Mittwoch, 23. September 2009

who wants to be a porn queen

ich habe da so ein Programm, eins das vermutlich beinahe jeder bloggende Mensch zumindest irgendwann mal gehabt hat, eins welches meine Besucher zählt, Referrer (d.h. die Seite, von der aus jemand auf meinen Blog gestoßen ist) anzeigt und die Suchwörter bei Google auflistet, welche die NetzsurferInnen an ihren Laptos, PCs, Smartphones und ähnlichem technischem Gerät irgendwo dort draußen zu meiner Seite führen.

Wer "stadtpiratin" bei Google eingibt, sucht mich, höchstwahrscheinlich. In der Liste finden sich ansonsten Begriffe wie "Feminismus", "Feministische Rechtswissenschaft", "Jura Hausarbeit", unzählige weitere. Unter den Suchwörtern findet sich jedoch auch "Sex Mädchen", "gemeinsam wichsen Heidelberg", "Manuela Schwesig nackt", "wichsen wie oft" oder "Mädchen hat Sex mit Frau". Dank einer vorangegangenen Überschrift, "Dein Sex, Mädchen" weiß ich zumindest, wo es herkommt. Gut möglich, dass ich auch "wichsen" schon einmal ausgeschrieben benutzt habe und spätestens nach diesem Post werden die Masturbationsvorlagen googelnden BesucherInnen meiner Seite nicht weniger.

Kopfzerbrechen bereiten mir davon die Wenigsten, Verwunderung ist dabei über diejenigen, welche die SPD-Familienexpertin Manuela Schwesig offenbar nackt sehen möchten. Ekel lediglich bei dem Suchbegriff "kleine Sexmädchen".

Mir schwindelt bei der ungeheuren Zahl Menschen, die sich täglich im Internet auf die Suche nach pornographischem Material begeben. Dabei ist weder der Pornokonsum noch die schiere Masse an Konsumenten einzeln betrachtet erschreckend. Der alltägliche mediale Sexkonsum umgibt mich und packt mich sanft in Daunen, die Omnipräsenz werbewirksam platzierter sexueller Anspielungen, die vermeintliche Abgeklärtheit meiner Generation, man kann uns nichts mehr vormachen. Mein sezierendes Interesse an der erdrückenden Dunkelziffer Sexsuchender im Internet zeichnet ein anderes Bild, die KonsumentInnen sind offenbar vorhanden, still, eine gesellschaftliche Grauzone, der Datentransfer geschieht im Verborgenen.

Die Thematik streift mich täglich, oft unbemerkt, dann wieder frontal wie etwa in "Paradiso", einem Roman von Thomas Klupp, den ich gestern nacht zu lesen begonnen habe. Der Protagonist Alex will eigentlich nur per Mitfahrgelegenheit von Potsdam nach München zu seiner Freundin. Als jedoch der erwartete gelbe Passat nicht auftaucht, lässt er sich von einem alten Schulfreund mitnehmen, der ihn an einem verlassenen Standstreifen sich selbst überlässt, worin eine außergewöhnlich surreale Odyssee über Deutschlands Autobahnen ihren Anfang nimmt. Unterwegs landet Alex in der "Erothek" einer süddeutschen Autobahnraststätte, ich lese und genieße gierig die Schonungslosigkeit, die mir nur umgeben von Mauern des Selbstschutzes begegnen kann - der Fiktion.

"Die Farben auf den Schutzhüllen [der Videokassetten] sind bereits verblichen, und viele Schauspielerinnen haben Frisuren, wie es sich heutige Pornodarstellerinnen gar nicht mehr erlauben könnten. Blondierte Dauerwellen und auftoupierte Ponys, und die Männer tragen noch Schnauzbärte und Vokuhilas, und einer hat sogar einen Blaumann an und hält eine Rohrzange in der Hand, weil er der beliebteste Klemptner der gesamten Nachbarschaft ist. Im Vergleich zu den DVD-Motiven wirkt das alles so freundlich, so als wären das Pornos für Kinder und Jugendliche, also ganz naive und harmlose Pornos, als wäre der Sex und alles nur gespielt, jedenfalls nicht so klinisch glatt und brutal wie die heutigen Filme, wo den Frauen am Schluss gleich von sechs Schwänzen isn Gesicht gespritzt werden muss, damit es noch jemanden interessiert."

Wonach suchst du, nächtlicher Besucher meiner Seite, oder ist es erst Nachmittag? Sitzt du im Büro, in deiner Studentenbude, in weitläufigen Schlafgemächern oder bist du unterwegs, mit dem Smartphone in der S-Bahn auf der Suche nach sexuellen Anregungen für einen einsamen Abend? Sucht ihr vielleicht gemeinsam und warum, aus welchen Beweggründen sucht ihr womöglich nach klinischer Brutalität?

Im Oktober 2007 schreibt Alexander Marguier in der FAZ über den alarmierend ansteigenden Konsum von Gewaltpornographie und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Alice Schwarzer als Herausgeberin der Emma, die sich ebenfalls einige Monate zuvor mit der Thematik beschäftigt hat, kommt im Netz seiner Zeilen nicht gut weg. An mancher Stelle komme ich nicht umhin, ihm zuzunicken, denn in der Emma finde ich folgende Definition von Pornografie: "... ist die Verknüpfung in Text oder Bild von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt (Es geht also bei der Kritik an Pornografie nicht um Kritik an Nacktheit, Erotik oder Sexualtität)."

Auch wenn hier also nicht mit dem Vorschlaghammer die Erotik zetrümmert wird bleibt für mich im Dunkeln, warum andererseits pauschalisierend jegliches pornographisches Material aus feministischer Sicht verwerflich sein soll. Wenn auch möglicherweise nicht in vergleichbarem Maße, so gibt es doch auch Konsumentinnen von Pornographie. Wird mit der Sichtweise der Emma nicht ungenutztes weibliches Potential sexuellen Lustempfindens bereits im Vorhinein verteufelt und damit einer von Männern sowohl auf Seiten der Konsumenten als auch in der Produktion dominierten Branche jegliche Möglichkeit der weiblichen Einflussnahme entzogen?

Zugegeben, die Beschäftigung mit dem Thema Pornographie bewegt sich stets auf einem schmalen Grat zwischen sexueller Toleranz und deren von Nacktheit und Lust verschleierten Schattenseiten - vornehmlich extreme Brutalität und die Reduktion der Weiblichkeit, deren trauriges Resultat das Objekt ist. Ich will nicht über gesellschaftliche Auswirkungen von Pornographie spekulieren, wie es 2007 der Stern getan hat. Fakt ist zumindest, dass die Herstellung und Verbreitung von pornographischem Material, welches Gewalttätigkeiten zeigt, in Deutschland gemäß § 184a Strafgesetzbuch verboten ist. Hier gehen jedoch, wie die Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle in der FAZ zu Protokoll gibt, Gesetz und Realität unter Umständen auseinander.

Mich interessiert zunächst, was die Menschen vor ihren Bildschirmen berührt, worüber sie nachdenken und warum sie sexuelle Gewalt konsumieren, denn ohne etwa sadomasochistische Neigungen undifferenziert aburteilen zu wollen gehe ich davon aus, dass die Mehrheit der Deutschen von anderen Dingen träumt als von Schlägen und ähnlichen sexuellen Liebenswürdigkeiten. Zudem hat die Gewalt in Pornos nicht unbedingt einen ästhetischen Aspekt - ob man gewisse Vorlieben teilt oder nicht, woher kommt der klammheimliche, fast stumme, im Verzehrverhalten dagegen lautstarke, räumlich greifbare Schrei nach mehr? Und wenn ein Mehr an Gewalt die Erniedrigung der Weiblichkeit weiter vorantreibt, den Blütenblättern ihre letze Kraft raubt bis nurnoch der verdorrte Stamm übrigbleibt, wie hat eine Frau diesem zu begegnen ohne die eigene sexuelle Freiheit zu beschränken?

Die dünne Eisdecke der aufgeklärten Toleranz ist brüchig, die Risse werden tiefer je weiter sich die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse mit Gewalt verselbstständigt. Kein einziges bedeutendes Tabu ist gebrochen, so lange man sich wenn überhaupt mit verschämtem Grinsen versteckt in Nebensätzen über Youporn unterhält, ohne persönlichen Bezug, man hat davon gehört so wie man immer alles irgendwo hört, niemand hat jemals irgendetwas mit eigenen Augen angestarrt. Und womöglich dabei etwas wie Lust empfunden.

Kommentare:

  1. Ich habe etwas angestarrt und dabei Lust empfunden. Ich gucke auf seiten wie Youporn, um mich zu erregen und meinen Spaß zu haben.

    In einem einzigen Satz schreibst du, dass du sadomasochistische Neigungen nicht undifferenziert aburteilen willst, aber dein gesamter Post tut doch genau dies.
    Warum gehst du davon aus, dass alle Menschen Gewaltpornographie sehen wollen und dennoch keine Sadomasochisten sind? Warum kann es nicht sein, dass die Menschen, die sich solche Filme ansehen eben auch entsprechende Neigungen haben???

    Aber um ehrlich zu sein, lese ich lieber Gewaltpornografische (was für ein schreckliches negatives Wort, obwohl BDSM eigentlich nichts mit Gewalt zu tun hat!) Schriften. Denn in bei einer gelesenen Geschichte kann man viel mehr die eigene Fantasie benutzen und sich in die Geschichte hineindenken...

    AntwortenLöschen
  2. Aaalso dass BDSM überhaupt nichts mit Gewalt zu tun hat ist doch Quatsch. BDSM ist "gespielte" Gewalt, und das Angriffssubjekt willigt ein. Aber viele SM-Romane haben zur Handlung, dass der Wille des Opfers gebrochen wird und es schlussendlich daran gefallen findet. Das anfängliche Brechen des Willens ist sehr wohl Gewalt, und solchen Phantasien liegt die Sehnsucht nach "richtiger" Gewalt zugrunde, nur überwiegt schlussendlich bei BDSM die Vernuft und die Empathie, weshalb die Gewalt in einem relativ sicheren Rahmen spielerisch praktiziert wird (ist jedenfalls meine Theorie...)

    AntwortenLöschen
  3. Aber das ist eine ganz schön schwachsinnige Theorie! Keiner, der BDSM praktiziert (egal auf welcher Seite) hat eine Sehnsucht nach "richtiger Gewalt"!

    Es ist viel mehr geprägt von Vertrauen und Hingabe als von Gewalt. Das Brechen des Willens kann übrigens auch von der später unterlegenen Person erwünscht sein und stellt daher auch nicht zwangsläufig Gewalt dar.

    Gewalt ist immer etwas, das gegen den Willen eines Opfers vom Täter an eben jenem ausgeführt wird und dies ist bei BDSM nicht der Fall!

    AntwortenLöschen
  4. @mirabella: deinem beitrag liegt wohl ein missverständnis zu grunde. unabhängig von der frage, wie und in welchem maße bdsm nun gewalt ist oder nicht und wie schlimm oder weniger schlimm das ist, spreche ich in bezug auf gewaltpornographie gerade von solchen filmen, die nicht unbedingt nur mit bdsm zu tun haben, sondern ohne handlung und hintergrund gewalt verherrlichen. und in diesem zusammenhang gleichzeitig leider viel zu oft frauen erniedrigen. filme, in denen es nicht um herrschen und beherrscht werden geht, sondern die macht, die sich gewalttätig manifestiert auf seiten des mannes oder der männer liegt, die frau hingegen zum objekt degradiert wird.
    natürlich geht es ebenfalls um bdsm, meine diesbezügliche stellungnahme geht aber lediglich dahin, dass ich glaube, dass diese form der sexuellen neigung nicht in dem maße verbreitet ist, in dem gewaltpornographie (und zwar nicht nur "freiwillige unterwerfung") konsumiert wird. und davon gehe ich tatsächlich aus, ja. was aber nichts mit einem urteil über bdsm zu tun hat.

    AntwortenLöschen
  5. Und das denke ich eben nicht, dass diese sexuelle Neigung nicht in dem Maße verbreitet ist, in dem Gewaltpornographie (oft im Film nicht erkennbar ob "freiwillige Unterwerfung" oder nicht, da es eben auch darum geht, den unterlegenen zu unterwerfen und seinen Willen zu brechen, wobei der genau das will) konsumiert wird.
    Seit ich weiß, dass ich selber diese Neigung habe und mit meinen Freundinnen darüber auch spreche, fällt mir erst auf wie viele Menschen diese Neigung haben, allein drei meiner guten Freunde und ein Freund.
    Man sieht den Leuten sowas nicht an und viele reden nicht drüber, aber sowas kommt weitaus häufiger vor als die meisten denken.

    AntwortenLöschen
  6. Männer, die sich regelmäßig Gewaltpornos reinziehn sind sowieso nicht mehr ganz dicht! Sorry, aber das kann man nicht anders sagen! Selbst Alice Schwarzer wusste schon, dass Männer Gewaltpornos anglotzen um sich in Stimmung zu bringen - um uns Frauen danach zu vergewaltigen!!!

    AntwortenLöschen
  7. Witzig. Ich habe nach "Manuela Schwesig nackt" gegoogelt und bin hier gelandet. Dabei hat es mich gar nicht nach sexueller Anregung gelüstet, vielmehr habe ich die Dame bei Plasberg gesehen und dachte „Oh – eine junge, gutaussehende Politikerin. Das kann doch nix werden, bestimmt wird die im Internet schon als Porno-Queen gehandelt.“ Es ist nämlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass erfolgreiche Frauen a) auszusehen haben wie verkleidete Männer oder b) ihr Aussehen in den Mittelpunkt ihrer Geschäftstätigkeit zu setzen haben.

    Was den Konsum gewaltgeladener Pornografie anbelangt, denke ich, dass man da ein wenig differenzieren sollte. Hier entsteht der Eindruck, dass BDSM und Gewaltpornos dasselbe seien. Das ist jedoch ganz sicher nicht der Fall. Zunächst finde ich persönlich manchen völlig gewaltfreien Film mit willigen, geilen Weibchen deutlich erniedrigender als BDSM-Pornos mit Submissions-Spielchen. während man bei BDSM von einer recht hohen Freiwilligenquote ausgehen kann, dürfte das bei deutlich gewaltfreieren Teen-, Bukake-, Ex-Girlfriend- und sonstigen Sauereien eher nicht der Fall sein. Wenn es um Gewaltpornografie geht, sind also eigentlich ganz andere Dinge gemeint. Plattformen wie Youporn überschreiten deutlich die Grenzen des ethisch Vertretbaren und sind sicher nicht harmlos (denn es ist nicht glaubwürdig, dass alle weiblichen Models freiwillig an den Drehs teilnehmen), aber die eigentliche Problematik spielt doch jenseits dieser letztlich legalen Anbieter. Vor allem ist der Gewaltanteil aus dem Inhalt gar nicht erkennbar, denn ein Teenager, der sich unter Zwang vor der Kamera auszieht, ist mitunter größerer Gewalt ausgesetzt als eine professionelle Darstellerin, die brutal wirkende Szenen über sich ergehen lässt.

    Dass die "Erniedrigung der Weiblichkeit" dabei vorangetrieben wird, ist meines Erachtens allerdings eine klassische feministisch-stereotype, in keinster Weise belegbare Unterstellung, die, konsequent weitergedacht, zu solchen unreflektierten Äußerungen wie dem Beitrag von Isquierda führt. Ich glaube, dass Frauen ihre Sexualität immer freier und zwangloser ausleben können, und dass viele den Aspekt der Erniedrigung nicht oder bei ganz anderen Szenen als Sie empfinden. Dass Pornos so sind wie sie sind, liegt daran, dass Menschen beider Geschlechter die unterschiedlichsten Dinge erregend finden. Und dazu mag für viele Frauen auch gehören, sich einem Mann zu unterwerfen. Ebenso wie das umgekehrt der Fall ist.

    Übrigens: über den ästhetischen Wert von BDSM-Pornos zu urteilen, steht weder Ihnen noch mir zu – denn dieser liegt ja ganz offenbar im Auge des Betrachters / der Betrachterin.

    AntwortenLöschen

Netiquette
Welcome to my living room. Statements, Meinungen, Feedback, Anregungen, etc. gerne in dieses Feld. Dazu bitte ich dich, zwei Dinge zu beachten:

1. Um nicht grau und schemenhaft zu bleiben hinterlasse bitte einen Namen und kommentiere nicht "Anonym". Ob jemand seine Identität im Netz preisgeben will oder nicht, bleibt selbstüberlassen - es genügt dein Vor- oder Spitzname.

2. Beleidigende Kommentare und solche ohne thematischen Bezug werden gegebenenfalls gelöscht.

Blogger Templates by OurBlogTemplates.com 2007