was sie sind - der Kompromiss eines Plenums, in dem niemals mehr als ein Minimalkonsens zustande kommt, da das Veto einer einzigen Person jegliche Vorhaben zum Scheitern bringen kann.

Die aktuellen Proteste haben noch keinen neuen Rudi Dutschke hervorgebracht, die Vertretung nach außen wirkt verwirrt und stets darauf bedacht, nichts zu äußern, was nicht vorher im Plenum abgesegnet wurde. Ihr habt Angst vor einer Spaltung sofern ihr eure Vorgehensweisen nicht einstimmig beschlossen habt. Dabei hält die lauwarme Konsenssoße vermutlich mehr Leute davon ab, überhaupt teilzunehmen als eine Spaltung je drohte. Für einen neuen Rudi Dutschke ist kein Platz in euren Plenarsitzungen, er würde auf den unteren Plätzen der Rednerlisten herumdümpeln und den Saal verlassen, bevor er eines Tages zu Wort käme. Dafür ist das Plenum weiter friedlich und geordnet, tumultartige Szenen, die Würze, wird man vermissen.

Kindliche Naivität tropft herab von euren Plakaten zum Vortrag über regulierte Anarchie in Afrika und wie man sich daran ein Beispiel für die politische Situation vor Ort in Heidelberg, in Deutschland nehmen könnte. Anarchie ist offenbar seit den Siebzigern immernoch machbar, Herr Nachbar. Ich bin zu sehr mit dem Pragmatismus der Jetzt-Epoche verhaftet, um an die Träume vergangener Jugendzeiten glauben zu können.

Doch vielleicht sollten mich anarchistische Spinnereien weniger geringschätzig sein lassen als das Kaffee-Chaos in friedliebender süddeutscher Gemütlichkeit. Immerhin ein Häppchen politischen Inputs zwischen nervenaufreibenden Debatten um Alltäglichkeiten. Die Besetzung von Universitäten in ganz Deutschland hat dem Streit um die Bologna-Reform neuen Brennstoff gegeben, knapp einhunderttausend SchülerInnen, StudentInnen und sonstwie an Bildung Interessierte waren diese Woche auf der Straße, um sich einzusetzen. Eine großartige Leistung, die ich ebensowenig geringschätze. Veränderung im Bildungssystem ist dringend notwendig und Genugtuung angebracht im Angesicht der grauen Politprominenz, die sich einst auf den Weg nach Italien machte, um der guten Reputation deutscher Hochschulabschlüsse den Kampf anzusagen.

Viele von uns stammen aus Elternhäusern, in denen Protest zum guten Ton gehört. Der CDU-nahe Studentenbund RCDS, der bisher als einziger den Bildungsstreik offen verurteilt, kann unter den Studierenden nur eine kleine Gemeinde unverbesserlich rückständiger Anhänger um sich versammeln. Die anderen sind nicht etwa abwesend, um sich von früheren Generationen abzugrenzen - sie sind der Diskussionen darum, ob man nun mit Idealen oder realistischen Forderungen an öffentliche Stellen herantreten will oder ob eine bestimmte Grußformel an den Rektor nun zu provokativ ist oder nicht, des Plenierens also, müde. Der Protest, die Besetzungen, die Demonstrationen an sich sind nicht zu verurteilen sondern eine natürliche und überfällige Reaktion des Bulimie-Lernens als ständiges Begleitsymptom eines Bachelorstudiengangs. Wir alle sind auf der Suche nach identifikationsfähigen Idealen, nach etwas, für das es sich heute lohnt, sich einzusetzen. Wir werden sie bei euch nicht finden, da ihr selbst nicht in der Lage seid, zwischen Systemspinnereien und Forderungen für den pragmatischen Uni-Alltag zu differenzieren. Es sieht aus, als streikte man für hehre Ziele und Biobrötchen in der Studi-Cafeteria.

Liebe Besetzerinnen und Besetzer, ich werde jederzeit wieder demonstrieren, für unabhängige und freie Bildung, die diesen Titel verdient. Ich werde jedoch nicht die Rednerlisten von hinten aufrollen um euch zu erzählen, dass Basisdemokratie noch keinem wehgetan hat. Und dass Vorträge über Anarchie in Afrika nicht über die eigene politische Trägheit hinwegtäuschen können. Vielleicht sehen wir uns wieder, beim nächsten Mal.

Montag, 16. November 2009

Berlin

Zurück von Raubzügen mit Blicken, die Füße halbtot wieder unter dem Schreibtisch platziert.

Ich bin versucht, eine Hommage an die Stadt mit tausend Gesichtern zu schreiben, die am vergangenen Wochenende weitere Tropfen meines Herzblutes aufgesogen hat. Über Babykotze in Prenzlauer Berg und dessen wehrhaft heile Welt, die Dichte von Biosupermärkten getarnt zwischen Szenecafés oder Gesichter ohne Hoffnung in der U-Bahn neben Hippieröcken und bleistiftgrauem Business. Falafelduft aus Kreuzberg hängt hartnäckig in meinem Karoschal, meine regennassen Finger wärmen nun ein paar metallicblaue Handschühchen aus Mitte, Bilder von Straßengraffiti mein Herz. Der Süden empfängt mich kompromisslos mit schwäbischem Akzent im Flieger.

Statt ausufernder Worte Fotografie gegen die Schwülstigkeit meines Anflugs von Melancholie.


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