Montag, 28. Dezember 2009

Postrebellion

Die Kitschigkeit des Moments, in dem sich die Vormittagssonne in den gläsernen Weihnachtsbaumkugeln bricht, wird mit der dritten Tasse Kaffee nur beinahe weggespült. Thank God, thanks to who ever, it's monday, ein Stückchen Alltag in angetrockneter Bratensoße.

Schmatzende Kussmünder in die Wohnzimmer, in denen eine Frau in ihrem Buch versunken auf der Couch logiert während irgendjemand telefonischen Kontakt zum Pizzalieferanten aufnimmt, Wohnzimmer, denen beschürzte Vollweibchen fremd sind.

Letzte Fahnen von Fonduegeruch und süßlichem Parfüm halten sich hartnäckig bis Silvester in der Zimmertannenkrone, stillhalten bis 24 Uhr, der Stoff für Neujahrsansprachen ist bereits gesammelt. Das liebe Kind braucht indessen eine kleine Prise hingerotzter Postrebellion, gute Vorsätze werden vertagt.

[Bild]

Montag, 21. Dezember 2009

Auf Pause drücken

Anti-Wirklichkeit, eine Seifenblase aus Puderzucker, Plätzchen und Tee, das dezente Rauschen im Hintergrund bestreitet die wunderbare Simone White. Die Kälte jenseits der Haustüre bewegt mich zu arktischen Vergleichen, Pflicht und Sollen werden gegen Ende des Jahres verschwindend gering, gipfelt in der Nichtkonfrontation mit einem sonntäglich anmutenden Montagvormittag mit dem Unterschied, dass ein offener Supermarkt nebenan für unerfüllte Frühstückswünsche zur Verfügung steht. Universitäres Lernpensum wird für ein paar geisterhafte Tage durch Schöngeistigkeit ersetzt.

Inmitten literarischer Avancen junger SchriftstellerInnen, benutzter Weingläser und Teetassen ein Film über junge deutsche Geschichte, Studentenproteste, Rote Armee Fraktion und drei herausragende Biografien, die unterschiedlicher, teils schockierender nicht sein könnten: Die Anwälte.



Eine rückwirkende Ehrung verblassender Autoritäten meiner Schulzeit, die damals mein Verlangen nach Grundlagen erkannten, dieselben, die heute zu verstehen scheinen, dass ein Jurastudium, "die Juristerei das Beste ist, was sie hätten machen können". Die grundlegenden Bestimmungen einer Gesellschaft erkennen zu wollen, sich einer Wissenschaft anzunähern, deren Ambivalenz in den Schicksalen der drei RAF-Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler fast greifbar wird. Einst verbunden durch die Auflehnung gegen die Strukturen einer naziverkrusteten Bundesrepublik und den Protest für ein Mehr an Freiheit zeigt der Film durch alte Aufnahmen und Jetzt-Interviews die grundverschiedene Entwicklung beeindruckender Persönlichkeiten.

Ich erinnere mich an einen grünen Teddybären mit roter Hose, den man lange bevor ich zu politischem Verständnis in der Lage war Otto Schily taufte - nach dem grünen Realpolitiker, der sich eines Tages rote Hosen überstreifte und als Innenminister der rot-grünen Regierungskoalition von einem Grundrecht auf Sicherheit fantasierte, den Weg ebnete für Vorratsdatenspeicherung und den Ausbau von Kompetenzen des BKA, die Entwicklung eines Polizeistaates, den er selbst in den siebziger Jahren kritisch beäugte. Seine Geschichte handelt davon, wie wandelbar das Verständnis eines Rechtsstaats sein kann. Für die außerparlamentarische Opposition der 68er-Bewegung war Schily als Teil der damaligen Anwalts-Elite, der sein Talent den Demonstranten zur Verfügung stellte, eine intellektuelle Instanz, gleichzeitig einer, der nie von Systemumstürzen träumte. Heute sagt er über persönliche Wandlungen, es sei idiotisch, sich nicht weiterzuentwickeln.

Ströbele hingegen entbehrt zu jedem Zeitpunkt einer Vorreiterrolle - eine Tatsache, die sich nur im ersten Moment defizitär gibt. Er war derjenige, der nicht zur Schah-Demo erschien, der vom Schicksal Benno Ohnesorgs durch häppchenweise Gerüchte erfuhr. Der nicht wie Schily 1983, sondern erst '85 für die Grünen in den Bundestag einzog. Über sich selbst erzählt er von seinem bereits als Kind besonders ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. Seine Entwicklung wirkt bedächtig, zurückhaltend und überlegt. Er bleibt der Einzige der Drei, der seine Vorstellungen über Freiheit, Gerechtigkeit und Pazifismus noch heute verfolgt.

Horst Mahler durchquert das politische Spektrum, beschreibt selbst eine biografische Wanderung vom linken zum rechten Rand. Er saß für die RAF, heute sitzt er für die Leugnung des Holocaust. Während seines ersten Aufenthalts hinter Gittern brachte ihm Otto Schily Hegels gesammelte Werke. Dessen Philosophie über eine Wahrheit, die im Widerspruch liegt, habe ihn zum Nationalisten gemacht, konstatiert der heutige Mahler. Die schillerndste Persönlichkeit der drei RAF-Anwälte markiert die schandhafteste Entwicklung vom Freiheitskämpfer zum Menschenverächter, der wegen seines Intellekts im Laufe eines halben Lebens zu einer der größten Gefahrenquellen aus der rechten Szene avancierte. Dieser Intellekt ist es, der seine Kehrtwende so schwer begreifbar macht. Zurück bleibt allein die Vorahnung einer Unbekannten, dem unnahbaren Mehr als bloßem Verlangen nach einer Rolle als Staatsfeind.

Rückschritte. Aus der Perspektive des ihnen gemeinen Jurastudiums sehe ich als heutige Betrachterin drei Sichtweisen auf den Rechtsstaat in frappierender Differenz, einen unglaublichen Film über die Ambivalenz sowohl des Rechts als auch des Menschen. Ein Film, der Diskussionen nach sich zieht über polizeistaatliche Handlungsmethoden, persönliche Schicksale und NPD-Verbot in einer gezuckerten Stadt, überfüllt mit Shoppingtouristen.

Die Bevölkerung einer süddeutschen Stadt tauscht sich aus, jeden Tag folgen mehr Studierende einer bestimmten Bratenduftfahne nach Hause, gestresste Eltern aus den umliegenden Käffern stürmen die Fußgängerzone. Unwirkliche Lossagung von einer Wahlheimat für einen begrenzten Zeitraum zwischen zwei Jahren, letzte gemeinsame Mittagessen, auch wenn die darum gruppierten Vorlesungen an verschwindenden Auditorien leiden. Wenige Tage bis zu meiner Heimreise, glasiert mit süßer Untätigkeit, Musik und noch mehr Büchern und Filmen.

Freitag, 18. Dezember 2009

Fummeln auf dem Dancefloor


Auletta // 17.12. // Heidelberg, Karlstorbahnhof

Im Angesicht blondgefärbter Teenkätzchen in Begleitung fummelnder siebzehnjähriger Jungens fühle ich mich zunächst nach Verirrung, ein kaltes Bier hilft, um mich an die Begebenheiten anzupassen. Eine Expedition per Fahrrad durch die späte Dezemberkälte, aber man nimmt ja einiges auf sich für eine musikalische Lieblingsentdeckung des letzten Septembers. Und die nicht ganz so siebzehnjährigen Jungs von Auletta trösten mit Lachsalven bei der Frage, ob die kreischende erste Reihe nicht doch eher den Weihnachtsmann meint. Dabei hätten wir doch etwas verpasst, hätten wir alle zehn Finger bei jedem Konzert stets am eigenen Körper behalten. Kein Wort zu Begeisterungsanfällen, die sich dem Spektrum üblicher Tonlagen nach oben hin entziehen. Alles ist gut, ich kann weitertanzen, wenn auch mit der Feststellung, die postpubertäre Konzertknutschphase unweigerlich überwunden zu haben.

Und nie alt genug zu sein, die Aufforderungen ihres Openers nicht wörtlich zu nehmen. "Schrei und tanz bis du die Erde nicht mehr spürst // scheiß' mal auf heute, auf Sorgen, und morgen sowieso" - überhaupt tragen Text und wunderbar rockende Gitarrigkeit in einer Location mit Blick über den nächtlichen Neckar, in Verbindung mit kaltem Beck's, dem alten Jugendbier, rotzige Retrospektiven eines siebzehnjährigen Lebens in sich. Und ein verdammt gutes Gefühl dabei.

Es ist das fast vergessene Bäume-Ausreißen, das besinnungslose Tanzen in staubigen Indiekellerlöchern, die beseelende Wut auf eine träge und satte Gesellschaft gepaart mit ungetrübter Aufbruchstimmung und naiver Verliebtheit. Nach einer unglaublich kurzen Ewigkeit steige ich die Treppen Richtung Ausgang hinunter, der letzte Schluck Bier schmeckt immernoch schal. Gut, das alles mal aufgefrischt zu haben.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Jahresfetzen

Die letzten Fetzen liniertes Klausurpapier für dieses Jahr sind beschrieben, abgegeben, die letzten Besäufnisse in WG-Räumlichkeiten geplant, bevor man sich auf die Reise in küchenwarme Harmoniesümpfe zu Weihnachten begibt. Zu lernen gibt es nicht mehr viel für dieses Jahr, meine Eltern würden nicht glauben, wie voll der Aschenbecher neben mir ist.

Zur Einstimmung lese ich beim Freitag eine Abrechnung mit den Feiertagen am Ende eines jeden Jahres und fühle mich mit einem pizzagefüllten Bauch fast behaglich bei meinen ersten Berührungspunkten mit beruflichen Weihnachtsfeiern als studentische Hilfskraft.

"...die eigentliche Herausforderung kommt ohnehin dann, wenn alle Geschenke besorgt sind: Wenn man wieder das Kind zu sein hat, das man war und – manchmal zeitgleich – eine Mama oder einen Papa darstellen soll, die man nie sein wollte. In dem Moment der Bescherung, der innerhalb weniger Augenblicke völlig reizüberflutete Kinder produziert."

Auch weitere Feststellungen des Artikels zum Weihnachtsfest werden getrost auf die Zukunft verschoben, mindestens hinsichtlich der Kollision mütterlicher und kindlicher Benimmregeln unterm Tannenbaum. Ich gebe mich einstweilen mit der Problematik zufrieden, mich für die letzten Tage des Jahres in die Architektur meiner Heimatstadt einzugliedern als ein Teil früherer Stammbelegschaft, der vor lauter Abwesenheit mit einer Tasse lauwarmem Glühwein in der Hand mitten in einer überfüllten Altstadt zum Überraschungseffekt avanciert. Gut zu wissen, dass ich nicht mit Großtanten zu rechnen habe, die mir mit schrägem Gesang im Kirchenchor die Show stehlen. Mindestens ebenso gut ist, in der Zeit zwischen Fondue, Raclette und Weihnachtsbraten auf beliebigen Polstermöbeln die letzten Jahresfetzen glimpflich passieren zu lassen. In dieser Umgebung ist es zugegebenermaßen von Vorteil, wenn die Überraschungseffekte gering ausfallen.

Freitag, 11. Dezember 2009

"I'm not the complaint department"

Zu Beginn eines triefend grauen Wochenendes ist zumindest der Weißwein schonmal kaltgestellt. Der Vernunft zuliebe halte ich es bis jetzt weiter mit Teebeuteln und Fleecedecken, keine Chance also für den Infekt.

Der Tag rinnt ebenso an mir vorbei wie die letzten drei, vier; ausgedehnte Aufenthalte in den heimischen Vierwänden neben pflichtmäßigen Kurzbesuchen in der Vorlesung. Ich unterziehe mich hierbei einem Feldversuch in: "wie langweile ich mich nicht zu Tode, wenn ich schon nicht lernen kann". Selbstverständlich alles zu Gunsten der virtuellen Weitergabe von neuerworbenem Wissen.

1. Cineastische Lücken auffüllen:
Die Mütze tief in die Stirn gezogen empfiehlt sich ein benebelter Blitzbesuch in der nächstgelegenen Videothek. Abzugreifen wäre zum Beispiel:
+ Kill Bill Vol. 1 und 2
+ Gegen die Wand
+ Julia

2. Input aus dem Netz für jede Gemütslage
+ Entdecker a.D. - eine Abrechnung mit Frank Schirrmachers neuestem Schinken "Payback" bei knicken
+ Kinderpornoverdacht kann Unschuldige treffen - die Zeit Online über fragwürdige Ermittlungsverfahren
+ herzhafter Lieblingstrash: Lindsay Lohan - wenn's eklig wird /Pimpettes, 1300 Kalorien /sexdrugsblognroll

3. Kurzer Ausflug über die Straße
Sobald Kopf- und Gliederschmerzen weitestgehend erfolreich bekämpt wurden
+ Jostein Gaarders Orangenmädchen im Kino

4. Nicht zu vergessen: der Soundtrack für die erkältungsbedingte Couchphase
+ Lykke Li - Youth Novels /album
+ Simone White - I am the man /album

>>Lykke Li - Complaint Department

Mittwoch, 9. Dezember 2009

kränkelnd, Dezember

Heiße Zitrone gegen ausufernde Wintergrippen. Ich weigere mich, Schweine und andere Vierbeiner in die Definition meines kränkelnden Übergangszustands zu integrieren.

Stattdessen lese ich über kränkelnde Episoden der Strafjustiz im Rahmen einer neuen, angesichts meines Zustands durchaus nicht von Effektivität gekrönten Klausurvorbereitung. Schon letzten Monat hat mich die Thematik eines minder schweren Falls des Totschlags gemäß § 213 Strafgesetzbuch beschäftigt - ich drehe mich bisweilen im Kreis, mit Erfolg.

Laut der stetigen Rechtsprechung, die sich in diesem Punkt ausnahmsweise, zu Ungunsten eines modernen Ehebegriffs mit der Rechtslehre deckt, kommt ein Ehemann, der seine Gattin in flagranti beim Fremdgehen ertappt und daraufhin tötet, in der Regel in den Genuss einer Strafmilderung nach § 213. Dass dies für Ehefrauen umgekehrt noch lange nicht der Fall ist, wie ich vormals dargestellt habe, läuft einer geschlechtergerechten Justiz eklatant zuwider. Doch würde eine Gleichstellung von Männern und Frauen in diesem Themenkomplex weit reichen, geschweige denn zu einem zeitgemäßen Ergebnis kommen?

Vielmehr liegt dieser Auffassung ein tiefer liegendes Problem zu Grunde: ein traditionell patriarchales Verständnis der Institution Ehe, deren unangefochtene Moralkrone den vom Ehemann begangenen Totschlag in der Bruch-Situation als Ausdruck seines gerechten Zorns milde lächelnd beinahe rechtfertigt. Heute, in einer Zeit, in der Ehen geschlossen und Ehen geschieden werden, fast gleich an der Zahl, sollte von mündigen Ehepartnern beiderseits verlangt werden können, die Ehe nicht als lebenslange Bindung zu betrachten, die keinen Widerspruch duldet. Ehen zerbrechen, jeden Tag, nicht erstrebenswert, aber durchaus natürlich, wenn sich zwei Menschen in verschiedene Richtungen entwickeln, die nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Man sollte auch im Strafrecht verlangen können, dass zwei mündige Menschen nicht zur Waffe greifen, sobald der andere einem lauwarmen Ehebett entflieht.

Der Berg aus lauwarmen Teebeuteln auf der Küchenablage wächst, von Erweiterungen meines Wissensstands erwarte ich für heute ansonsten nicht mehr viel. Serienmittwoch und Sofa sind in diesem Zusammenhang ein unwiderstehliches Abendprogramm.

Montag, 7. Dezember 2009

"Einsamkeit und Sex und Mitleid"

Um der unübersehbar glitzernden, flackernden, penetrant nach Bratwurst, Crepe, Glühwein oder Plätzchen duftenden Vorweihnachtsharmonie zwischendurch klammheimlich zu entfliehen, könnte man sich die maximale Katastrophe an Heiligabend ausmalen. Brennende Weihnachtsbäume, verkohlte Gänse oder unsäglich schiefe und dabei so gutgemeinte O-Du-Fröhliche. Kleinere Katastrophen wie ein lächelndes Dankeschön an die Oma für den selbstgestrickten pinken Glitzerschal. Reifungsprozesse neigen dazu, von Großeltern über Jahre hinweg unbemerkt zu bleiben.

Man könnte auch zu Helmut Krausser greifen. Dessen Erzählung "Einsamkeit und Sex und Mitleid" beginnt mit einem jungen Mann, dem Heiligabend nicht danach ist, sein Alleinsein biertrinkend in einem der unzähligen Berliner Dönerläden zur Schau zu stellen. Zur Wahl bleibt der Heimweg, er lässt sich ein Bad ein und fühlt sich, nackt und bei heruntergelassenen Rollläden seltsam beobachtet. Er überwältigt eine verschreckte Einbrecherin, die hauptsächlich seinen Kühlschrank geplündert hat und plündert mit ihr die letzten Reste - eine Flasche Aldi-Nord-Champagner für verklemmte Kundschaft.

Bild: libri.de

"Es hätte Lokale gegeben, wenigstens ein paar türkische Kneipen, denen Weihnachten vollkommen egal war. Vincent spürte aber wenig Lust, sich zu betrinken. Später am Abend konnten sich noch Kundinnen melden, das war an Weihnachten gar nichts Ungewöhnliches, meist zeigten die sich dann über die Maßen spendabel.
Die Aussicht, auf irgendeiner Sammelstelle für melancholische Einzelgänger hinzudämmern, seine Einsamkeit zur Schau zu stellen, widerte Vincent an, und er überquerte die Straße, mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Schneeregen fiel; im Standlicht eines Autos wirkten die Flocken wie Schwärme winziger Vögel, leuchteten auf, bevor sie am Boden zerschmolzen. Das Treppenhaus roch muffig. Vincent nahm drei Stufen auf einmal."

Und da ist Ekki, der frühpensionierte Lateinlehrer, der am 24. die Barkeeperin seiner Stammkneipe für römische Kaiser begeistern kann.

Oder die Managerin Julia, die bei der Zubereitung des Weihnachtsmenüs - Sushi - beschließt, das ihr Mann ein Klotz am Bein ist und ihn ohne lange zu fackeln vor die Tür setzt.

Eine Geschichte separierter, gewollter oder unglücklicher Einzelgänger beginnt am Weihnachtsabend, verstrickt sich und wartet auf mit skurrilen Überraschungen. Es wird Mai, irgendwann, und noch später, manche bleiben einsam, manche drehen durch, manche finden sich selbst oder jemand anderen, der ihnen dabei hilft. Es ist viel Sex in diesem Buch, ein bisschen Mitleid. Und bissige Normalität, Ironie in einer zum Platzen gefüllten Harmonieseifenblase aus Glühweingeruch. Für Plätzchen bleibt zum Glück immernoch Zeit.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Popkulturelle Subjektivität

Vergangene Epochen der Frauenbewegung umschwebt ein Schleier der Unsexyness. Kapitale Vorurteile, die junge Frauen meiner Generation in der Regel davon abhalten, sich überhaupt mit der Thematik auseinanderzusetzen. Um sich als Frau eine moderne persönliche Klasse zuschreiben zu können, assoziiert man sich nicht gern mit Altlasten, seien die sozialen Verurteilungen auch noch so objektiv falsch.

Nicht zuletzt als Folge daraus wird heute auch von Feministinnen kommuniziert: Feminismus ist sexy, macht frei und selbstbewusst und ist allem voran ein großer Spaß. Man findet für jede Bewegung schnell neue Schubladen, die nächste lautet Popfeminismus und wird assoziiert mit sämtlichen erfolgreichen Frauen von Charlotte Roche bis Silvana Koch-Mehrin. Dieser sei zu unpolitisch, undurchdacht, unterstütze lediglich unser aktuelles Modell einer Konsumgesellschaft und deren oberflächliche Populär- / kurz Popkultur, biete keine wesentlichen Auswege aus den Strukturen des Patriarchats.


Feminismus ist sexy. Um nicht in Girlie-Kategorien abzurutschen muss jedoch weiter definiert werden. Das Statement meint keineswegs eine weibliche Anziehungskraft in Form der intermedialen Fleischbeschau, vielmehr geht es um Freiheit und Unabhängigkeit, um einen intelligenten Umgang mit sich selbst als Frau, um die Schönheit in der Überwindung unterdrückender Lebensformen. Sexy ist die Zufriedenheit der Selbstverwirklichung. Die Integration der Populärkultur in heutige Feminismen ist eine notwendige zeitgeschichtliche Weiterentwicklung, in der Frauen mit Erfolg für sich nutzen, um männlich dominierte Strukturen aufzubrechen, wie die riot-grrrl-Bewegung zeigt:

„Mädchen und junge Frauen, die sich der "riot grrrl"– Kultur zugehörig fühlen,
reorganisieren kulturelle Codierungen, um ihnen neue und oppositionelle
Bedeutungen zu geben. Innerhalb der männlich dominierten Subkulturen
wie der Punk- oder Hardcorebewegung gelingt ihnen durch Subversion,
Ironie, Überzeichnung und Spiegelung eine Politik, die durch Irritation das
patriarchal konstituierte Mädchen- und Frauenbild zerstört. So werden neue
Handlungs- und Darstellungsebenen für Mädchen und Frauen erkämpft.“
Sabisch, Katja: Im Zeichen des Postfeminismus - postfeministische Zeichen?

Der herandiskutierte Makel des Popfeminismus ist bei näherer Betrachtung kein wirklicher. Indem der Feminismus sich aus einer rein politischen Ebene der kulturellen öffnet, ergeben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten für Frauen, um in breiteren Gesellschaftsschichten als eigenständiges Subjekt wahrgenommen zu werden. Unsere Kultur bestimmt den Jetzt-Alltag durch Medien, Musik, Literatur oder bildende Kunst oftmals wesentlich direkter als die Politik. Es gilt auch hier, Klischees über starke und schwache Geschlechter auszuräumen, bröckelnden Putz zu beseitigen für freie Persönlichkeiten auf beiden Seiten. Beispielhaft ist die Diskussion über die männlich dominierte öffentliche Wahrnehmung von BloggerInnen - während einige Netzhengste die offline-Rezeption beherrschen, bleiben mindestens ebenso qualitativ hochrangige Blogs von Frauen in der Regel unerwähnt [mehr zum Thema in einem Artikel von Verena Reygers beim Freitag].

Popkultur ist ein fließender Begriff, omnipräsent und ungreifbar. Ebenso wie Kultur nicht greifbar sein kann, birgt eine vorrangig kulturaffine Form des Feminismus die Gefahr, in deren stetiger Veränderung unterworfenen Strukturen zu zerrinnen. Um der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Frauen ein dauerhaft gleichberechtigtes Gepräge zu geben ist es unumgänglich, sich der Politik und vor allem des Rechts zu bedienen.

Das Recht selbst als Mittel der Veränderung ist jedoch ein verfängliches Netz, sowohl als maskulinistisches Machtinstrument wie als System der Konservierung eines bestimmten Gesellschaftsmodells. Wir stehen als Einzelne vor dem Gesetz, verantworten uns für individuelles Handeln, besitzen Freiheiten und Pflichten, fordern und werden gefordert - von Seiten des Staates sowie im Privaten. Das Recht geht dabei von autonomen, unbelasteten Subjekten aus, worin manche einen vorrangig männlich geprägten Diskurs sehen, der lediglich die maskuline Fantasie eines unabhängigen, separierten Einzelnen transportiere (vlg. Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts). Dem werde ich aus heutiger Perspektive widersprechen. Das Ziel ist nicht, aus Rücksicht auf Mutterschaften Frauen eine grundsätzliche Autonomie abzusprechen. Der Versuch, kollektivistische Fiktionen auf eine vom Individualismus geprägte Gesellschaft zu projezieren, wird immer ein Versuch bleiben. Davon ausgehend muss die für Männer reale rechtliche und soziale Autonomie ebenso für Frauen gelten, von ihnen ebenso beansprucht werden, sodass zwei unabhängige Subjekte die Verantwortung für eventuellen Nachwuchs zu gleichen Teilen tragen.

Worin also liegt der Gewinn, diese undurchdringliche Materie männlicher, hoheitlicher Machtkonservierung als Terrain der Auseinandersetzung im Ganzen abzulehnen? Das Recht als politisches Fundament wird dadurch nicht fassbarer, nicht gerechter und wird weiter bestimmen, wie wir leben. Wenn wir emanzipatorische Projekte darin zu den Akten legen wird die Abtreibung weiter ein Tötungsdelikt sein, werden Ehegattensplitting und Herdprämie weiter die Wohnzimmer prägen. Solange das Recht tradierte Rollenbilder zementiert werden die daraus resultierenden steuerlichen oder anders gearteten "Vorteile" in Anspruch genommen, weil es bequemer ist, und billiger. Ebenso lange werden sich autonome Frauen für ihre Freiheit rechtfertigen müssen.

Radikale Subjektivität. Die Synthese von Feminismus und Pop allein wird das Heimchen nicht hinter dem Herd hervorlocken.

read more:
+ Sonja Buckel: Zwischen Schutz und Maskerade - Kritik(en) des Rechts
+ Melanie Trommer: Feminismus 2010 - von Politik zu Popkultur?

Dienstag, 1. Dezember 2009

Plastikglanz

Welt-Aids-Tag. Rote Tweets durchlaufen beständig meine Timeline, das Mittagsmagazin wartet auf mit einem Interview eines aidsinfizierten deutschen Ehepaars, in der Mensa gibt es Kondome umsonst. Der Papst hüllt sich in Schweigen während ich in Gedanken mit Jagdbombern über Kontinente fliege und Präservative vom Himmel regnen lasse. Schweigen ist angebrachter als alles, was man heute aus den Mündern katholischen Kirchenoberhäupter erwarten könnte, zumal sich diese heute zumindest in einer Hinsicht zuprosten: Das Bundesverfassungsgericht entscheidet sich für die konservative Reaktion, für Sonntagsschutz und gegen das Gespenst "Turbo-Kapitalismus", Schloss und Riegel für die Konsumgeilheit in einer ohnehin besinnlichkeitsfreien Adventszeit.

Die Folgen eines heute in Kraft getretenen Lissabon-Vertrags werde ich weder mit roten, noch mit rosa Schleifchen versehen. Der politische Adventskalender startet mit zwei neuen Amtsträgern ohne klar definierte Kompetenzen, mit persönlicher Unbelecktheit in europäischen Angelegenheiten.

In einer kurzen Mittagspause die Nachricht, dass nun beide harten Jungs aus Aachen wieder Hofgang statt Ausgang haben. Die Menschen von Essen bis zum Niederrhein können sich beruhigt ins vorweihnachtliche Kaufhausgedränge begeben, das Warenhaus stirbt erst nach dem Vierundzwanzigsten.

Die Kumulation der Ereignisse an einem ersten Dezember zieht an mir und meiner studentischen Existenz in der Heidelberger Altstadt voller Plastikglanz vorbei wie ein kurzer Glühweinrausch, zuckersüß überwürzt, Qualität spielt erst im Abklang eine Rolle. Die Kopfschmerzen werden auf postweihnachtliche Januartage verschoben.

read more:
+ Pressemitteilung zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts // Berliner Adventssonntage
+ "Sonntags bleibt der Laden zu" - der Kommentar beim Freitag
+ "Was steht im EU-Vertrag? - die FR zum Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags

Freitag, 27. November 2009

Gespenster jagen

Der Mangel beginnt mit Jamaika im Saarland, einer grauen Staatsmännin und müßigem Politgeplänkel um lieblose Seifenblasen. Während manche mir anhand meines Artikels über die Besetzungen im Rahmen des aktuellen Bildungsstreiks attestieren, ich würde lieber Cappuccino trinken als an der Umsetzung von Idealen zu arbeiten, attestiere ich den Mangel an selbigen auf weiter Flur.

Das Zukunftsbild einer Tochter wird sich in ein paar Jahren noch immer zu fragen haben, ob sie sich in farblose Hosenanzüge zwängen muss, die Weiblichkeit gut hinter einem Berg aus neutraler Kälte und Kalkül gehalten, um in Schlüsselpositionen standzuhalten. Oder ob sie nach dem von-der-Leyenschen Traum besser den zu Scharen angewachsenen Nachwuchs morgens in die Kita bringt, um sich bei der Arbeit in Nebenrollen zu fügen.

Vielleicht werden wir uns ebenso zu fragen haben, wie wir jung und naiv die Grünen wählen konnten, sobald die letzte Claudia Roth abgesägt ist und man dauerhaft Gefallen findet an Reggaekoalitionen zwischen blühenden Landschaften und sozialem Abstieg.

Bis es soweit kommt verlieren sich die zu Beginn so traumtänzerisch verliebten schwarzgelben Koalitionäre in alten und neuen Gespenstern wie Erika Steinbach und dem in seiner Unfähigkeit unbequem gewordenen Ex-Verteidigungsminister, verliert auch der Blut-und Geldadel auf neuem Posten seinen Glanz. Die Zeiten sind vorbei da Theo strahlte, sein neuer Kompetenzbereich beginnt bei Schadensbegrenzung. Die Steuersenkungsblase droht zu platzen, der Arbeitgeberverband als letzte Bastion des konservativen Spektrums erteilt den wilden Fantasien einer fantasielosen Kanzlerin bittere Absagen, dabei wollte sie doch nur schnell ein bisschen Applaus.

Um den unpässlichen Fehlstart im Verborgenen unter alte Teppichkanten rutschen zu lassen plänkelt man stattdessen weiter um Betreuungsgelder für die ausschließliche Kindererziehung am heimischen Herd. Die Frage, ob Gutscheine oder Bares für Ursulas Schätzchen zu befürworten seien, tritt hinter dem Unwillen zur Bereitstellung ausreichender Betreuungsplätze zurück. Über den Ärger einer Feststellung, dass bei der fixen Idee für Kinder weder deren Bildung, noch Integration, alleinerziehende Berufstätige oder Doppelverdiener in den gedanklichen Dunstkreis der ErfinderInnen gelangten, droht die Resignation zu obsiegen. Die Tagespolitik besteht bereits zu weiten Teilen aus Maßnahmen zur Maximierung der Ungerechtigkeit. Ich bin, zum Glück, nicht Deutschland.

Den politischen Gefrierschrank nach einem angewiderten Blick wieder zuzuschlagen beseitigt nicht seine Existenz. Mit meinem Gang zum Briefkasten, noch im Halbschlaf, öffne ich die Tür jeden Morgen aufs Neue um nachzusehen, ob der Inhalt bereits schimmelt, ich lasse mir die Geschehnisse des Vortags zur ersten Tasse Kaffee in Papierform dokumentieren. Wenn ich Minuten später das Haus verlasse müsste ich jeden Morgen schmerzlich konsequent fragen, warum es sich Angela und ihre karrieregeile Familie auf den Chefsesseln der Republik so bequem machen konnten -

warum die Kätzchen unter den Kommilitoninnen Haut und Lächeln schaustellerisch zu kurzem männlichen Anklang führen bis sie eines Tages glauben, weit genug zu sein, um in den Hosenanzug zu wechseln. So lange grassierende Miesekatzigkeit den Wunsch nach ehrlicher Weiblichkeit verdrängt wird die Familienministerin in reaktionärer Ungestörtheit weiter die Mutter vor der Frau platzieren.

Aus Mangel an Idealen wärme ich mich weiter an Takeawaybechern, die Weigerung, weder einem pragmatisches Katzenlächeln noch der gedanklichen Enge vermeintlich offener BesetzerInnen in der Uni Zutritt zu meiner Welt zu gewähren. Man kann sich wundern, wie ich fehlende Ideale an den Pranger ketten kann während ein bildungsstreikendes Uni-Umfeld diesen Mangel krampfhaft zu beheben versucht. Man wird das Wundern einstellen, wenn man die seltsamen Blicke gesehen hat, mit denen seltene Gäste der Besetzung ohne gelbes Zugehörigkeitsaccesoire bedacht werden. Es soll vertraute Gemütlichkeit herrschen bei der Selbstbeweihräucherung zur erträumten Revolte.

Wir werden uns, alten Tiraden über Ideale hinterherhinkend, keinen Gefallen tun. Die Zusammenrottung in harmonischen Herden, welche stillschweigend die Angepasstheit ihrer Mitglieder verlangen um sich dem friedlichen Flow nicht zu entziehen, werden so lange an alten Pathos geklammert in Embryonalstellung verharren, bis sie selbst nicht mehr an Umstürze glauben. Es sieht aus, als müsste ich noch eine Weile an meinem Heißgetränk festhalten und mit milchschaumbenetzten Lippen nach den Unebenheiten im Einheitsbrei der sozialen Kälte Ausschau halten. Solange ich dabei keinen Hosenanzug trage kann es immerhin noch schlimmer kommen.

read more:
+ Studenten / Straßen / 1997 - Johannes Finke bei flannel apparel
+ Scharfe Kritik am Betreuungsgeld - der Tagesspiegel
+ Nach dem Jung-Rücktritt - Spiegel Online

Nachtrag
Wenige Minuten, in denen ich in Worte vertieft war, haben Ursula von der Leyen nach Jungs Rücktritt zur Arbeitsministerin gemacht. An die Stelle verhinderter staatsmännischer Qualitäten tritt ein nur aus mütterlicher Perspektive beschriebenes Blatt. Mir fehlt das Fazit, arbeits- und frauenpolitisch, das letztere Themenressort markiert ohnehin eine leere Seite im Koalitionsvertrag.

Montag, 23. November 2009

Schräge Gitarren und ein letztes Bier

An einem Montagnachmittag Ende November beginnt die Sonne schon um 15 Uhr, sich langsam zu verabschieden. Mein Aufenthalt am Schreibtisch ist noch jung, meine Tasse lauwarm. Zögerliche Konfrontation mit Kleingedrucktem. Die zur Untätigkeit überwältigende mondayness lässt sich mit grünem Tee kaum abschütteln, sodass ich stattdessen dubiose Programme in den Tiefen meiner Mediathek graben lasse und dabei dieses Schmuckstück wiederfinde:


Tocotronic // Der achte Ozean

Schräge Gitarrentöne geben ein Gefühl durchtanzter Nächte, das letzte Bier aus dem WG-Kühlschrank, das letzte Lied bevor man ins Bett fällt ohne vorher das Augenmakeup von den Lidern zu kratzen.

Freitag, 20. November 2009

Liebe Besetzerinnen und Besetzer,

ihr fragt euch manchmal, in den besetzten Hörsäälen, euren Freiräumen, warum so viele vorbeigehen - trotz unübersehbarer Plakate eures Alternativprogramms, Umsonst-Kaffee und dem Hauptargument, dass es ihr nicht gutgeht, der freien Bildung. Warum so viele KommilitonInnen ignorant an der Freiheit vorbei in die Vorlesung strömen und danach statt zu euch in die Mensa, zum Lernen in die Bibliothek oder nach Hause.

Hier in Heidelberg habt ihr euch einen kleinen Kosmos geschaffen im Hörsaal 14, Freiheit, Kaffee und Kuchen für alle, wenn denn nur alle kämen. Man hat mir erzählt die anderen wären vielleicht zu resigniert oder hätten Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen, das Hausrecht liege nunmal nicht in eurer Hand.

Die anderen sind zum Beispiel ich, als Studentin und Bloggerin. Warum ich dieses Mal nicht zur Besetzerin wurde hat mehr Gründe als die Schwarzweißmalerei über Spießer und Revoluzzer. Ihr tretet ein für Ideale, die für sich betrachtet von einer überwältigenden Mehrheit der Studierenden Zustimmung finden. Eine Reform des Bologna-Prozesses wird mittlerweile auch von der Politik zu Recht als notwendig betrachtet, die soziale Selektion durch Studiengebühren hält außer vereinzelten Rechtskonservativen auch niemand mehr für eine gute Idee, ebenso das Ziel, mehr studentische Mitbestimmung an der Uni durchzusetzen, genießt vor Ort weitestgehend Beifall.

Das erste Problem: die endlosen Listen eurer Forderungen wirken planlos und spiegeln das wieder, was sie sind - der Kompromiss eines Plenums, in dem niemals mehr als ein Minimalkonsens zustande kommt, da das Veto einer einzigen Person jegliche Vorhaben zum Scheitern bringen kann.

Die aktuellen Proteste haben noch keinen neuen Rudi Dutschke hervorgebracht, die Vertretung nach außen wirkt verwirrt und stets darauf bedacht, nichts zu äußern, was nicht vorher im Plenum abgesegnet wurde. Ihr habt Angst vor einer Spaltung sofern ihr eure Vorgehensweisen nicht einstimmig beschlossen habt. Dabei hält die lauwarme Konsenssoße vermutlich mehr Leute davon ab, überhaupt teilzunehmen als eine Spaltung je drohte. Für einen neuen Rudi Dutschke ist kein Platz in euren Plenarsitzungen, er würde auf den unteren Plätzen der Rednerlisten herumdümpeln und den Saal verlassen, bevor er eines Tages zu Wort käme. Dafür ist das Plenum weiter friedlich und geordnet, tumultartige Szenen, die Würze, wird man vermissen.

Kindliche Naivität tropft herab von euren Plakaten zum Vortrag über regulierte Anarchie in Afrika und wie man sich daran ein Beispiel für die politische Situation vor Ort in Heidelberg, in Deutschland nehmen könnte. Anarchie ist offenbar seit den Siebzigern immernoch machbar, Herr Nachbar. Ich bin zu sehr mit dem Pragmatismus der Jetzt-Epoche verhaftet, um an die Träume vergangener Jugendzeiten glauben zu können.

Doch vielleicht sollten mich anarchistische Spinnereien weniger geringschätzig sein lassen als das Kaffee-Chaos in friedliebender süddeutscher Gemütlichkeit. Immerhin ein Häppchen politischen Inputs zwischen nervenaufreibenden Debatten um Alltäglichkeiten. Die Besetzung von Universitäten in ganz Deutschland hat dem Streit um die Bologna-Reform neuen Brennstoff gegeben, knapp einhunderttausend SchülerInnen, StudentInnen und sonstwie an Bildung Interessierte waren diese Woche auf der Straße, um sich einzusetzen. Eine großartige Leistung, die ich ebensowenig geringschätze. Veränderung im Bildungssystem ist dringend notwendig und Genugtuung angebracht im Angesicht der grauen Politprominenz, die sich einst auf den Weg nach Italien machte, um der guten Reputation deutscher Hochschulabschlüsse den Kampf anzusagen.

Viele von uns stammen aus Elternhäusern, in denen Protest zum guten Ton gehört. Der CDU-nahe Studentenbund RCDS, der bisher als einziger den Bildungsstreik offen verurteilt, kann unter den Studierenden nur eine kleine Gemeinde unverbesserlich rückständiger Anhänger um sich versammeln. Die anderen sind nicht etwa abwesend, um sich von früheren Generationen abzugrenzen - sie sind der Diskussionen darum, ob man nun mit Idealen oder realistischen Forderungen an öffentliche Stellen herantreten will oder ob eine bestimmte Grußformel an den Rektor nun zu provokativ ist oder nicht, des Plenierens also, müde. Der Protest, die Besetzungen, die Demonstrationen an sich sind nicht zu verurteilen sondern eine natürliche und überfällige Reaktion des Bulimie-Lernens als ständiges Begleitsymptom eines Bachelorstudiengangs. Wir alle sind auf der Suche nach identifikationsfähigen Idealen, nach etwas, für das es sich heute lohnt, sich einzusetzen. Wir werden sie bei euch nicht finden, da ihr selbst nicht in der Lage seid, zwischen Systemspinnereien und Forderungen für den pragmatischen Uni-Alltag zu differenzieren. Es sieht aus, als streikte man für hehre Ziele und Biobrötchen in der Studi-Cafeteria.

Liebe Besetzerinnen und Besetzer, ich werde jederzeit wieder demonstrieren, für unabhängige und freie Bildung, die diesen Titel verdient. Ich werde jedoch nicht die Rednerlisten von hinten aufrollen um euch zu erzählen, dass Basisdemokratie noch keinem wehgetan hat. Und dass Vorträge über Anarchie in Afrika nicht über die eigene politische Trägheit hinwegtäuschen können. Vielleicht sehen wir uns wieder, beim nächsten Mal.

Montag, 16. November 2009

Berlin

Zurück von Raubzügen mit Blicken, die Füße halbtot wieder unter dem Schreibtisch platziert.

Ich bin versucht, eine Hommage an die Stadt mit tausend Gesichtern zu schreiben, die am vergangenen Wochenende weitere Tropfen meines Herzblutes aufgesogen hat. Über Babykotze in Prenzlauer Berg und dessen wehrhaft heile Welt, die Dichte von Biosupermärkten getarnt zwischen Szenecafés oder Gesichter ohne Hoffnung in der U-Bahn neben Hippieröcken und bleistiftgrauem Business. Falafelduft aus Kreuzberg hängt hartnäckig in meinem Karoschal, meine regennassen Finger wärmen nun ein paar metallicblaue Handschühchen aus Mitte, Bilder von Straßengraffiti mein Herz. Der Süden empfängt mich kompromisslos mit schwäbischem Akzent im Flieger.

Statt ausufernder Worte Fotografie gegen die Schwülstigkeit meines Anflugs von Melancholie.


Mittwoch, 11. November 2009

regentagssoundtrack

Der dritte Regentag in Folge und die Woche war bisher nicht unbedingt geeignet, Herzen zu erwärmen. Sonntagabend aus Stuttgart zurückgekehrt stehe ich bereits wieder mit einem Bein im Flugzeug nach Berlin. Morgen früh um halb acht, wenn die Welt noch nasser und kälter ist als ohnehin nehme ich den Zug zum Flughafen, mich festhaltend an obligatorischem Takeaway-Cappuccino, immerhin die Vorfreude bleibt.

Währenddessen hat Angela Merkel öffentlich festgestellt was sie schon lange weiß: sonnige Zeiten gab es gestern, heute ist Krise. Zum Frühstück bei grauem, verhangenem Himmel attestiert die FR Merkels Regierungserklärung eine neue Ehrlichkeit. Unverständnis für scheinheilige Wahrheiten bleibt kalt im Nacken kleben während sich eine neue alte Kanzlerin von den Regierungsfraktionen für unvermeidbare Funken an das Wahlvolk gerichteter Ehrlichkeit feiern lässt und der Außenminister ihres Vertrauens weiter mit aufgesetztem Lächeln über internationales Parkett irrlichtert.

Im Hintergrund spielen sich zwielichtige Szenen ab. CDU und FDP wollen die Welt zumindest für deutsche Männer wieder sonniger machen, neue Perspektiven müssen her, zum Beispiel in Erziehungs- und Pflegeberufen. Während Frau Merkel in ihrer Geschlechtsneutralität einen blinden Augapfel hütet, kommen vermeintlich benachteiligte Männer aufs politische Tapet. Da das role model der CDU, Ursula von der Leyen, einige Kinder und Karriere vorzuweisen hat, besteht für Schwarzgelb frauenpolitisch kein Handlungsbedarf. Während Männer nicht dazu ermutigt werden, ihren Erziehungsurlaub zu gleichen Teilen zu nehmen sondern lieber die Kinder und Eltern anderer zu betreuen, lockt von der Leyen weiter zu mehr Gebährfreudigkeit an den Herd. Angela Merkel nennt den eingestaubten Rahmen der Szenerie christliche Koalition der Mitte.

Währenddessen lege ich meine Wege durch die Stadt mit dem Fahrrad weiter im Regen zurück, konsumiere lauwarme Informationen, passiere zwischen Vorlesungen und Kaffeepausen klanglose Sit-Ins in der Uni und wünsche mir manchmal mehr Ideale, an denen ich mich aufwärmen kann.

read more: Charisma Reinhardt - Kolumne zur schwarzgelben Männerpolitik in der FR

rainy days soundtrack: iron&wine - jezebel

Montag, 9. November 2009

protestpoesie

in unserer Uni duftet es nach Kaffee und und frischgebackenen Waffeln. Vor dem Hörsaal 14 stehen Sofas und Cafétische, ein Infostand mit Flyern und vergleichbaren Druckerzeugnissen dient als Einfallstor zu neuer Selbstbestimmtheit, der Hörsaal ist besetzt. Ob unsere Uni nun wie die besetzten Universitäten in Österreich und Teilen Deutschlands auch brennt(<- Aktuelles bei jetzt.de), wollte ich heute in Erfahrung bringen.

Auf den Polstermöbeln liegen leere Gitarrenhüllen, meistens sitzt jemand daneben und spielt, zwischen anderen, die diskutieren oder sich zurücklehnen und ihren neugeschaffenen Freiraum betrachten. Im Hörsaal treffe ich Paddy, der sich bereiterklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten.

Paddy ist kein Student und engagiert sich trotzdem, weil Bildung ein Thema für alle ist, wie er findet, seine kleine Tochter hat er dabei stets im Blick. Er fühlt sich wohl zwischen den StudentInnen, es gehe hier schließlich nicht um soziale Zugehörigkeit, sondern um das gemeinsame Ziel.


Aus welcher Situation ist die Besetzung in Heidelberg entstanden?
Am vergangenen Montag bei der Vollversammlung des Bildungsstreiks gab es eine Live-Schaltung mit dem besetzten Audimax in Wien, die Stimmung dort ist zu uns rübergeschwappt, sodass wir uns spontan dazu entschlossen haben, auch in Heidelberg einen Hörsaal zu besetzen, zunächst einmal aus Solidarität mit den Besetzungen in Österreich. Dann aber hatten wir nun diesen perfekten Zeitpunkt, um auch hier an den Bildungsstreik letzten Sommer anzuknüpfen und dachten, dass wir uns die Chance nicht entgehen lassen können, das, was aus der Situation am Montag nun entstanden ist, zu nutzen, um jetzt am Thema dranzubleiben, unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen und weiter an der Sache zu arbeiten. Mittlerweile haben wir uns hier einen Freiraum geschaffen, jeder kann dazukommen, wir erklären und informieren in unserem Infocafé, das werden wir nicht freiwillig aufgeben.

Wie ist euer Kontakt zu Rektorat und Polizei?
Im Moment sind wir hier vom Rektorat geduldet, es wurde noch nicht mit Räumung oder ähnlichem gedroht. Klar, der Rektor kann diesen Zustand jederzeit aufheben, aber wir arbeiten auch selbst daran, die Situation weitestgehen zu entschärfen. Beispielsweise kümmern wir uns um die Raumverteilung, da wegen der Besetzung keine Veranstaltung ausfallen soll, schließlich wollen wir nicht zu verschlechterten Lehrbedingungen beitragen. Leider befinden wir uns zur Zeit auch nicht in konkreten Verhandlungen mit dem Rektorat, dahingehende Kontaktversuche von uns wurden bisher abgebrochen oder übergangen.

Unserer Generation wird oft mangelnder Idealismus vorgeworfen. Wie pragmatisch ist euer Protest?
Das stimmt, Pragmatismus ist in dieser Generation weit verbreitet. Das Problem ist jedoch zyklisch, jetzt müssen auch wir uns klarmachen, dass es ok ist, sich für seine Ziele einzusetzen. Und ich bin sicher, dass die Bereitschaft dazu wieder zunimmt. In Bezug auf unsere Ziele gibt es auch hier Pragmatiker und Idealisten. Der Protest wird maßgeblich von Studierenden getragen, da liegt es auf der Hand, das man erstmal mit universitätsinternen Forderungen startet, wie zum Beispiel die Einführung einer verfassten Studierendenschaft für mehr studentische Mitbestimmung. Allerdings wollen wir unsere Ziele auch der gesamten Bevölkerung nahelegen, es geht schließlich um freie Bildung, das ist ein Thema für jeden, generationsübergreifend. Wir wollen, dass sich die Leute fragen: was ist das eigentlich, freie Bildung?

Der Ruprecht, eine Heidelberger Studierendenzeitung, hat der Besetzung des Rektorats vergangenen Sommer unterstellt, dass der Rektor in derselben Situation 1968 womöglich Kaffee und Kuchen vorbeigebracht hätte.
Unser Protest ist definitiv ein anderer als 1968, wo die Gefahr jederzeit greifbar war, dass Leute zu radikalen Hardlinern werden. Wir gehen das Ganze etwas ruhiger an, sind offen für Neues und bieten dem Einzelnen mehr Freiraum. Im Gegensatz zu damals wollen wir unsere Ziele friedlich, mit Witz und Charme vermitteln und verzichten auf Militanz.

Wie schätzt du die Resonanz auf den Protest unter den Studierenden ein?

Wirklich schwer zu sagen. Ich kriege mit, das oft ein großes Interesse da ist, wir unterhalten uns viel mit den Leuten, die vorbeikommen. Um mitzumachen haben manche vielleicht zuviel Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen, oft spürt man auch einfach Resignation.

Womit wir wieder beim Pragmatismus wären.

Ja, stimmt. Dabei sind wir offen für alle, die Lust haben, sich zu engagieren. Es geht hier nicht darum, wie man jemanden findet, persönliche Sympathien sind zweitrangig. Wir setzen uns hier in einem offenen Diskurs gemeinsam für unsere Ideale ein, das ist das einzig Wichtige.

*

Als ich gehe spielt jemand anders auf dem Sofa Gitarre, weitere spülen Geschirr oder kochen. Einen Freiraum haben sie tatsächlich geschaffen, die Frage ist nur, ob die Besetzung unter dem Banner des Mottos #unibrennt tatsächlich zum Flächenbrand gereicht, wie Paddy findet. Das Ringen um Konsens in den Plenarsitzungen der BesetzerInnen ist hart, Diskussionsbedarf gibt es stets an allen Ecken und Enden. Während die Einen plenieren ist man anderswo noch lange in der Position, sich jeglichen Verhandlungen zu entziehen, womöglich hoffend, dass die angeregten Debatten mit der Zeit an Hitze verlieren. Die Sondierung der neuen Freiheit zeigt ein Lagerfeuer im Hörsaal 14, einen belebten Fleck am regengrauen Unimontag, mehr ein alternatives Café denn politischen Aktivismus. Bevor eine Generation zu Idealisten erzogen werden kann gibt es noch einiges zu tun, Unsicherheiten zu überwinden. Dabei stünde uns, könnten wir endlich aus dem Schatten unserer Eltern treten, der Protest ebenso gut zu Gesicht.

links:
+ bildungsstreik-hd.de
+ unsereuni.at

Donnerstag, 5. November 2009

front row kitten

Meinen Studiengang und mich verbindet zuweilen eine Art Hassliebe, Extreme zwischen der Empfindung als notwendiges Übel und Begeisterung für Inhalte von geballter politischer Brisanz. Die Strafrechtsklausur, die meine Aufmerksamkeit in den letzten Tagen und Wochen an Lehrbücher, Skripten, Urteile und Aufsätze gefesselt hat, liegt seit gestern, 18:17 Uhr hinter mir. Noch am gleichen Abend finde ich mich erneut am Schreibtisch wieder, die Augen auf dieselben Kommentare und Entscheidungen des Bundesgerichtshofs geheftet, nur die Lesart ist seitdem eine andere. In den Lernprozessen der vergangenen Wochen auf schematische Darstellungen und ein möglichst optimales Kurzzeitwissen bedacht, die modrigen Delikatessen zwischen den Zeilen nur abwesend gestreift, bringen mich ebendiese nun zurück an den Rand des Papierbergs zwischen Leselampe und Laptop.

Aufsehen erregen. Über beinahe ein Jahrhundert wurde wütenden Ehemännern, die ihre Frau auf frischer Tat beim Fremdgehen ertappt umgehend töteten, von höchster Stelle und ohne mit der Wimper zu zucken die Strafmilderung eines "minder schweren Falls des Totschlags" gemäß § 213 Strafgesetzbuch zugestanden, während Frauen in derselben Situation mit vermindertem Strafmaß keineswegs rechnen konnten.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass das deutsche Rechtssystem nach wie vor von Männern dominiert wird. An manchen Stellen nimmt die hierdurch entstandene Privilegierung des eigenen Geschlechts jedoch besonders skurrile Züge an. Rechtsprechung und Literatur nehmen in den Fällen des § 213 einen Ehebruch als Provokation des getöteten Opfers an, wodurch dem betroffenen Täter bei einer Tötung im Affekt sein gerechter Zorn als strafmildernd angerechnet wird. Dass dies in den meisten Fällen für Ehemänner (selbst wenn die Trennung bereits vollzogen war und die Scheidung bevorstand), jedoch keineswegs für Frauen gilt, zeigen einschlägige Urteile des BGH bis weit in die 70er Jahre. Auch heute herrscht in der Rechtslehre weitgehend Einigkeit darüber, einen Ehebruch weiter als Provokation des Opfers im Sinne von § 213 zu betrachten - die Einigkeit darüber, lediglich Frauen in einer solchen Situation als agent provocateur zu betrachten, schwingt im Subtext mit.

Dabei werden Frauen in der Rechtsprechung über Tötungsdelikte in Bezug auf das Strafmaß nicht durchweg benachteiligt. Viel weiter verbreitet ist die Situation, dass Frauen als abhängig und maßgeblich geprägt durch die psychische Gebundenheit an ihr soziales Umfeld betrachtet werden, während Männer als grundsätzlich autonome Handlungssubjekte gelten - hieraus folgt ein höheres Maß der Vorwerfbarkeit bei männlichen Tätern. Die dahingehende Korrektur dieser Schieflage, dass sowohl Frauen zu autonomen und damit höher zu bestrafenden Handlungen durchaus in der Lage sind und umgekehrt auch die psychischen Grenzen der Verantwortlichkeit von Männern anerkannt werden müssen, lässt weiter auf sich warten.

Bis dahin kann ich mich nur wundern über die Kätzchen in der ersten Reihe, die, von Papa zum Studienbeginn mit dem sozialadäquaten Burberry-Schal ausstaffiert, in der Vorlesung belustigt kichern, als die geschlechterspezifische Problematik von § 213 StGB angeschnitten wird. Der Hinweis, dass das Thema keineswegs mit dem Ende der Siebziger Jahre ebenso begraben wäre, lässt sie nur lauter kichern, sie haben es sich doch da vorne bereits hübsch zurechtgemacht. Die front row kitten von heute scheinen ebenso bereit, bei der Lösung einer Strafrechtsklausur einem wütenden Exfreund aufgrund der Kränkung seiner Mannesehre keine niedrigen Beweggründe beim Mord an der Verflossenen zu unterstellen, diese sei verständlich, der arme Verlassene hätte daher keinen Mord, sondern lediglich einen Totschlag begangen. Den Korrektor um Beifall anheischend wird die Lösung nach Ablauf der angesetzten zwei Stunden mit reizendem Lächeln überreicht, für immerhin ein vollbefriedigend hat es in diesem Fall gereicht. Es wird ihnen nichts nützen, wenn der heimische Herd eines Tages langsam abkühlt.

read more:
+ Gerd Geilen - Kritische Betrachtungen zu § 213 in: Festschrift für Eduard Dreher, S. 357 ff.
+ Feministisches Studienbuch - Gewalt und Freiheit, S. 169

Donnerstag, 29. Oktober 2009

worte klauben

Der Herr Professor will frohen Mutes mit uns anfangen. Ihm liegt das Bürgerliche Recht sehr am Herzen, ins Schmunzeln gerät er über seine fast, nur fast schalkhafte Frechheit, den totgeglaubten Begriff "Fahrnis" für eine bewegliche Sache in die Gliederung seiner Vorlesung zu integrieren, um uns en-passant mit Altbewährtem vertraut zu machen.
Wie eine Datenmenge auf "so einem polulären Stick" aussieht, kann er sich allerdings nicht vorstellen, obwohl es sich sogar hier um ein Fahrnis handelt. Seine Stimme kiekst ein wenig bei der Betonung des Wortes, Stick, Abweichungen in der Tonlage untermalen die persönliche Distanz zum modernen informationstechnologischen Wortschatz. Stick. Ein Fremdkörper in der Monotonie des jahrhundertealten Gesetzestexts, dafür sei er zu alt, meint er, der Herr Professor, akkurat mit Schlips und höchstens fünfzig.

Alltag in der Uni, ich pendele zwischen den wichtigsten Vorlesungen und dem heimischen Schreibtisch hin und her, Klausurtermine rücken näher ohne maßgeblichen Erkenntnisgewinn in der verstreichenden Zeit. Abgehetzte gemeinsame Mittagspausen, Gespräche, die eine Zigarette dauern, manchmal auch nur zwei Schlucke meines Takeaway-Cappuccinos. Ich sehe mein virtuelles Kind leiden, mich vermissen, zu viele Dinge, die ich betexten und in Worte kleiden will, einen Moment lang stehenbleibend zwischen Bücherregalen in der Bibliothek. Bald zurück.

Soundtrack: Auletta // im Westen, auf den kurzen Wegen mit dem Fahrrad durch die Stadt frischen Wind in den Ohren.

Montag, 26. Oktober 2009

getagged: warum meine tasche eine tonne wiegt

Gestern in den späten Abendstunden aus Berlin zurückgekehrt sehe ich, dass mylady Frauenzimmer dazu einlädt, Inneres nach außen zu kehren und der Welt darzulegen, was meine Tasche zu einem Ziegelklotz macht, meine portablen Habseligkeiten für unterwegs. Gestern in der Nacht noch schnell meine Reisekostbarkeiten ausgepackt und abgelichtet komme ich der Einladung nach - mit größtem Vergnügen wird nun auch hier die Handtaschenfrage geklärt. Der Sportteil einer beliebigen Zeitung fehlt dem Innenleben meines schwarzen Lieblingsledermonsters, ich bedaure das Manko. Ein Sixpack Bier kann hinzugedacht werden.


Lektüre für 6 Stunden Fahrt: Prozesse von Peggy Parnass
Zigarettenpausenfilter
universitäre Pflichten I: Strafrechtslehrbuch
Geldbörse
Mobiltelefon
Aspirin, Kaugummi, Bonbon, Kugelschreiber, Lollipop mit Kirschgeschmack
Kalender
universitäre Pflichten II: Strafgesetzbuch
leere Kippenschachtel von Samstagnacht, sog. Geschenk eines offiziellen Nichtrauchers
Lieblingsorte merken: City Notebook Berlin
Lippenstift + Werbegeschenkfeuerzeug in Schallplattenform
Kaufmanns Lippenrettungskindercreme
Taschentücher
Etui mit optimistischem Inhalt: Sonnenbrille
Handschuhe
iPod
leere Bäckertüte, einstiger Behälter meines Reiseproviants, einem Putenbagel

Zurück am Schreibtisch hat mich Berlin noch immer in seinen sanften Klauen, meine Rückkehr an den heimischen Schreibtisch noch begleitet von Widerborstigkeit. Ein Wochenende mit girls on web, einer alten Freundin und Schampus weicht nur ungern dem Prüfungsalltag. Kurz vor meinem Weg in die eine-Woche-vor-der-Klausur-obligate Strafrechtsvorlesung gebe ich in dieser Sache den Löffel ab an Mercedes von Spazieromat. Zeig mir deine Unterwegsinspiration, meine Liebe.


Mittwoch, 21. Oktober 2009

fußnoten

Neben mir auf dem Schreibtisch liegt zwischen Tabakpackungen, Aschenbecher, Stiften, Gesetzestexten und Fallbüchern und Teetassen mit einer dünnen Haut auf dem abgekühlten Bodensatz eine Spieluhr, in rosa Hochglanzpappe gezwängt.
Kurze Notiz zur Klausurenphase, meine Bücher enthalten erst auf den vorderen Seiten hier und dort gekritzelte Randbemerkungen mit dunkelrotem Fineliner, weil die Allgegenwärtigkeit von kugelschreiberblau nicht mehr zu Farbkleksen taugt.

Die Spieluhr klebte auf einem Geburtstagsgeschenk, dem Buch von Peggy Parnass. Den Mann und mich erinnert sie an Kleinkindertage, im richtigen Tempo an der kleinen Metallkurbel drehend spielt sie die Internationale. Unsere Eltern haben offenbar irgendetwas richtig gemacht.

Freitag, 16. Oktober 2009

gegenwartsroman

Ich werde nicht die Erste sein damit, feststellend, dass wir jung sind, dass wir viel wollen und alles gleichzeitig, ein Gehäuse für das Verlangen nach Geborgenheitsgefühlen neben der Sucht nach Fremde zwischen zwei Wimpernschlägen.

Wir sind Anfang Zwanzig, unterhalten uns an langen Mensatischen in kurzen Mittagspausen zwischen Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften, Bibliotheksaufenthalten über ziegelgroßen Kommentaren und Kompendien sogar über Kinder. Ab und an, halbernst, Lebensentwürfe zwischen undefinierbarer Kartoffelsuppe und Großküchenpudding.

Schreibtischnotizen, Kontaktdaten der Sekretariate anderer Universitäten, weltweite Bewerbungsfristen - der Plan B auf Klebezetteln in greifbarer Nähe, aber man hat sich doch eingerichtet in der ersten Wahlheimat. Sprachkurse belegen für die vorderen Listenplätze im Erasmus-Programm, Auslandssemester gehören mindestens zum guten Ton. Wir sind angestrengt damit beschäftigt, uns zu individualisieren, das Selbst möglichst heftig zu erfahren. Während die einen auf Ritalin in der Bibliothek zum großen Wurf ansetzen, dem vermeintlichen Befreiungsschlag, diskutieren die anderen über Spießigkeit mit dem einzigen Ausweg: weg von hier, wohin auch immer die einzige Maxime, kafkaesk. Wir sind für alles zu haben, nur nicht für Mittelwege. Das Wort enthält zuviel Durchschnitt, daher beschränken wir die Auswahlkriterien für unsere Entwürfe auf die Stromlinie und deren radikales Gegenteil. Um dem kleinkarierten Jungspießer-Ehrgeiz zu entkommen begeben wir uns auf eine gehetzte Suche nach Umwegen, die Menschwerdung findet gerade woanders statt. Wir taufen das Modell kreative Lebensart und wollen sie dabei so dringend, die Tuchfühlung mit der Popkultur. Vier Wände in schwarzweiß, noch zu früh, um zur Ruhe zu kommen und Bilder aufzuhängen. Studium bedeutet Freiheit, für die wir uns jederzeit mit Post-Its und Hinterkopfgedanken bereitzuhalten meinen.

Eine Verschiebung von Begriffen mit weitreichenden Folgen - die Zeiten sind vorbei, in denen man ohne den Geschmack der Welt zwischen den Zähnen in Trier oder Marburg studieren konnte. Orts- und Studienwechsel, Nebentätigkeiten im politischen, kulturellen, sozialen Spektrum für eine Persönlichkeitsentfaltung auf Spitzenniveau - es kommt nicht ungelegen, im Vorbeigehen ein paar Softskills für den Lebenslauf abzugreifen. Wir haben den Individualismus angepasst.

Ich frage mich, wann uns zuletzt an den langen Mensatischen Gedanken darüber kamen, was wir wollen und wo sich unser Wollen und der sprunghafte Tatendrang berühren. Wann wir zuletzt etwas zum Selbstzweck getan haben. Oder ob wir verlernt haben, zu wollen, weil wir glauben nicht zu müssen, da wir frei zu sein wünschen und die Pläne B und C ohnehin dazu dienen, uns selbst und unseren Willen erst kennenzulernen. Wir werden bequem in der Unverbindlichkeit, die uns in warme Wolldecken hüllt und in den Schlaf wiegt, indifferent wo wir aufwachen doch das Alte vermissend.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

personalie

Darf ich vorstellen: Peggy Parnass. Die eigenwilligste Grande Dame des Journalismus, mit der ich, nicht aus Versehen aber doch zufällig am vergangenen Wochenende zum ersten Mal tatsächlich in Berührung kam. Man hatte mir ein Buch mitgebracht von ihr, Prozesse, in neuester, nun alles enthaltender Ausgabe.

Der Name ist mir schon vorher begegnet, vor anderthalb Jahren, kurz vor dem Abitur, als ich mit meiner Studienwahl haderte. "Jura passt zu dir" haben damals einige gesagt, das sei auch nicht trocken, und wenn mir die klassischen Berufsbilder zu eintönig seien, "dann mach doch sowas wie Peggy Parnass, Gerichtsreporterin." Jaja habe ich gedacht, Gerichtsreporterin, klingt gut, vielleicht werde ich auch Chefredakteurin der Zeit - bei Jura bin ich letzten Endes geblieben.

Die Karriere meines oktroyierten Vorbilds hingegen findet den einzigen Überschneidungspunkt mit der Rechtswissenschaft im Gerichtssaal. Ihre Eltern, Vater Simon Pudl Parnass und Mutter Hertha Parnass fielen den Nazis im Vernichtungslager Treblinka zum Opfer, Peggy verbrachte den Großteil ihrer Kindheit in 12 verschiedenen Pflegefamilien in Schweden. Mit 14 begann sie sich selbst zu ernähren, schrieb Kolumnen, jobbte als Sprachlehrerin und übersetzte für die Kripo. Sie arbeitete als Schauspielerin in Film und Fernsehen und begann 1970, für die Zeitschrift konkret, Gerichtsreportagen zu verfassen.

Sie selbst erzählt in einem Interview der taz, dass sie sich vorher schon mit JournalistInnen in Verbindung gesetzt hatte, damit sie weniger gleichgültig über die NS-Prozesse schrieben. Später machte sie sich selbst zum radikalen Gegenentwurf. Sie konnte es beispielsweise nicht ertragen, dass Souhaila Andrawes, eine zum Tatzeitpunkt neunzehnjährige Palästinenserin, deren körperlicher und seelischer Zustand vor Gericht an Vernehmungsunfähigkeit grenzt, für ihre Beteiligung an der Landshut-Entführung zu 12 Jahren wegen Mordes einwandert, während man alte Nazis beinahe schon laufen ließ, weil sie kränkelten. Andrawes hat kein Menschenleben auf dem Gewissen (mehr zum Prozess hier in einem Bericht der Zeit).

Ihre Reportagen sind schonungslos und persönlich, unglaublich nah und sezierend. Das ist ihr oft vorgeworfen worden, mindestens so oft wie man sie dafür bewundert und ausgezeichnet hat. 2008 ist sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Sie fühlte sich nicht recht wohl dabei, hatte man doch auch schon manchen SS-Offizier mit ebendiesem Blechschild dekoriert. Freunde überzeugten sie schließlich, dass sich die Zeiten geändert hätten, nachdem sie 2007 bereits einmal abgelehnt hatte, nahm sie die Ehrung doch in Empfang.

Seit dem Wochenende ist sie für mich keine Unbekannte mehr, kein Name, von dem mir jemand vorschwärmt, Bekannte, die es gut gemeint haben mit mir. Ich lese in ihren Prozessen und lasse mir Kindsmörder vorstellen, Kleinkriminelle und große Fische, distanzlose Porträts die bewegen, oft schockieren. Nicht selten lässt mich allein Parnass' persönliche Beschreibung der Situation im Gerichtssaal nachdenken über Großes, Gerechtigkeit, Justiz und menschliche Abgründe.


Bild: amazon.de

Freitag, 9. Oktober 2009

wochenendgedanken

es ist Freitag. Eine weitere Woche mit dem üblichen Pensum an Informationskonsum im Internet ist eben dabei, an mir vorbeizuziehen. Einige Dinge sind hängengeblieben, widerstreitende Debatten in meinem Kopf neben personal entertainment. Man liest viel in letzter Zeit, in den vergangenen Wochen und Monaten, bald Jahren, über das Massensterben von Tageszeitungen, wegbrechende Anzeigenkunden und die Suche der Schuldigen im Internet - ich trage maßgeblich dazu bei.

Dass es auch anders gehen kann zeigt dieser Artikel bei dasmagazin.ch: Tageszeitungen sind keineswegs todgeweiht, sie müssen sich nur dem veränderten Konsumverhalten ihrer informationsgierigen Käufer anpassen. Der Text nennt drei Beispiele aus Holland, Schweden und Portugal, die zeigen, dass man sich mit ein paar wichtigen Neuerungen durchaus den maßgeblich durch das Internet veränderten Begebenheiten anpassen kann: Grundvoraussetzung ist zunächst, dass man von der Informiertheit des Käufers ausgeht, die er ja bereits im Internet erworben hat, um darauf aufbauend die wichtigsten Meinungen zum jeweiligen Thema zu liefern. Die These lautet, dass das Netz die gewünschten Informationen zwar in ihrer gesamten Breite und zudem am schnellsten liefert, die Tageszeitungen diese jedoch nach Verlässlichkeit und Relevanz zu filtern in der Lage sind. Und relevante Informationen mit möglichst hohem Wahrheitsgehalt, das wollen wir ja alle.

Ein weiteres Problem der Tageszeitung und deren Online-Auftritten: Man hätte gern, dass User die Tageszeitung auch im Netz von vorne nach hinten "durchblättern" - man hält also auch online weitgehend an der Gliederung in Ressorts fest. Mario Sixtus erklärt hierzu in einem anschaulichen Clip zur Zukunft des Journalismus beim elektrischen Reporter, dass ebendies nicht der Fall ist. Vielmehr gelangen viele über Seiteneingänge zum gewünschten Artikel: Verlinkungen von überallher aus den Tiefen des web 2.0. Wie aber können die Zeitungen, deren Werbeeinnahmen im Internet nicht annähernd mit denen von einst vergleichbar sind, in Zukunft noch ihrer für die Demokratie zentralen Aufgabe, der kritischen Reflexion des politischen Geschehens für die breite Masse, noch nachkommen? Auch hierzu werden im Video ein paar grundsätzliche Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung erst recht nicht aus dem Stehgreif erfolgen kann.

Wer aber soll das eigentlich sein, der oder die durchschnittliche InformationskonsumentIn im Internet? Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen über die Anzahl der Twitter-NutzerInnen in Deutschland, die Angaben schwanken zwischen fünfzig- und hundertzwanzigtausend. Zieht man diejenigen ab, die Twitter lediglich als Werbeinstrument benutzen, so bleibt nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung übrig - der schätzungsweise überwiegend aus TeilnehmerInnen mit publizistischen Interessen besteht (für den Freundes- und Bekanntenkreis bestimmte Veröffentlichungen mal ausgenommen). Meine Generation, die eigentlich weitestgehend mit dem Internet aufgewachsen sein sollte, nutzt dieses zunächst lediglich als Kommunikationsmedium. Twitter als hauptsächlichen Indikator für die Bereitschaft zu einer breiteren Webnutzung zu missbrauchen wäre sicherlich vermessen, aber es bietet sich hier zumindest ein Anhaltspunkt.

Meine KommilitonInnen posten Urlaubsfotos auf Facebook, hören Musik bei Youtube und checken ihre Mails, ein mittlerweile alltäglicher Betrieb im social web - dabei bleiben die viel weiter reichenden Kapazitäten des Internets größtenteils ungenutzt. Das Netz als Arbeitsplatz, Markt für Informationen jeglichen Genres sowie zum Echtzeit-Austausch im Mikroblogformat ist auch unter StudentInnen noch lange nicht mehrheitsfähig. Vielen genügt allein die Möglichkeit, eine Zeitung ebensogut online lesen zu können, ob dies in vergleichbarem Maße praktiziert wird, steht auf einem anderen Blatt.

Für mich ist das Internet schon lange Teil meiner realen Welt, an der wiederum das Netz via Twitter, Blog und Facebook teilhat. Mein Blog ist das geliebte virtuelle Kind, an dem ich selbst wachse, mein Projekt, das Energie und Zeit und Liebe für sich beansprucht.

Meine Woche im Netz hat ein paar feine Informationshappen für mich bereitgehalten. Mit einer Zusammenfassung meiner Link-Top-5 verabschiede ich mich ins Wochenende. Ich werde 20. Zeit für ein bisschen Offline-Feiern.

+ Hilfe, die Prinzessinnen kommen - die Mädchenmannschaft über geschlechtsspezifische Schulbücher
+ Armer Mann, was nun? - die Zeit Online über Hetero-Beziehungen, in denen die Frau mehr verdient (ja, Abhängigkeit macht unglücklich - Frauen und Männer offensichtlich auch)
+ Justitias Augenbinde verrutscht - Rechtsphilosoph Bertram Keller beim Freitag über Anonymität und Selbstbestimmung
+ ART. Entdeckung der Woche: herakut
+ nicht zuletzt: die Meldung des Tages. Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis. Einen unter vielen lesenswerten Kommentaren dazu gibt's bei Spiegel Online

Mittwoch, 7. Oktober 2009

laufen lernen


thoughts on Brigitte's turning away from professional models


Die Durchschnittsleserin der Brigitte ist 48 Jahre alt und 23% schwerer als die abgelichteten Models, die Auflage sinkt, die Chefredaktion um Andreas Lebert tüftelt, wie man die Verkäufe ankurbeln kann und kommt auf eine geniale, wenn auch nicht unbedingt neue Idee: den Verzicht auf professionelle sogenannte Magermodels zugunsten von "echten Frauen".

Es bleibt zunächst festzustellen: der anhaltende Trend zu knochigen Frauen auf dem Laufsteg ist ein Problem, sowohl in der Modelbranche (wie etwa das Beispiel des jetzigen Plus-Size-Models Crystal Renn erschreckend anschaulich zeigt) als auch für heranwachsende Mädchen, denen ein bizarres Schönheitsideal präsentiert wird und früh zu Identifikationsproblemen führt, die schlimmstenfalls ihr Ende in einer handfesten Anorexie finden.


Für einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper, für mehr weibliche Selbstzufriedenheit und zur Bekämpfung eines einseitig verzerrten weiblichen Schönheitsideals ist die Entscheidung der Brigitte, von nun an auf magere Mädchen zu verzichten grundlegend und wichtig; erst bei der Umsetzung wird dieses hehre Projekt jedoch wirklich interessant. Jeanie Chung etwa fragt sich bei salon.com, wie die Brigitte "normale Frauen" abbilden will und wer das überhaupt sein soll. Andreas Lebert denkt dabei beispielsweise an Angela Merkel, Steffi Graf und Ursula von der Leyen - weiße, erfolgreiche Frauen mittleren Alters also. Das auch solche Vorschläge nicht dazu geeignet sind, weiblichem Facettenreichtum ein Forum zu bieten liegt ebenso auf der Hand wie sich die Vermutung erhärtet, dass man in Hamburg nicht die Frauenwelt verbessern, sondern in erster Linie die Verkaufszahlen ankurbeln will. Denn Frauen wie Merkel und von der Leyen sind eher in der Lage, für den betagten Teil der Leserinnen eine Art Ideal zu verkörpern - dabei wollte man doch eben keine Idealvorstellung bieten, sondern Frauen wie du und ich? Vielfältige Schönheit, Charakter, Individualität? Die beiden Politikerinnen entsprechen zwar keinem gängigen Schönheitsbild, haben dafür aber ein Maximum an Macht und Karriere vorzuweisen - und Steffi Graf einen durchtrainierten Sportlerinnenkörper und nebenbei eine Model-Vergangenheit. Man dreht sich im Kreis in der Redaktion.

Was vor allem aus marktpolitischen Erwägungen für die Brigitte von Nutzen sein kann, gilt zudem noch lange nicht für die anderen. Pubertierenden Mädchen, vollauf mit der eigenen Entfaltung beschäftigt, wird es nicht helfen, wenn eine Zeitschrift, die im Altersdurchschnitt deutlich über der eigenen Zielgruppe liegt, Vielfalt ab vierzig präsentiert. Und die Süddeutsche titelt indessen "Es bleibt ein Knochenjob", denn: führende Modemagazine wie die Vogue Deutschland, Instyle und Cosmopolitan winken bereits dankend ab. Zurück bleibt ein weiteres tragisches Fazit der Anti-Magermodel-Kampagne: weder die zerbrechliche Welt eines nach Identifikation suchenden Teenagers noch die Welt der Models wird von der Brigitte berührt.

Dabei ist die Idee an sich wundervoll und das nicht erst seit gestern: Beispiele sind der Vorstoß von Alexandra Shulman, Chefredakterin der britischen Vogue, die führende Designer anklagte, die Magazine zur Wahl von Models mit hervorstehenden Knochen zu zwingen oder die Verbannung von zu dünnen Models bei der Fashionweek in Madrid 2006. Die Brigitte hofft nun offenbar, auf den fahrenden Zug aufspringen zu können und möglichst dabei einen Meilenstein zu setzen, der die Auflage in die Höhe treibt. Es ist zu befürchten, dass in diesem Zug noch nicht ausreichend namhafte Fahrgäste sitzen, die Fahrt unwirtschaftlich wird, weil keiner mehr einsteigen will - es braucht mehr als eine (wenn auch zumindest in Deutschland einflussreiche) Zeitschrift für Frauen mittleren Alters, um dem betrachtenden Auge individuelle Schönheit und Charakter zurückzugeben.

Die größte Hürde wird es jedoch sein, sich von zwanghaften Vorstellungen einer Norm zu lösen. Andreas Lebert will alle Kleidergrößen zeigen, alles sei erlaubt. Dabei ist der Kampfbegriff "Magermodels" ebenso hinderlich wie das zementierte Frauenbild der Modeindustrie. Ehe wir blinzeln hat sich es sich ein neues Vorurteil hübsch zurechtgemacht: die Dünnen sind schuld. Die wachsende gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Essstörungen aller Art ist angebracht und doch bigott: schleichend wird jede Kundin der Größe-34-Abteilung zum potentiellen Opfer einer Selbstwahrnehmungsstörung. Ziel sein muss, dass tatsächlich alles erlaubt ist: große Brüste, kleine Brüste, dünne und dicke Frauen mit oder ohne fulminante Rundungen, Falten, Alltag und das feine brilliante Detail in jeder Einzelnen von uns.

Montag, 5. Oktober 2009

artsy monday

noch immer zehre ich von den Eindrücken aus drei Tagen Hamburg. Vergangene Woche, bei meinem Trip zum Reeperbahnfestival, habe ich die Zeit maßgeblich genutzt, um ausgiebig Kaffee zu trinken und abends auf dem Kiez Musik und Atmosphäre zu konsumieren. Während ich mir einen ordentlichen touristy harbour boat trip geschenkt habe, konnte ich mit etwas mehr Zeit einen Ausflug ins Haus der Photographie // Deichtorhallen auf mich wirken lassen. Die derzeitige Veto-Ausstellung mit dem Untertitel Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie hinterlässt unweigerlich Spuren; die Denkprozesse des Alltags sind komplex und nicht selten verworren, es fühlt sich also jedes Mal neu und gut an, vor Fotografien und Bildserien zu stehen, dazu gezwungen, sehend zu verarbeiten. Der Pressetext zur Ausstellung bietet zum Einstieg eine gute Zusammenfassung dessen, was es denn zu sehen gibt:

Seit der Erfindung im frühen 19. Jahrhundert gilt die Fotografie als Spiegel der Wirklichkeit. Aber nicht erst mit dem Aufkommen der digitalen Bildbearbeitung und ihren Möglichkeiten der Manipulation wurde dieser Anspruch radikal infrage gestellt. Acht künstlerische Positionen jenseits der Wirklichkeitstreue der Fotografie stellt die Ausstellung „VETO – Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie“ vom 4. September bis 15. November 2009 im Haus der Photographie in den Deichtorhallen vor.

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Gemeinsam ist den für VETO ausgewählten fotografischen Positionen, dass sie offen angelegt sind, mit multiplen Perspektiven spielen, die den Betrachter zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Medium herausfordern. Digitale Konstruktionen, Bezüge zur Zeichnung, Filmbild oder Malerei sowie die Verbindung neuer und alter Techniken sind künstlerische Strategien, mit denen sich die Fotokünstler gegen die Vorstellungen einer schnell erfassbaren (Medien-)Bilderwelt stellen. Das Bild hat keinen Belegcharakter mehr für das Reale, sondern formuliert seinen Glauben an das Kunstwerk als ästhetisches Objekt mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten.


Insgesamt neun Künstlerinnen und Künstler, darunter Andreas Gefeller, Beate Gütschow, Natalie Ital und Andrea Sunder-Plassmann zeigen durch individuelle Ansätze und Techniken in einer von digital Geknipstem beinahe vollständig durchfluteten Bilderlandschaft, dass es sich lohnt, stehenzubleiben, die Welt anzuhalten und sich die sichtbaren und unsichtbaren Linien des Bildes zu durchdringen.

Natalie Ital, aus der Serie Bio Box Burger, Fotogramm (2005)


Andrea Sunder-Plassmann, aus der Serie Selbst, Plattenkamerafotografie (1986)

Zwischen den Bildern ein weißer Raum, Ruhe, entfernte, leise und bedächtige Schritte, die Abwesenheit von Zeitanzeigen, maximale Wirkung der Kunst auf das betrachtende Auge. Keine der Fotografien wäre nur halb so gut an der heimischen Wohnzimmerwand. Manche Eindrücke kann ich nur in Gedanken konservieren.

Bilder: arttattler.com

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