Samstag, 25. Juli 2009

wohnzimmerbericht // die brisanz der thematik

erneut grüßt die Eva von der Couch. Die leere Sektflasche steht noch verloren auf dem Boden und die Erschöpfungsphase von letzter Nacht löst sich langsam aber absehbar in Wohlgefallen auf, Zeit die Flasche mal zu beseitigen.

Seit dem gestrigen Gründungstreffen des Arbeitskreises kritischer JuristInnen Heidelberg kreisen meine Gedanken weiter um Möglichkeiten und neue Interessenschwerpunkte, die sich mit meiner Entscheidung zum Jurastudium ergeben.
Gleichzeitig fördert der Studiengang täglich kuriose Geschichten zu Tage, von den zwielichtigen Einheitsgestalten mit Segelschuhen und Pferdchen auf der Brust mal ganz abgesehen. In der Rechtswissenschaft liegen die Grundsteine unserer heutigen Gesellschaft, unser Rechtssystem regelt das Zusammenleben im Privaten sowie das Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Es geht also nicht lediglich darum, das Recht, wie es geschrieben steht, anzuwenden und Prüfungsschemata auswendig zu lernen oder sich um der guten Note willen mit der "herrschenden Meinung" abspeisen zu lassen. In diesem Bewusstsein muss es seltsam erscheinen, wenn 350 StudentInnen in der Grundvorlesung Staatsrecht beim Thema Sozialstaat nicht aufhorchen, wenn uns aus der Schwarzweiß-Perspektive eingetrichtert wird, dass diese verfassungsrechtliche Grundentscheidung "eine bloße Richtlinie" darstellt, bei deren Ausgestaltung zunächst einmal dem Gesetzgeber ein "weiter Gestaltungsspielraum" zukommt. Ein Semester später sollen wir in der Grundrechte-Vorlesung die klassische Familie als das optimale Umfeld für heranwachsende Kinder kennenlernen und mit demselben Atemzug schlucken, dass einzig die Ehe zwischen Mann und Frau den grundrechtlichen Schutz von Art. 6 [Ehe und Familie] genießt, von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ist in diesem Kontext keine Rede. Andere Ansichten werden nicht näher dargestellt, man hat hinzunehmen, was der Professor persönlich zum jeweiligen Thema meint. Einigen Kommilitonen dämmert gar nicht erst, dass uns die zwar oft herrschende, aber letztlich singuläre Meinung unter vielen dargelegt wird. Und wenn einmal Zweifel auftauchen sollten, erweist es sich in den meisten Fällen als der sichere Weg, in Klausuren und Hausarbeiten mit der gängigen Ansicht zu argumentieren, denn Abweichler sieht der gängige Korrektor gar nicht gern und zieht gleich mal vorsorglich ein paar Notenpunkte ab.

Weiter zielt die juristische Ausbildung darauf ab, uns zu Rechtspositivisten zu formen, die das geltende Recht bedingungslos verfechten, ohne die geschriebenen Normen je inhaltlich zu hinterfragen - Ausnahmen dieser zweifelhaften Zielsetzung sind Mangelware. Im Grunde gibt es nur wenige Studienfächer, die derart politisch sind wie die Rechtswissenschaft, jedoch wird einem die volle Brisanz der Thematik erst nach einer Zeit längeren Nachdenkens bewusst - Zeit die einem beim Auswendiglernen von Anwendungsformen des Rechts in der Regel nicht bleibt. Da der eher halbernst gemeinte Spruch
"An der Gesellschaft Spitzen
nun einmal Juristen sitzen"
einen gewissen Wahrheitsgehalt nicht leugnen lässt, sind dessen Folgen für die Gesellschaft vor dem Szenario der universitären Juristenausbildung mit einiger Vorsicht und Skepsis zu genießen.

Zur Erstsemesterbegrüßung letzten Winter kamen sie in Scharen, die frischgebackenen stolzen Burberryschal-Träger, das von den Eltern spendierte Einheitskleid als Visitenkarte für den erfolgreichen Start in die Stromlinienkarriere. Ich saß mittendrin und fühlte mich etwas verloren, bis ich das aufgeschlossen lächelnde Mädchen in der Mensaschlange anquatschte und im Handumdrehen eine Freundin hatte, mit eigenem Kopf und Klamottenstil. Es ist jedoch nicht selbstverständlich, sich als kritisch denkender Mensch im ersten Semester Jura in diesem abgestandenen Karrieretümpel sofort zurechtzufinden - viele, die ich erst später kennenlernte, waren in den ersten Wochen mehr als einmal drauf und dran, lieber heute als morgen zum nächsten neuen Ufer aufzubrechen. Schnell entsteht der Eindruck, dass es das nun nicht gewesen sein kann und man beginnt, an seinen Entscheidungen zu zweifeln, schließlich sehen die Leute aus anderen Fachrichtungen im Durchschnitt wesentlich sympatischer aus und bieten ein wohliges Klima freimütiger sozialer Interaktion.
Umso wichtiger, auch in Heidelberg eine Gruppe kritisch denkender Jurastudenten vorfinden zu können, die sich mit den Facetten von Recht und Gesellschaft auseinandersetzen, sich nicht damit zufrieden geben, Normen und Schemata unhinterfragt in die Köpfe zu hämmern. Es sind oft diejenigen, die Jura aus idealistischen Motiven oder politischem Interesse studieren, welche am Anfang drohen, verlorenzugehen.

read more:
+Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen
+Feministische Rechtswissenschaft - ein Studienbuch // herausgegeben von Lena Folyanty und Ulrike Lembke

Nebenbei rauche ich ab und an doch recht viel beim Schreiben, das Nikotin in meiner Blutbahn kommt dem Text zugute, irgendwie, vielleicht auch die schlichte Einnebelung meines Sofa-Selbst.

Kommentare:

  1. Ich empfehle, schnellstens die Uni zu wechseln, wenn Du solche Professoren hast und Kommilitonen hast.

    Zitat unter meiner Klausur: Sie vertreten nicht die herrschende Meinung und schneiden sich damit einige Probleme ab. Selbstverständlich kann Ihnen das nicht zum Nachteil gereichen. Konsequent und gut vertretbar folgen Sie der eingeschlagenen Richtung. Daher: 15 Pkt.

    Und Deine Segelschuhe-Pferdchen-Menschen waren bei uns diejenigen, die sich mit den Professoren gezofft haben ohne Ende... Anscheinend hast Du einfach einen Griff ins Klo getan oder bist mit Vorurteilen belastet ;-)

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  2. Ich denke, ich werde dieses Blog mal bookmarken. Ich weiß noch, wie mein erster Eindruck im Jurastudium war - und mittlerweile dissertier ich... wie doch die Zeit vergeht. Aber eines kann ich Dir sagen: keiner, der stumpf die h.M. vertritt, bekommt auch nur ansatzweise gute Noten. Und in meiner Diss, sowie sämtlichen Hausarbeiten (inkl. Examenshausarbeit) bekam die h.M. schallende Ohrfeigen. Geschadet hats definitiv nicht.

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  3. hehe, so haben wir unsere Sachen früher auch immer drapiert, damit das Foto schön dramatisch aussah und keiner wusste, dass wir nur die A/S-Skripte gelesen haben...

    Hat jedenfalls die Eltern immer schwer beeindruckt, wenn der Tisch so "nach Arbeit aussah".

    Viel Erfolg!

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