Sonntag, 6. September 2009

in between summer

Ich bin zurück. Finally, nach drei eigentlich kurzen Wochen, davon 2 größtenteils auf französischem Atlantikstrandboden und eine in Esslingen // Stuttgart, dem alten Heim. Trotz des mittlerweile gewohnten Dahinfliegens der Zeit unterwegs betrete ich vorgestern Abend unsere Wohnung in Heidelberg und freue mich über so alltägliche Dinge wie die Schönheit unseres Holzdielenbodens, die in der kurzen Zeit vor meinem inneren Auge verblasst zu sein scheint. Dort konfrontiert mit einem übervollen Briefkasten, mitunter eine Mahnung des Finanzamts (ich muss für unsägliche dreihundert Eurokronen Nebenerwerb in 2008 eine Steuererklärung abgeben), eine Wahlbenachrichtigung und Rechnungen für meinen Tageszeitungskonsum neben erfreulichen Dingen wie einer Postkarte aus Barcelona. Dank meines Briefkastens hat mich der Alltag also innerhalb von Minuten wieder zwischen den Zähnen, was ebenfalls ein seltsames Gefühl hinterlässt, nach drei Wochen (mehr oder minder) ohne Internet und Mobiltelefon (Akkuversagen). Meine elektronischen Kontaktwerkzeuge haben mir wenig gefehlt, und doch benutze ich sie mit wachsender Begeisterung seit meiner Rückkehr, das ist wohl der postsommerliche Lauf der Dinge.

Diesem Phänomen rechne ich ebenfalls hinzu, dass ich jetzt an einem mit grauweißem Himmel bedeckten Sonntag im Kapuzensweater auf dem Sofa sitze und einen Kräutertee trinke, in dessen Produktbezeichnung "Harmonie" vorkommt. Die warme Flüssigkeit rinnt in regelmäßigen Abständen warm meine Speiseröhre hinunter, wie herbstlich, ich muss mir die Ärmel ein Stück hochziehen, wenn auch nur aus Trotz, um meine nun sichtbaren Unterarme in französischer Atlantiksurfbräune zu betrachten, es kann noch nicht allzu lange her sein.

Ich nutze den von dicken Wolken abgeriegelten Sonntagnachmittag, um Urlaubsfotos zu sortieren, zu bearbeiten und mich währenddessen an viele kleine Begebenheiten zu erinnern, mich darüber zu amüsieren und das Geschehen via Mediathek und neuer Wiedergabeliste mit dem eben entstandenen Titel Der postsommerliche Lauf der Dinge mit Dillon, The Gossip und Lykke Li zu intonieren.
Nachdem der Mann zwischenzeitlich das Steuer übernommen hat, wähle ich auf dem Weg nach Cap Ferret // Atlantik an irgendeiner schweizer Tankstelle zwischen Zürich und Bern die aktuelle Vogue zu meiner Autofahrtzeitschrift und fühle mich, das nicht enden wollende Anti-Aging-Specials durchblätternd, recht jugendlich. Mit dem Kommentar versehen, dass ein Vogue-Abo wohl schon allein wegen mangelden Alterserscheinungen zum gegebenen Zeitpunkt nicht in Betracht kommt (nach meiner Neon-Kündigung befinde ich mich immernoch auf der Suche nach Ersatz) weicht dieses Gefühl der abfälligen Verwunderung als ich zum Vogue Beauty Teil auf Seite 176 gelange, innerhalb dessen mit einer Portion Hochglanz lackierten sogenannten Inhalt ein "Gym-Set" aus dem Hause Louis Vuitton beworben wird. Unter der Plastikfolie verbirgt sich ein Baumwollhandtuch sowie Schweißbänder für Stirn und Handgelenke, 215 Euro soll das kleine, Wellness und körperliche Ertüchtigung inszenierende Paket kosten, selbstverständlich dank des großflächig aufgetragenen Markenschriftzugs. Es ist ja nicht so als würde ich nicht wissen, zwischen den Seiten der Vogue das ein oder andere Designobjekt vorzufinden, welches mein studentisches Budget übersteigt. Aber, Entschuldigung, what the fuck? In der Regel genieße ich die neu geschöpften Innovationen in Schnitt und Stoff, verpackt in beeindruckender Modefotografie, oder von mir aus auch zwischendurch irgendwelche besonderen Körperpflegeartikel. Das in Plastik verpackte Frottee-Erzeugnis kann meines Erachtens jedoch weder stilistisch noch zweckbetreffend eine besondere Eigenschaft für sich beanspruchen - wem also gar nicht mehr einfällt, wie man das Geld noch gekonnter, nur vermeintlich stilvoll aus dem Fenster befördert: bitte kaufen.

Währenddessen haben wir seit der Tankstelle zwei von leichtem Bauernhofduft umwehte Pfadfinderjungens auf der Rückbank, die auf jeden Fall heute noch nach Lyon kommen wollen. Wir nehmen sie mit bis Genf, wo wir uns von Rolexflagstores und ähnlichem Pomp umgeben für Mäc statt Schnecken zum Abendessen entscheiden.Nach einem weiteren Tag und der folgenden Nacht auf einem als Campingplatz ausgewiesenen begrünten Acker, mit Sternenhimmel und der zugehörigen stillen Romantik einer Nacht im Nirgendwo erreichen wir den Zielort Cap Ferret. Weitere Ereignisse: Surf Lessons, ein Trip nach Bordeaux mit einiger Begeisterung für die Stadt - gemütlich durch viele kleine Gassen, beeindruckend durch teils imposante, teils schnörkelige Altbauten und mit ihren vielen kleinen Läden und Kaffees ebenso viel Zeit beanspruchend, um sowohl Menschen als auch die ein oder andere Klamotte zu betrachten. Weiterhin ein Abendessen in strandnahem Hinterhofrestaurant mit Austern, gegrilltem Thunfisch, Rosé und einem traumhaften Nachtisch, dessen Name mir entfallen ist. Es hatte mit karamellisierten Äpfeln zu tun, flambierten Teigstückchen und Vanilleeis. Ansonsten ist mein bestes Urlaubsmitbringsel brettförmig und heißt Polly. Ab und an stehe ich wohl darauf, Dingen Namen zu geben, mein Fahrrad heißt übrigens Rosi, soviel dazu.
Ich bin weit von irgendeiner Form der Perfektion meiner Surfkünste entfernt und erinnere ich mich bereits mit Wehmutsanflügen daran rauszupaddeln, von der Welle getragen zu werden und auf dem Brett zu stehen, wenn auch gefolgt von schnellen Stürzen und honoriert mit monströsen Hämatomen an Knien und Becken. Da sich nun ein Brett mit dem Namen Polly mein Eigen nennt, wird die nächste surfin vacation nicht lange auf sich warten lassen, im Warten war ich sowieso nie besonders talentiert.















And sometimes, a bag makes me happy. Dieses Exemplar hat unterwegs einiges durchgemacht, von Bordeaux nach Cap Ferret und den ganzen langen Weg zurück über Lyon, Genf, Zürich, Stuttgart bis nach Heidelberg. Und so herbstlich, wie sich dieser Sonntag bereits gibt, enthält meine strapazierfähige Tüte von Comptoir des Cotonniers die perfekte Klamotte für süddeutsche Septembertage. Schwerer schwarzer Strick, Baumwolle, toller Schnitt und ein Schleifchen. I like my first autumn accessoire.

Zurück vermisse ich das frische Baguette zum Frühstück, das Meer und die Möglichkeiten, die sich mit einem Campingplatz im Pinienwald direkt hinter der Düne ergeben. Täglich surfen zu gehen beispielsweise, oder die Zeit dazwischen für nichtstun, schlafen und Bücher lesen.

Und zurück geht der Wahlkampf in die heiße Phase, aber ich vermisse spannende Thesen und Kontroversen, das Spektakel erscheint gesetzt und hat einen Graustich, das Stichwort Wattewahlkampf bestätigt seine Entstehungsgeschichte. Ich werde die nächsten Wochen bis zur Wahl nutzen, um irgendwie geartete Polit-Informationshappen zu ergattern; wer Lust hat, mitzudebattieren und sich etwas lebhafter zu informieren, dem sei an dieser Stelle die Wahlkampfarena beim Freitag empfohlen, die auch ich in nächster Zeit noch des Öfteren konsultieren werde. Von besonderem Interesse meinerseits wird unter anderem die Debatte, angestoßen durch die Nachfrage von Julia Seeliger, über den kümmerlichen Frauenanteil bei der Piratenpartei verfolgt, der bei geschätzten zehn Prozent angesiedelt wird. Man beachte die anschließende Diskussion, bei der die Frage zurückbleibt, warum eine sonst fortschrittliche neue Partei gerade an diesem gesellschaftlich elementaren Aspekt zu scheitern im Begriff ist. Hierbei ist es sicher zu einfach, die Thematik mit dem Hinweis abzulegen, dass der Ursprung der Partei, das Internet, aufgrund seiner technischen Bezüge zur männlichen Dominanz innerhalb der Piraten führt. Soweit zunächst zur anstehenden Bundestagswahl.

Zudem werde ich mich für einen Artikel für den Reader des Arbeitskreises kritischer JuristInnen Heidelberg mit feministischer Rechtswissenschaft befassen, thematische Anregungen hierzu sind herzlich wilkommen. Und zuallererst: eine weitere Tasse Tee trinken und höchstwahrscheinlich heute Abend vor dem Tatort das Sofa endgültig zum Möbelstück des Tages erklären.

foto // cardigan: comptoir des cotonniers

Kommentare:

  1. dein kleiner urlaubsbericht lässt mich sehnsüchtig an anfang august zurückdenken, als ich (ausgenommen das surfen) genau das gleiche gemacht habe. cap ferret ist wirklich wunderbar zum entspannen.
    eventuell kennst du den verein ja schon, aber vielleicht wäre eine mitgliedschaft im djb (www.djb.de) was für dich? das erste jahr ist kostenlos, danach 40 € für studentinnen. ende september findet außerdem in karlsruhe ein interessanter djb kongress zum thema "integration durch recht" statt. der teilnahmebeitrag ist leider sehr hoch, aber es gibt die möglichkeit einer patenschaft.
    der begriff "netzwerk" ist zwar ziemlich ausgelutscht und erinnert immer stark an bwl- studenten, aber man kann auf deren veranstaltungen wirklich tolle frauen kennenlernen, die alle sehr interessante lebenswege haben und einem gute tips geben können. LG anne

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  2. vielen dank für den tip, ich kannte den verein tatsächlich noch nicht und habe mir gestern mal die homepage angesehen. klingt sehr interessant, was die machen, das werde ich auf jeden fall weiterverfolgen!

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