Ich werde nicht die Erste sein damit, feststellend, dass wir jung sind, dass wir viel wollen und alles gleichzeitig, ein
Gehäuse für das Verlangen nach Geborgenheitsgefühlen neben der Sucht nach Fremde zwischen zwei Wimpernschlägen.
Wir sind Anfang Zwanzig, unterhalten uns an langen
Mensatischen in kurzen Mittagspausen zwischen Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften, Bibliotheksaufenthalten über ziegelgroßen Kommentaren und Kompendien sogar über Kinder. Ab und an, halbernst, Lebensentwürfe zwischen undefinierbarer
Kartoffelsuppe und Großküchenpudding.

Schreibtischnotizen, Kontaktdaten der Sekretariate anderer Universitäten, weltweite Bewerbungsfristen - der Plan B auf Klebezetteln in greifbarer Nähe, aber man hat sich doch eingerichtet in der ersten Wahlheimat. Sprachkurse belegen für die vorderen
Listenplätze im
Erasmus-Programm, Auslandssemester gehören mindestens zum
guten Ton. Wir sind
angestrengt damit beschäftigt, uns zu individualisieren, das Selbst möglichst heftig zu erfahren. Während die einen auf Ritalin in der Bibliothek zum
großen Wurf ansetzen, dem vermeintlichen Befreiungsschlag, diskutieren die anderen über Spießigkeit mit dem einzigen Ausweg: weg von hier, wohin auch immer die einzige Maxime,
kafkaesk. Wir sind für alles zu haben, nur nicht für Mittelwege. Das Wort enthält zuviel Durchschnitt, daher beschränken wir die Auswahlkriterien für unsere Entwürfe auf die Stromlinie und deren radikales Gegenteil. Um dem kleinkarierten Jungspießer-Ehrgeiz zu entkommen begeben wir uns auf eine gehetzte Suche nach Umwegen, die Menschwerdung findet gerade woanders statt. Wir taufen das Modell kreative Lebensart und wollen sie dabei so dringend, die Tuchfühlung mit der
Popkultur. Vier Wände in schwarzweiß, noch zu früh, um zur Ruhe zu kommen und Bilder aufzuhängen. Studium bedeutet Freiheit, für die wir uns jederzeit mit Post-Its und Hinterkopfgedanken bereitzuhalten meinen.
Eine Verschiebung von Begriffen mit weitreichenden Folgen - die Zeiten sind vorbei, in denen man ohne den Geschmack der Welt zwischen den
Zähnen in Trier oder Marburg studieren konnte. Orts- und Studienwechsel, Nebentätigkeiten im politischen, kulturellen, sozialen Spektrum für eine Persönlichkeitsentfaltung auf Spitzenniveau - es kommt nicht ungelegen, im Vorbeigehen ein paar Softskills für den Lebenslauf abzugreifen. Wir haben den Individualismus
angepasst.
Ich frage mich, wann uns zuletzt an den langen Mensatischen Gedanken darüber kamen,
was wir wollen und wo sich unser Wollen und der sprunghafte Tatendrang berühren. Wann wir zuletzt etwas zum Selbstzweck getan haben. Oder ob wir verlernt haben, zu wollen, weil wir glauben nicht zu müssen, da wir frei zu sein wünschen und die Pläne B und C ohnehin dazu dienen, uns selbst und unseren Willen erst kennenzulernen. Wir werden bequem in der
Unverbindlichkeit, die uns in warme Wolldecken hüllt und in den Schlaf wiegt, indifferent wo wir aufwachen doch das Alte vermissend.
ist das dann überhaupt individualismus, wenn alle im namen des individualismus das gleiche tun? mir scheint, alle meinen, einen eigenen weg zu gehen, bei genauer betrachtung ist der weg aller aber der gleiche mit minimaler abweichung.
AntwortenLöschenguter text auf jeden fall.
bernhard
Überragender Text.
AntwortenLöschenwow, deine art zu schrieben ist einfach wundervoll
AntwortenLöschenEin an Gedanken und -sprüngen reicher Text, dicht genug um die neue Autorin der Generation Krise ausmachen zu können!
AntwortenLöschenLG Dominik