Freitag, 27. November 2009

Gespenster jagen

Der Mangel beginnt mit Jamaika im Saarland, einer grauen Staatsmännin und müßigem Politgeplänkel um lieblose Seifenblasen. Während manche mir anhand meines Artikels über die Besetzungen im Rahmen des aktuellen Bildungsstreiks attestieren, ich würde lieber Cappuccino trinken als an der Umsetzung von Idealen zu arbeiten, attestiere ich den Mangel an selbigen auf weiter Flur.

Das Zukunftsbild einer Tochter wird sich in ein paar Jahren noch immer zu fragen haben, ob sie sich in farblose Hosenanzüge zwängen muss, die Weiblichkeit gut hinter einem Berg aus neutraler Kälte und Kalkül gehalten, um in Schlüsselpositionen standzuhalten. Oder ob sie nach dem von-der-Leyenschen Traum besser den zu Scharen angewachsenen Nachwuchs morgens in die Kita bringt, um sich bei der Arbeit in Nebenrollen zu fügen.

Vielleicht werden wir uns ebenso zu fragen haben, wie wir jung und naiv die Grünen wählen konnten, sobald die letzte Claudia Roth abgesägt ist und man dauerhaft Gefallen findet an Reggaekoalitionen zwischen blühenden Landschaften und sozialem Abstieg.

Bis es soweit kommt verlieren sich die zu Beginn so traumtänzerisch verliebten schwarzgelben Koalitionäre in alten und neuen Gespenstern wie Erika Steinbach und dem in seiner Unfähigkeit unbequem gewordenen Ex-Verteidigungsminister, verliert auch der Blut-und Geldadel auf neuem Posten seinen Glanz. Die Zeiten sind vorbei da Theo strahlte, sein neuer Kompetenzbereich beginnt bei Schadensbegrenzung. Die Steuersenkungsblase droht zu platzen, der Arbeitgeberverband als letzte Bastion des konservativen Spektrums erteilt den wilden Fantasien einer fantasielosen Kanzlerin bittere Absagen, dabei wollte sie doch nur schnell ein bisschen Applaus.

Um den unpässlichen Fehlstart im Verborgenen unter alte Teppichkanten rutschen zu lassen plänkelt man stattdessen weiter um Betreuungsgelder für die ausschließliche Kindererziehung am heimischen Herd. Die Frage, ob Gutscheine oder Bares für Ursulas Schätzchen zu befürworten seien, tritt hinter dem Unwillen zur Bereitstellung ausreichender Betreuungsplätze zurück. Über den Ärger einer Feststellung, dass bei der fixen Idee für Kinder weder deren Bildung, noch Integration, alleinerziehende Berufstätige oder Doppelverdiener in den gedanklichen Dunstkreis der ErfinderInnen gelangten, droht die Resignation zu obsiegen. Die Tagespolitik besteht bereits zu weiten Teilen aus Maßnahmen zur Maximierung der Ungerechtigkeit. Ich bin, zum Glück, nicht Deutschland.

Den politischen Gefrierschrank nach einem angewiderten Blick wieder zuzuschlagen beseitigt nicht seine Existenz. Mit meinem Gang zum Briefkasten, noch im Halbschlaf, öffne ich die Tür jeden Morgen aufs Neue um nachzusehen, ob der Inhalt bereits schimmelt, ich lasse mir die Geschehnisse des Vortags zur ersten Tasse Kaffee in Papierform dokumentieren. Wenn ich Minuten später das Haus verlasse müsste ich jeden Morgen schmerzlich konsequent fragen, warum es sich Angela und ihre karrieregeile Familie auf den Chefsesseln der Republik so bequem machen konnten -

warum die Kätzchen unter den Kommilitoninnen Haut und Lächeln schaustellerisch zu kurzem männlichen Anklang führen bis sie eines Tages glauben, weit genug zu sein, um in den Hosenanzug zu wechseln. So lange grassierende Miesekatzigkeit den Wunsch nach ehrlicher Weiblichkeit verdrängt wird die Familienministerin in reaktionärer Ungestörtheit weiter die Mutter vor der Frau platzieren.

Aus Mangel an Idealen wärme ich mich weiter an Takeawaybechern, die Weigerung, weder einem pragmatisches Katzenlächeln noch der gedanklichen Enge vermeintlich offener BesetzerInnen in der Uni Zutritt zu meiner Welt zu gewähren. Man kann sich wundern, wie ich fehlende Ideale an den Pranger ketten kann während ein bildungsstreikendes Uni-Umfeld diesen Mangel krampfhaft zu beheben versucht. Man wird das Wundern einstellen, wenn man die seltsamen Blicke gesehen hat, mit denen seltene Gäste der Besetzung ohne gelbes Zugehörigkeitsaccesoire bedacht werden. Es soll vertraute Gemütlichkeit herrschen bei der Selbstbeweihräucherung zur erträumten Revolte.

Wir werden uns, alten Tiraden über Ideale hinterherhinkend, keinen Gefallen tun. Die Zusammenrottung in harmonischen Herden, welche stillschweigend die Angepasstheit ihrer Mitglieder verlangen um sich dem friedlichen Flow nicht zu entziehen, werden so lange an alten Pathos geklammert in Embryonalstellung verharren, bis sie selbst nicht mehr an Umstürze glauben. Es sieht aus, als müsste ich noch eine Weile an meinem Heißgetränk festhalten und mit milchschaumbenetzten Lippen nach den Unebenheiten im Einheitsbrei der sozialen Kälte Ausschau halten. Solange ich dabei keinen Hosenanzug trage kann es immerhin noch schlimmer kommen.

read more:
+ Studenten / Straßen / 1997 - Johannes Finke bei flannel apparel
+ Scharfe Kritik am Betreuungsgeld - der Tagesspiegel
+ Nach dem Jung-Rücktritt - Spiegel Online

Nachtrag
Wenige Minuten, in denen ich in Worte vertieft war, haben Ursula von der Leyen nach Jungs Rücktritt zur Arbeitsministerin gemacht. An die Stelle verhinderter staatsmännischer Qualitäten tritt ein nur aus mütterlicher Perspektive beschriebenes Blatt. Mir fehlt das Fazit, arbeits- und frauenpolitisch, das letztere Themenressort markiert ohnehin eine leere Seite im Koalitionsvertrag.

Kommentare:

  1. Die FAZ zitiert übrigens unsere neue Familienministerin mit den Worten, sie wolle Karriere machen, "ohne jemals zur Feministin zu werden". Zumindest in dieser Hinsicht hat von der Leyen eine würdige Nachfolgerin gefunden.

    AntwortenLöschen
  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen

Netiquette
Welcome to my living room. Statements, Meinungen, Feedback, Anregungen, etc. gerne in dieses Feld. Dazu bitte ich dich, zwei Dinge zu beachten:

1. Um nicht grau und schemenhaft zu bleiben hinterlasse bitte einen Namen und kommentiere nicht "Anonym". Ob jemand seine Identität im Netz preisgeben will oder nicht, bleibt selbstüberlassen - es genügt dein Vor- oder Spitzname.

2. Beleidigende Kommentare und solche ohne thematischen Bezug werden gegebenenfalls gelöscht.

Blogger Templates by OurBlogTemplates.com 2007